(*1949; schreibt auch als Harry Brandt)

Richard Price, geboren und aufgewachsen als älterer von zwei Söhnen einer russisch-jüdischen Einwandererfamilie in einer multikulturellen Sozialsiedlung in der New Yorker Bronx (der Vater betrieb einen kleinen Strumpfladen, die Mutter war Hausfrau), studierte Arbeitsbeziehungen am Cornell College und Schreiben an der Columbia University in New York City. Als 24-Jähriger veröffentlichte er sein erstes Buch ‚Scharfe Zeiten‘, die stark autobiografisch gefärbte Geschichte einer Teenager-Gang in der Bronx. Rund zwanzig Jahre später, als er sich als Drehbuchautor in Hollywood bereits etabliert hatte, verfasste Price die literarisch anspruchsvollen Spannungsromane ‚Söhne der Nacht‘ und ‚Das Gesicht der Wahrheit‘, die beide in der fiktiven Stadt Dempsy (gemeint ist Jersey City) angesiedelt sind – eine schwere Kost: Je 600 Seiten düsterer, depressiver Stoff aus den nordamerikanischen Slums der 1990er-Jahre mit ihren Junkies, Nutten, kleinen Dealern, verzweifelten Frauen und zynischen Cops.

‚Söhne der Nacht‘ (im Original treffender ‚Clockers‘, sinngemäss: Strassendealer) sieht zwei auf den ersten Blick höchst gegensätzliche Figuren im Mittelpunkt: Ronald Dunham, genannt Strike, der schwarze, erst 20-jährige Anführer einer kleinen Gruppe von Kokain-Dealern, ein magerer, stotternder, vage von einer besseren Zukunft im benachbarten Manhattan träumender Kleingangster auf der einen, Rocco Klein, mit der jungen Journalistin Patty verheirateter Vater einer kleinen Tochter, ein abgebrühter, nach zwanzig harten Dienstjahren den Ruhestand herbeisehnender Detective der Mordkommission („Ist schon ein komischer Job. Der Piepser geht los, und es könnte ein Doppelmord sein oder deine Frau, die dich daran erinnert, Bananen mit nach Hause zu bringen“) auf der anderen Seite. Die beiden Kontrahenten treffen aufeinander, als Strikes Bruder Victor gesteht, im Drogenmilieu einen Mord verübt zu haben – eine Tat, die überhaupt nicht zu ihm, aber vielleicht zu Strike passt. Rocco bezweifelt denn auch, dass Victor ein Verbrecher ist, und geht dem Fall mit erstaunlichem – an Besessenheit grenzendem – Engagement auf den Grund.

In dem zweiten Dempsy-Roman ‚Das Gesicht der Wahrheit‘, zu dessen erfolgreicher Verfilmung Price das Drehbuch schrieb, gerät das schwarze Getto in Aufruhr, als die weisshäutige Brenda Martin, allein erziehende Mutter Anfang dreissig, behauptet, ein Schwarzer habe sie aus dem Auto gezerrt und sei mit ihrem auf dem Rücksitz schlafenden vierjährigen Sohn Cody davongefahren. Lorenzo Council, ein desillusionierter schwarzer Cop mit Drogenvergangenheit (er ist 47-jährig, führt mit seiner Frau eine schwierige Ehe und hat zwei Söhne – Jason, der jüngere, sitzt wegen bewaffneten Raubüberfalls im Gefängnis, Reggie, der ältere, ein Mathematiklehrer, spricht schon lange nicht mehr mit seinem Vater), begibt sich, begleitet von der jungen, ehrgeizigen Reporterin Jesse Haus, auf die Suche nach dem Jungen. Schon bald stösst er auf erste Ungereimtheiten, und allmählich enthüllt sich ihm Brendas tieftraurige Lebensgeschichte. Price, ein Meister der direkten Rede, erzählt die (von einem authentischen Fall inspirierte) Geschichte der zerrissenen Frau, die mit ihrer Lüge ungewollt grosses Unheil anrichtet, wirklichkeitsnah und ohne Sentimentalität.

Mit seinem achten Roman ‚Cash‘ konte Pierce endlich auch im deutschsprachigen Raum Fuss fassen. Angesiedelt in der Lower East Side, einem kleinen New Yorker Stadtteil im Südosten Manhattans, der sich im Umbruch befindet, zeichnet der Autor das präzise, facettenreiche Bild einer Gesellschaft, in der alt eingesessene Künstler, afroamerikanische und hispanische, in Sozialwohungen hausende Underdogs und illegale asiatische Einwanderer auf der einen, die das Viertel überschwemmende weisse Mittelklasse und skrupellose Spekulanten und Stadtplaner auf der anderen Seite wuchtig aufeinanderprallen. In diesem heikel strukturierten Soziotop passiert bei einem aus dem Ruder gelaufenen Raubüberfall ein Mord, dessen Urheber, zwei dunkelhäutige Jugendliche, dem Leser von Anfang an bekannt sind. Detective Sergeant Matty Clark vom NYPD – geschiedener Vater von zwei nichtsnutzigen Söhnen, die er den Grossen und den Anderen nennt (der Grosse ist ein krimineller Kleinstadtbulle, der Andere geht noch zur Schule), ein bulliger, bärbeissiger und sturer Ire – und sein Team werden mit dem recht alltäglichen Fall betraut. In weiteren Hauptrollen: Eric Cash, Geschäftsführer einer Bar und Möchtegernautor Mitte dreissig, eines der drei Opfer des Raubüberfalls, der zunächst selbst des Mordes verdächtigt wird, Billy Marcus, der Vater des Getöteten, der, arg aus dem seelischen Gleichgewicht geraten, sich immer wieder in die polizeilichen Ermittlungen einmischt, und Matty Clarks Partnerin, die clevere und toughe Latina Yolonda Bello. Der Kriminalfall spielt indes nur eine marginale Rolle – Atmospäre, komplexe Charaktere und umwerfende Slang- und Cop-Dialoge ziehen den Leser in den Bann.

Price machte sich überdies einen Namen als Verfasser von literarischen Beiträgen für verschiedene namhafte Zeitschriften wie ‚New York Times‘, ‚Rolling Stone‘, ‚New Yorker‘ und ‚Esquire‘ sowie als Drehbuchautor für die grossartige Fernsehserie ‚The Wire‘. Er lebte mit seiner ersten Frau, der Künstlerin Judith Hudson, mit der er zwei erwachsene Töchter (Annie und Genevieve) hat, in einem grossen Haus in Manhattan. Nach seiner Scheidung liess er sich mit seiner neuen Lebensgefährtin, der Autorin und Journalistin Lorraine Adams, in Harlem nieder.

Bibliografie:
‚The Wanderers‘ – ‚Scharfe Zeiten‘ (1974), ‚Bloodbrothers‘ (1976), ‚Ladies‘ Man‘ (1978), ‚Clockers‘ – ‚Söhne der Nacht‘ (auch unter dem Titel ‚Clockers‘, 1992), ‚Freedomland‘ – ‚Das Gesicht der Wahrheit‘ (1998), ‚Samaritan‘ (2003), ‚Lush Life‘ – ‚Cash‘ (2008).
Als Harry Brandt: ‚The Whites‘ – ‚Die Unantastbaren‘ (auf Deutsch als Richard Price, 2015)