(1909-2005)

Otto Steiger, geboren als Sohn eines Zollbeamten in Uetendorf bei Thun, Kanton Bern, wuchs mit seinen Eltern und den beiden Brüdern in Bern auf. 1928 zog er nach Paris, wo er 1930 das Gymnasium abschloss, einige Semester Romanistik studierte und sich den Lebensunterhalt als Giesser und Reiseleiter verdiente. 1936 kehrte er in die Schweiz zurück und trat als Redakteur und Nachrichtensprecher in den Dienst der Schweizerischen Depesche-Agentur. Während des Zweiten Weltkrieges war Steiger offizieller Nachrichtensprecher der Schweizer Regierung bei Radio Beromünster. 1943 ging er nach Zürich und eröffnete eine private Handelsschule, deren Leitung er nach zwölf Jahren abtrat, um – neben seiner Schriftstellerei – ein Handelsunternehmen zu leiten.

Im Jahr 1957, kurz nach dem Ungarnaufstand, verbrachte der „rote Steiger“ auf Einladung des (von dem Roman ‚Porträt eines angesehenen Mannes‘ begeisterten) Sowjetischen Schriftstellerverbandes drei Wochen Urlaub in der damaligen UdSSR, was ihm in seiner Heimat nicht verziehen wurde – Steiger wurde während vielen Jahren von der Schweizer Kulturszene geschnitten, musste seine Werke in Kleinverlagen unterbringen und konnte nicht mehr vom Schreiben leben.

Steiger verbrachte die meiste Zeit seines Lebens in Zürich, wo er 95-jährig in einem Krankenhaus starb. Seine Erinnerungen in Episoden tragen den Titel ‚Ein Stück nur‘ und sind 1999 erschienen.

Otto Steiger war ein produktiver und vielseitiger Autor. Neben seiner regelmässigen Tätigkeit als pointierter freier Kolumnist für die Zeitschrift ‚Femina‘, den Zürcher ‚Tages-Anzeiger‘ und die Gewerkschaftspresse veröffentliche er etliche bedeutende (zum Teil ins Russische und Chinesische übersetzte) Romane (‚Porträt eines angesehenen Mannes, 1951, ‚Spurlos vorhanden‘, 1980, um nur zwei der bekanntesten zu nennen), ab Mitte der 70er-Jahre auch zahlreiche recht erfolgreiche Jugendbücher (zuvorderst ‚Lornac ist überall‘, die Geschichte einer Tankerkatastrophe vor der bretonischen Küste, die 1987 vom Schweizer Fernsehen als dreizehnteilige Serie verfilmt wurde), daneben Erzählungen, Theaterstücke und sechs Kriminalromane, in denen er den Zukurzgekommenen eine Stimme gibt.

‚Die Schlinge‘, 1962 unter dem Titel ‚Nochmals beginnen können‘ erstmals erschienen, wurde 1992 in überarbeiteter Form wieder aufgelegt. Die zwei nachfolgenden Krimis ‚Katz und Maus‘ und ‚Die Tote im See‘ kamen ursprünglich in den 60er-Jahren als Serienromane für den ‚Tages-Anzeiger‘ bzw. den ‚Beobachter‘ heraus. ‚Die Tote im See‘ wurde 1993 (in einer überarbeiteten, mit ‚Die Tote im Wasser‘ betitelten Fassung) in Buchform gebracht.

In seinem Frühwerk ‚Die Schlinge‘, einem stilistisch exzellenten und sehr unterhaltsamen, mit subtiler Ironie erzählten – an Georges Simenons „Romans durs“ erinnernden – Krimi besticht der Autor mit präzisen Psychogrammen. Angesiedelt in einem kleinen Ort in der Nähe von Grenoble, erzählt er die traurige Lebensgeschichte der Sally Cressier, die ihren plumpen Körper und ihre grobschlächtigen Gesichtszüge verabscheut. Vollwaise geworden mit fünfzehn nach dem unklaren Tod ihres Vaters, wird sie von ihrer verhassten Stiefmutter Angèle und deren betuchtem, über 60-jährigem Liebhaber, genannt „Onkel“ – Sally verdächtigt die beiden des Mordes an ihrem Vater – seelisch und körperlich gequält und wie eine Sklavin gehalten, während ihre anziehende jüngere Schwester Rose ungeschoren davonkommt. Als Sally es nicht mehr aushält, sinnt sie nach Rache an ihren Peinigern. Sie schmiedet einen Plan, der ihr das Vermögen des Alten sichern soll, führt ihn recht geschickt zu Ende – und erstickt dann an ihren Schuldgefühlen.

Kommissar Borel von der Zürcher Kriminalpolizei, Hauptfigur in zwei Romanen, ermittelt in ‚Die Tote im Wasser‘ den Mord an der jungen, attraktiven Serviererin Maria Brodbeck, die offenbar mit ihrem Patron Ruedi Grütter, dessen Frau Erna an Multipler Sklerose leidet, ein Verhältnis hatte. Der impulsive Rätoromane Tuor, Marias eifersüchtiger Ex-Freund, bietet sich als Täter an, zumal seine Fingerabdrücke auf der mutmasslichen Tatwaffe nachgewiesen werden. Doch der erfahrene Kommissar zweifelt an der einfachen Lösung, quetscht hartnäckig und geschickt die Beteiligten aus – und bringt schliesslich die tragische Wahrheit ans Licht.

Steigers merkwürdigstes Buch ist ‚Schott‘ – ein Krimi, in dem möglicherweise gar kein Verbrechen verübt wird. Der Ich-Erzähler Kurt Schott (nur die letzten 30 Seiten werden in der 3. Person erzählt) ist ein schlichtes Gemüt, ein unscheinbarer Mann wohl Mitte dreissig, der in seinem bisherigen Dasein nicht viel erreicht hat – und dem jetzt ein grosses Erbe winkt. Doch Schott vergibt seine Chance auf ein neues Leben, muss dann wegen mutmasslicher Brandstiftung sogar ins Gefängnis, während seine Kontrahenten – eine junge Frau und ihr Geliebter, die vielleicht einen alten Mann ermordet haben, um dessen Vermögen (Schotts potentielle Erbschaft!) zu ergattern – unbehelligt bleiben. Ganz am Schluss aber erlebt Schott eine schöne Überraschung.

Bibliografie:

‚Die Schlinge‘ (auch unter dem Titel ‚Nochmals beginnen können‘, 1962), ‚Katz und Maus‘ (1963), ‚Der Doppelgänger‘ (1985), ‚Orientierungslauf‘ (1988), ‚Schott‘ (1992);
Kommissar Borel-Romane: ‚Die Tote im Wasser‘, 1993, ‚Schachmatt‘ (1996).