(1920-1999)

Geboren und aufgewachsen in Leipzig, bildete sich Hansjörg Martin an der dortigen Kunstakademie in Gebrauchsgrafik und angewandter Kunst aus. 1941 wurde er als Soldat eingezogen und an der Ostfront eingesetzt; später kämpfte er in den Niederlanden, wo er in Gefangenschaft geriet. Nach dem Krieg gab er seinen Wunsch, Buchillustrator zu werden, endgültig auf und arbeitete stattdessen als Kunstmaler, Grafiker, Schaufensterdekorateur, Zirkusclown, Bühnenbildner und Werbeberater sowie als Lehrer auf der ostfriesischen Insel Langeoog. 1953 bis 1960 war er verantwortlicher Redakteur einer Mitarbeiterzeitschrift im Hamburg, anschliessend bis 1963 Dramaturg bei einem auf Industrie- und Schulungsfilme spezialisierten Hamburger Filmproduktions-Unternehmen. 1963 liess er sich in Wedel bei Hamburg nieder und wurde freier Autor. Er schrieb vornehmlich Kriminalromane und Jugendbücher, aber auch zahlreiche Hörspiele und Fernsehdrehbücher, unter anderem für den ‚Tatort‘. Darüber hinaus engagierte er sich für die SPD in der Kommunalpolitik.

Hansjörg Martin, Verfasser von knapp dreissig Krimis und mehreren Bänden mit Kriminalstories, gilt als Begründer des „Neuen Deutschen Kriminalromans“ – sein Erstling ‚Gefährliche Neugier‘, der zuerst als Fortsetzungsroman im Wochenblatt ‚Stern‘ herauskam, verhalf ihm 1965 zu diesem Ruf. Mit einer Gesamtauflage von drei Millionen Exemplaren zählte er zu den erfolgreichsten Krimiautoren deutscher Zunge, eines seiner Bücher, ‚Kein Schnaps für Tamara‘, erschien sogar im angloamerikanischen Raum, doch in den 90er-Jahren wurde Martin durch jüngere Autoren an den Rand gedrängt – und heute ist sein Werk vergriffen.

Martins beste Krimis sind in den 70er- und Anfang der 80er-Jahre erschienen. Präzise, wenn auch etwas schablonenhafte Zeichnung von Haupt- und Nebenfiguren und detailreiche Schilderungen seiner überblickbaren Schauplätze (Dörfer, Provinzstädtchen, Inseln) sind die Stärken des gesellschaftskritischen Autors. In den späteren Romanen verliert die (nicht immer nachvollziehbare) Krimihandlung zu Gunsten von Kalauern und müden Witzen an Gehalt – und kommt vermehrt auch „Kommissar Zufall“ zum Einsatz.

‚Der Kammgarn-Killer‘, vielleicht Martins wertvollster Beitrag zur Kriminalliteratur, erzählt die traurige Geschichte des gealterten Textilvertreters Ernst Voigt, dessen kleines Leben jäh aus den Fugen gerät, als er seine ganze Frustration an einem seiner wichtigsten Kunden, dem einflussreichen Handelsmann und Kommunalpolitiker Otto Zylian, auslässt.

Zehn Romane kreisen um den liebenswürdigen, einzelgängerischen Ich-Erzähler Oberkommissar Leo Klipp von der Hamburger Mordkommission, einen etwas konturlosen, nicht besonders brillanten, aber recht fortschrittlich denkenden, ständig Schiller zitierenden Polizeibeamten Mitte dreissig, der bisweilen auch ausserhalb seiner Stadt ermittelt, immer wieder Prügel einstecken muss, für seinen couragierten Einsatz aber jeweils mit hübschen Romanzen belohnt wird. Dabei ist Klipp als Figur die einzige Konstante – das übrige Personal, inklusive seine aparten weiblichen Eroberungen, wechselt von Buch zu Buch.

Zwei Krimis, ‚Mallorca sehen und dann sterben‘ und ‚Heisse Steine‘, spielen auf Mallorca, wo Martin mit seiner Frau während vielen Jahren die Wintermonate verbrachte – und 78-jährig verstarb.

Nach Hansjörg Martin ist ein seit 2000 jährlich verliehener Preis für den besten deutschsprachigen Kinder- und Jugendkrimi benannt.

Bibliografie:

‚Gefährliche Neugier‘ (1965), ‚Kein Schnaps für Tamara‘ (1966), ‚Bilanz mit Blutflecken‘ (1968), ‚Cordes ist nicht totzukriegen‘ (1968), ‚Blut ist dunkler als rote Tinte‘ (1970), ‚Einer flieht vor gestern nacht‘ (1971), ‚Bei Westwind hört man keinen Schuss‘ (1973), ‚Mallorca sehen und dann sterben‘ (1973), ‚Schwarzlay und die Folgen‘ (1974), ‚Geiselspiel‘ (1975), ‚Dein Mord in Gottes Ohr‘ (1979), ‚Der Kammgarn-Killer‘ (1979), ‚Betriebsausflug ins Jenseits‘ (1980), ‚Herzschlag‘ (1980), ‚Das Zittern der Tenöre‘ (1981), ‚Gegen den Wind‘ (1984), ‚Heisse Steine‘ (1984), ‚Mitgegangen, mitgefangen, mitgeh…‘ (1996);

Kommissar Leo Klipp-Krimis: ‚Einer fehlt beim Kurkonzert‘ (1966), ‚Meine schöne Mörderin‘ (1969), ‚Rechts hinter dem Henker‘ (1969), ‚Feuer auf mein Haupt‘ (1972), ‚Wotan weint und weiss von nichts‘ (1976), ‚Spiel ohne drei‘ (1977), ‚Die grünen Witwen von Rothenfelde‘ (1982), ‚Süsser Tod‘ (1987), ‚Der Rest ist sterben‘ (1988), ‚Apollonia muss sterben‘ (1992).