(Kürzel für James Myers Thompson, 1906-1977)

Jim Thompson wurde in der Kleinstadt Anadarko, Oklahoma, geboren. Sein schlitzohriger Vater James Sherman Thompson Senior („Big Jim“) war Sheriff des Ortes, aber auch ein leidenschaftlicher Zocker. Nachdem er Geld veruntreut hatte, floh er mitten in der Nacht auf dem Rücken eines Pferdes nach Mexiko, um seiner Verhaftung zu entgehen. Zwei Jahre später kehrte er zu seiner Familie zurück und war in Oklohama und Texas in der Ölindustrie tätig.

Jim Junior, der den Ansprüchen seines Erzeugers nie genügen konnte, wurde bereits als Teenager alkohol- und nikotinabhängig. Während seiner in Texas verbrachten Schulzeit nahm er jeden Job an, der ihm ein paar Dollars einbrachte, schob aber auch – dank mehr oder weniger legalen Nebengeschäften sehr lukrative – Nachtschichten im schillernden ‚Hotel Texas‘ in Forth Worth. Hin und wieder schrieb er kurze Sketche für die Schulzeitung und verschiedene Magazine.

Mit neunzehn Jahren zollte Thompson seinem überbordenden Lebensstil ein erstes Mal Tribut und erlitt einen Nervenzusammenbruch, von dem er sich lange Zeit nicht erholte. Er schmiss die High School, trampte durch Amerika und verrichtete Gelegenheitsarbeiten auf Ölfeldern, in Kneipen und schäbigen Hotels, was ihn in hautnahen Kontakt mit Gangstern, durchtriebenen Frauen, Alkoholschmugglern und anderem Gelichter brachte. In dieser harten Zeit wurde er mehrmals wegen tätlicher Übergriffe, Betrunkenheit und Landstreicherei ins Kittchen gesteckt. Eine skurrile Episode trug sich Ende der 20er-Jahre zu (wenn sie denn wahr ist): „Big Jim“ ging offenbar nach Texas zu seinem Sohn, um mit ihm unter dem Label ‚Thompson and Son‘ im Ölgeschäft mitzumischen, doch dem abenteuerlichen Unterfangen war kein Glück beschieden.

1929 brachte Thompson einen längeren humoristischen Text in der Zeitschrift ‚Texas Monthly‘ unter. Ein Redakteur des Magazins besorgte ihm daraufhin einen Ausbildungsplatz an der University of Nebraska. Nachdem Thompson die Studiengebühren zunächst mit Erträgen aus Alkoholschmuggel begleichen konnte, führten ungenügende finanzielle Ressourcen schliesslich zum Ausscheiden aus der Uni – es war die Zeit der Grossen Depression.

1931 heiratete Thompson die streng gläubige Katholikin Alberta Hesse – diese Verbindung, die erstaunlicherweise bis zu seinem Tod hielt und der drei Kinder entsprangen, prägte vermutlich sein negatives Frauenbild. In den folgenden Jahren bestritt er seinen Lebensunterhalt vor allem mit gut bezahlten Texten für „True Crime“-Magazine wie ‚True Detective‘ ‚Intimate Detective‘ und ‚Master Detective‘. Von 1935 bis 1938 war er Mitglied der Kommunistischen Partei der USA – und wurde deshalb fünfzehn Jahre später, in der McCarthy-Ära, auf die schwarze Liste gesetzt. 1940 ging Thompson nach Hollywood mit dem Ziel, in der Filmindustrie Fuss zu fassen. Stattdessen fand er einen Job in einer Flugzeugfabrik in San Diego.

1942 veröffentlichte Thompson seinen ersten (stark autobiografisch gefärbten) Roman ‚Jetzt und auf Erden‘, der, wie auch sein zweiter Roman ‚Heed the Thunder‘, nicht dem Krimigenre zuzuordnen ist. Daneben arbeitete er für die Zeitungen ‚San Diego Journal‘ und ‚Los Angeles Mirror‘, um seine Familie zu ernähren. 1949 erschien sein erster Krimi ‚Nothing More Than Murder‘, von dem 750‘000 Exemplare abgesetzt wurden. Den grossen Durchbruch erlebte Thompson 1952 mit seinem zweiten Krimi ‚The Killer Inside Me‘ – der Auftakt zu seiner produktivsten Periode, in der er innert 18 Monaten nicht weniger als zwölf Romane ablieferte, was seine Verleger arg ins Schwitzen brachte.

Mitte der 50er-Jahre zog es Thompson ein zweites Mal nach Hollywood. Mit seinem jungen Bewunderer Stanley Kubrick arbeitete er an den Filmen ‚The Killing‘ und ‚Paths of Glory‘, danach schrieb er Drehbücher für Fernsehserien, doch der grosse Erfolg blieb ihm auch diesmal verwehrt, und mit Kubrick zerstritt er sich bald hoffnungslos.

Die letzten fünfzehn Jahre des Lebens des vielleicht schwärzesten aller Krimiautoren waren von Einsamkeit, finanziellen Nöten, Krankheit und Siechtum geprägt. Einen späten Höhepunkt bildete seine Beteiligung an Dick Richards Verfilmung von Chandlers Krimi ‚Farewell My Loveley‘ (mit Robert Mitchum als Philip Marlowe), in dem er die kleine Rolle des Richters Baxter Grayle spielen durfte. Nach einer Reihe von Hirnschlägen der Fähigkeit zu sprechen und zu schreiben beraubt, verweigerte er schliesslich die Nahrungsaufnahme und starb 70-jährig in Los Angeles.

Mit ‚The Killer Inside Me‘ (‚Der Mörder in mir‘) begründete Thompson im Jahr 1952 seinen Namen als Noir-Autor. Der Roman dreht sich um den menschenfreundlich und harmlos auftretenden, mit der Lehrerin Amy Stanton liierten Deputy Sheriff Lou Ford aus der fiktiven texanischen Kleinstadt Central City, der nicht einmal eine Waffe auf sich hat und den lieben langen Tag mit allen möglichen Leuten Banalitäten austauscht. Hinter der biederen, jovialen Maske des Ich-Erzählers verbirgt sich indes ein verschlagener und sadistischer Psychopath, der vor nichts zurückschreckt, wenn es seinen Interessen dient. Als er von der jungen Herumtreiberin Joyce, die er eigentlich aus der Stadt jagen soll, provoziert wird, kommt es zur Explosion – der Gesetzeshüter beginnt zu morden.

In ‚Zwölfhundertachtzig schwarze Seelen‘ (zwölf Jahre nach ‚Der Mörder in mir‘ erschienen) steht ebenfalls ein Sheriff im Mittelpunkt: Nick Corey, der in Pottsville, einem hinterwäldlerischen texanischen Kaff mit 1280 Einwohnern, zum Rechten schaut; eine dumpfe, schleimige Gestalt, aber auch ein bauernschlauer Manipulator, durch dessen Hand die Bevölkerungszahl Pottsvilles erheblich dezimiert wird.

Zwischen seinen beiden legendären, einen unwiderstehlichen Sog ausübenden – ein „kaltes Feuer“ entfachenden (Zitat: Martin Compart) – Sheriff-Romanen publizierte Thompson die beiden autobiografischen Romane ‚Bad Boy‘ und ‚Roughneck‘, die Meisterwerke ‚Ein Satansweib‘, ‚Nach Einbruch der Dunkelheit‘ und ‚Muttersöhnchen‘ sowie die düstere Gangster-Geschichte ‚Getaway‘, daneben aber auch manche hastig niedergeschriebene Romane minderer Qualität, wenn er die Rechnungen für seine zahlreichen Krankenhausaufenthalte begleichen musste.

Thompsons zentrales Thema war das Leben am Rande eines Abgrunds, in einer unbarmherzigen, verrotteten, von Habgier, Machtstreben und Gewalttätigkeit beherrschten kapitalistischen Welt, in der die Dinge nicht so sind, wie sie zu sein scheinen – einer Welt, in der vom Wirtschaftsaufschwung der 50er-Jahre nichts, aber auch gar nichts zu spüren ist, einer Welt, in der es keine Hoffnung gibt. Sein Interesse galt der amerikanischen Provinz, der er selbst entstammte – und die ihn mit Hass, Wut und Ekel erfüllte. In diesem Kontext war er einer der ersten Autoren, der den roman noir mit Elementen der Psychoanalyse verknüpfte.

Erst viele Jahre nach seinem Tod (zuerst in Frankreich, später auch in den Vereinigten Staaten, nicht jedoch im deutschen Sprachraum) avancierte Jim Thompson zum Kultautor. 1983 würdigten ihn Max Allan Collins und Ed Gorman in ihrem Sachbuch ‚Jim Thompson: The Killers Inside Him‘. 1991 erschien Michael J. McCauleys Thompson-Biografie ‚Jim Thompson: Sleep with the Devil‘, vier Jahre später folgte Robert Politos gründlich recherchiertes und manche Irrtümer über Thompsons Lebenslauf korrigierendes Standardwerk ‚Savage Art: a Biography of Jim Thompson‘. Dass Thompson heute nicht gänzlich in Vergessenheit geraten ist, hat er trotz all dem in erster Linie den (teilweise durchaus gefälligen, den Vorlagen jedoch kaum je gerecht werdenden) Verfilmungen seiner Krimis zu verdanken.

Bibliografie:                                                                                                  

‚Now and on Earth‘ – Jetzt und auf Erden‘ (1942), ‚Heed the Thunder‘ (1946), ‚Nothing More Than Murder‘ – ‚Es war bloss Mord‘ (auch unter dem Titel ‚Nichts als Mord‘, 1949), ‚The Killer Inside Me‘ – ‚Der Mörder in mir‘ (auch unter dem Titel ‚Liebling, warum bist du so kalt?‘, 1952), ‚Crooper’s Cabin‘ – ‚Liebe ist kein Alibi‘ (1952), ‚Recoil‘ – ‚Revanche‘ (auch unter dem Titel ‚Rückschlag‘, 1953), ‚Bad Boy‘ – ‚Bad Boy. Eine amerikanische Jugend‘ (1953), ‚Savage Night‘ – ‚In die finstere Nacht‘ (1953), ‚The Criminal‘ – ‚Der Verbrecher‘ (1953), ‚A Swell-Looking Babe‘ – ‚Eine klasse Frau‘ (auch unter dem Titel ‚Ein süsses Kind‘, 1954), ‚A Hell of a Woman‘ – ‚Ein Satansweib‘ (auch unter dem Titel ‚Höllenweib‘, 1954), ‚Roughneck‘ (1954)‚The Nothing Man‘ – ‚Kein ganzer Mann‘ (auch unter dem Titel ‚Der Garnix-Mann‘, 1954), ‚After Dark, My Sweet‘ – ‚After Dark, my Sweet‘ (auch unter dem Titel ‚Nach Einbruch der Dunkelheit: Hasse mich, Liebling, damit du mich töten kannst‘, 1955), ‚The Kill-off‘ – ‚Kill-off‘ (auch unter dem Titel ‚Das Abtöten‘, 1957), ‚Wild Town‘ – ‚Gefährliche Stadt‘ (1957), ‚The Getaway‘ – ‚Getaway‘ (auch unter dem Titel ‚Getaway, deine Chance ist der Tod‘, 1959), ‚The Transgressors‘ (1961), ‚The Grifters‘ – ‚Muttersöhnchen‘ (auch unter dem Titel ‚Die Abzocker‘, 1963), ‚Pop. 1280‘ – ‚Zwölfhundertachtzig schwarze Seelen‘ (auch unter dem Titel ‚1280 schwarze Seelen‘, 1964), ‚Texas by the Tail‘ – ‚Texas an der Kehle‘ (auch unter dem Titel ‚Kalte Füsse auf heissem Boden‘, 1965), ‚Ironside‘ – ‚Der Chef – Ironside jagt den Killer‘ (1967), ‚Child of Rage‘ – Blind vor Wut‘ (1972), ‚King Blood‘ – ‚Der King-Clan‘ (auch unter dem Titel ‚Kings Blut‘, 1973).