(1906-1989 / 1908-1998; schrieben auch als Alain Bouccarèje und Arsène Lupin)

Pierre-Louis Boileau, genannt Pierre Boileau, kam in Paris zur Welt, wo er auch aufwuchs. Er absolvierte eine Handelshochschule und verrichtete danach verschiedene Jobs, unter anderem als Arbeiter in einer Filzfabrik und als Redakteur einer Werbezeitschrift. Nebenbei schrieb er Tüftelkrimis und Locked Room Mysteries mit einem Meisterdetektiv namens André Brunel als Hauptfigur. Im Zweiten Weltkrieg geriet er bald in deutsche Gefangenschaft, wurde jedoch nach zwei Jahren aus gesundheitlichen Gründen freigelassen und kehrte 1942 nach Paris zurück. Ab 1945 schrieb er Romane für das Feuilleton der Tageszeitung ‚France Soir‘. Dann fand eine schicksalhafte Begegnung statt…

Pierre Boileau starb 82-jährig in Beaulieu-sur-Mer, Alpes Maritimes.

Thomas Narcejac (bürgerlich: Pierre Robert Ayraud), geboren in Rochefort-sur-mer, Charente-Maritime, studierte Literatur am Lycée des Saintes und Philosophie an der Université de Poitiers und unterrichtete diese Fächer darauf am Lycée de Vannes in der Bretagne, anschliessend, während des „drôle de guerre“, in Aurillac in der Auvergne. In dieser Zeit schrieb er seine ersten Prosatexte, in denen er seine Vorbilder Maurice Leblanc, G.K. Chesterton, Arthur Conan Doyle und Agatha Christie imitierte, und veröffentlichte seinen ersten Krimi ‚L’assassin de minuit‘. Für seinen vierten Krimi ‚La mort est du voyage‘ bekam er 1948 den ‚Prix du Roman d’Aventure‘, und bei der Preisverleihung lernte er einen jungen Mann namens Pierre Boileau kennen…

Narcejac überlebte seinen Partner um neun Jahre und starb mit knapp neunzig in Nizza.

Die beiden Autoren begannen ihre erfolgreiche Zusammenarbeit im Jahr 1950, wobei Boileau dem Vernehmen nach vor allem für die Erfindung der Intrigen zuständig war, während Narcejac sich mehr der Figurenzeichung und den psychologischen Aspekten der Ezählungen widmete. Ihr erstes, mit dem Pseudonym Alain Bouccarèje gezeichnetes Werk ‚L’ombre et la proie‘ kam 1951 in einer Zeitschrift heraus. Bis Ende der 80er-Jahre folgten über vierzig Romane, zahlreiche Novellen, Kinder- und Jugendbücher (Sans-Atout-Detektivromane), vier Theaterstücke, mehrere Essays, das Sachbuch ‚Der Detektivroman‘ (1964) sowie ein Band mit Kriminalparodien (‚Identitätlichkeiten‘, 1980). Darüber hinaus waren die beiden als Drehbuchautoren, Dialogschreiber und für das Radio tätig. Nach dem Tod seines Freundes veröffentlichte Narcejac vier weitere (mit Boileau/Narcejac gezeichnete) Krimis.

Bereits ihr erster gemeinsam in Buchform publizierter Psychothriller ‚Tote sollten schweigen‘ (von Henry-Georges Clouzot äusserst frei unter dem Titel ‚Les Diaboliques‘ verfilmt, Simone Signoret spielte die Hauptrolle) war ein Volltreffer. Die trostlose Geschichte handelt von dem Handelsreisenden Fernand Ravinel, einem nicht besonders charakterfesten Mann, der sich auf Drängen seiner dominanten, kalt berechnenden Geliebten Lucienne Mogard, einer Ärztin, seiner sanftmütigen Ehefrau Mireille entledigt – und danach allmählich in den Wahnsinn getrieben wird.

Auch der nachfolgende Roman ‚Die Gesichter des Schattens‘ wird aus der Sicht eines (mutmasslichen) Opfers erzählt. Richard Hermantier, ein erfolgreicher Industrieller Ende vierzig, hat vor kurzem bei einem Arbeitsunfall sein Augenlicht verloren und befindet sich jetzt, von Existenzängsten und Depressionen geplagt, in einem langwierigen Prozess der Rehabilitation. Doch kurz nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus lassen seltsame Geschehnisse in seiner nächsten Umgebung in ihm den Verdacht keimen, dass seine Frau Christiane und sein Compagnon Hubert Merville eine üble Intrige gegen ihn spinnen. Oder bildet er sich dies alles nur ein? Ist er im Begriff, den Verstand zu verlieren?

‚Ich bin ein anderer‘ dreht sich um Gervais, einen künstlerisch begabten Mann um die dreissig mit unglücklicher Vergangenheit, der 1944 aus der deutschen Kriegsgefangenschaft fliehen kann und dann die Identität seines kurz vor Lyon bei einem Unfall getöteten Fluchtgefährten und Freundes Bernard annimmt. Er findet Unterschlupf bei den sonderbaren Halbschwestern Hélène (Bernards Brieffreundin!) und Agnès, die Bernard nie zu Gesicht bekommen haben, und beschliesst, ihnen seine wahre Identität zu verheimlichen. Kurz danach taucht Bernards Schwester Julia auf – für Gervais beginnt ein Alptraum, aus dem es kein Entrinnen gibt.

Zu den bekanntesten Werken des produktiven – namentlich in den 50er- und 60er-Jahren höchst erfolgreichen, in letzter Zeit jedoch immer stärker in Vergessenheit geratenen – Gespanns zählen ausserdem die vertrackte Dreiecksgeschichte ‚Mord bei 45 Touren‘, das Doppelgängerdrama ‚Vertigo – Aus dem Reich der Toten‘ (die Vorlage zu Alfred Hitchcocks gleichnamigem Film) und ‚Mensch auf Raten‘, eine haarsträubende – einer Frankenstein-Geschichte Ehre machende – Collage aus Medical Thriller und Sciencefiction. In den nach 1970 erschienenen Büchern verlieren die Täuschungsmanöver und Komplotte immer mehr an Logik und Plausibilität.

Bibliografie:

‚Celle qui n’était plus‘ – ‚Tote sollten schweigen‘ (auch unter dem Titel ‚Das Nebelspiel‘, 1952), ‚Les visages de l’ombre‘ – ‚Die Gesichter des Schattens‘ (auch unter dem Titel ‚Gesichter des Schattens‘, 1953), ‚D’entre les morts‘ (auch unter dem Titel ‚Sueurs froides‘) – ‚Vertigo – Aus dem Reich der Toten‘ (auch unter den Titeln ‚Aus dem Reich de Toten‘ und ‚Von den Toten auferstanden‘, 1954), ‚Les louves‘ – ‚Ich bin ein anderer: die Wölfinnen‘ (1955), ‚Le mauvais oeil‘ und ‚Au bois dormant‘ – ‚Der böse Blick‘ und ‚Ein Schloss in der Bretagne‘ (zwei Kriminalromane, 1956), ‚Les Magiciennes‘ (1957), ‚L’ingénieur aimait trop les chiffres‘ – ‚Die Gleichung geht nicht auf‘ (1958), ‚A coeur perdu‘ – ‚Mord bei 45 Touren‘ (1959), ‚Maléfices‘ – ‚Das Geheimnis des gelben Geparden‘ (auch unter dem Titel ‚Hexenspuk‘, 1961), ‚Maldonne‘ – ‚Die Karten liegen falsch‘ (1962), ‚Les victimes‘ – ‚Die Frau, die es zweimal gab‘ (1964), ‚…Et mon tout un homme‘ – ‚Mensch auf Raten‘ (1965), ‚La mort a dit: peut-être‘ – ‚Parfum für eine Selbstmörderin‘ (1967), ‚Delirium‘ und ‚L’Île‘ – Tod nach Terminplan‘ und ‚Die Insel‘ (zwei Kriminalromane, 1969), ‚La porte du large‘ – ‚Appartement für einen Selbstmörder‘ (1969), ‚Les veufs‘ – ‚Die trauernden Witwer‘ (1970), ‚La vie en miettes‘ – ‚Das Leben ein Alptraum‘ (1972), Opération Primevère‘ – ‚Leiche auf Urlaub‘ (1973), ‚Frère Judas‘ – ‚Bruder Judas‘ (auch unter dem Titel ‚Die Dame in rot‘, 1974), ‚La tenaille‘ – ‚Wenn eine Tote mit zwei Männern lebt‘ (auch unter dem Titel ‚Tote leben nicht allein‘, 1975), ‚La lèpre‘ – ‚Ein Heldenleben‘ (1976), ‚L’âge bête‘ – ‚Rache mit 15‘ (1978), ‚Carte vermeil‘ – ‚Auf dem Abstellgleis‘ (1979), ‚Terminus‘ – ‚Abschied von Lucienne‘ (1980), ‚Les intouchables‘ – ‚Die Unberührbaren‘ (1980), ‚Box-Office‘ – ‚Werthers zweiter Selbstmord‘ (1981), ‚Les eaux dormantes‘ – ‚Ohne Spuren‘ (1983), ‚Mamie‘ – ‚Mamie‘ (1983), ‚La dernière cascade‘ – ‚Der Tod erlaubt kein Double‘ (1985), ‚Schuss‘ – ‚Schussfahrt‘ (1986), ‚Mr. Hyde‘ – ‚Mr. Hyde‘ (1987), ‚Champ clos‘ – ‚In inniger Feindschaft‘ (1988, ‚Le contrat‘ – ‚Der letzte Auftrag‘ (1988), ‚J’ai été un fantôme‘ – ‚Im Mord vereint‘ (1989), ‚Le soleil dans la main‘ – ‚Der Traum vom Gold‘ (1990, ‚Le bonsai‘ – ‚Tod de Luxe‘ (1990), ‚La main passe‘ (1991), ‚La Villa d’en face‘ (1991), ‚Les nocturnes‘ (1992).

Arsène Lupin-Romane:
Als Arsène Lupin: ‚Le Secret de Eunerville‘ – ‚Das Geheimnis von Eunerville‘ (1973), ‚La poudière‘ – ‚Die Affäre Mareuse‘ (1974).
Als Boileau & Narcejac: ‚Le second visage d’Arsène Lupin‘ – ‚Arsène Lupins zweites Gesicht‘ (1975), ‚La justice d’Arsène Lupin‘ – ‚Arsène Lupin sorgt für Gerechtigkeit‘ (1977), ‚Le serment d’Arsène Lupin‘ (1979).

Pierre Boileau allein: André Brunel-Serie: ‚La promenade de minuit‘, ‚La pierre qui tremble‘ – ‚Entscheidung in den Klippen‘ (1934), ‚Le repos des Bacchus‘ – ‚Der Trick mit da Vinci‘ (auch unter dem Titel ‚Der ruhende Bacchus‘, 1938), ‚Six crimes sans assassin‘ – ‚Sechsmal tödlich‘ (1939), ‚Les Trois clochards‘ (1945), ‚Le rendez-vous de Passy‘ (1951).

Thomas Narcejac allein: ‚L’assassin de minuit‘ (1942), ‚La police est dans l’escalier‘ (1946), ‚La mort est du voyage‘ (1948), ‚La nuit des angoisses‘ (1948), ‚La goût des larmes‘ (1950), ‚Le mauvais cheval‘ (1950).