(Pseudonym für Elizabeth MacKintosh, 1896-1952; schrieb auch als Gordon Daviot)

Elizabeth MacIntosh, alias Josephine Tey (das Pseudonym setzt sich aus dem Vornamen der Mutter und dem Übernamen einer Ur-Ahnin zusammen), kam in der nordschottischen Küstenstadt Inverness, zur Welt, wo sie mit zwei Schwestern aufwuchs. Nach ihrer Ausbildung an der dortigen Royal Academy und danach am Anstey Physical Training College in Birmingham mit den Fächern Sport, Tanz, Medizin, Biologie und Physiotherapie war sie acht Jahre Sportlehrerin an verschiedenen englischen und schottischen Colleges. Nach dem Tod ihrer Mutter 1926 kehrte sie ins Elternhaus zurück, um den gebrechlichen Vater zu betreuen. In dieser Zeit schrieb sie ihre ersten Kurzgeschichten und Gedichte, die in Magazinen abgedruckt wurden. Daneben befasste sie sich intensiv mit Psychologie, insbesondere mit der Frage, ob sich Charaktereigenschaften aus den Gesichtszügen lesen lassen.

Der literarische Durchbruch gelang ihr 1932 mit dem Bühnenwerk ‚Richard of Bordeaux‘ (King Richard II., 14. Jahrhundert) mit dem legendären Schauspieler Sir John Gielgud in einer seiner ersten Hauptrollen (Gielgud blieb bis zu Teys Tod ihr engster Freund). Die Theaterstücke, die vier nicht zum Krimigenre zählenden Romane und ursprünglich auch den ersten Krimi zeichnete Tey mit ihrem zweiten Pseudonym, Gordon Daviot. Die medienscheue, introvertierte, jedoch durchaus lebensfrohe Einzelgängerin, die die zweite Hälfte ihres Lebens vornehmlich in England verbrachte und ledig blieb, erlag 55-jährig in Streatham, London, einer Krebserkrankung.

Teys Kriminalwerk enthält zwei Einzelwerke und die sechsteilige Reihe um Inspektor Alan Grant von Scotland Yard, alle in der dritten Person erzählt. Ausgedehnte innere Monologe, subtiler Humor und feinfühlige Charakterzeichnung sind die Stärken der auch stilistisch überzeugenden Autorin. Alan Grant, stets elegant gekleidet, ist ein beharrlicher und ungemein fähiger, jedoch keineswegs unfehlbarer Ermittler und ein scharfsinniger Beobachter, der fast immer allein unterwegs ist. Er wurde durch eine Erbschaft finanziell unabhängig, blieb als eingefleischter Junggeselle ohne Hobbys dem Polizeidienst jedoch erhalten.

‚Der Mann in der Schlange‘, der erste Band der Alan Grant-Serie, beginnt mit dem Tod eines jungen Mannes, der in einer dicht gedrängten Schlange vor einer Theaterkasse mit einem Dolch erstochen wird. Die örtliche Polizei, mit dem Fall heillos überfordert, sucht Hilfe bei Scotland Yard, personifiziert durch dessen besten Beamten Alan Grant, und für den stellen sich nun vier zentrale Fragen: Wer ist dieser Mann mit unbestimmbarer Identität, den niemand zu vermissen scheint? Weshalb trug er einen Revolver auf sich? Warum wurde er umgebracht? Und natürlich: Von wem? Erste Spuren verlaufen im Sand, dann aber kommt plötzlich Leben in die Fahndung – Grant verhaftet den mutmasslichen Täter nach einer wilden Jagd in den schottischen Highlands. Alle Beweisstücke scheinen perfekt zusammen zu passen, doch es fehlt ein Motiv, und Grant ist ein gescheiter Mann, der den Indizien nicht immer traut. ‚Der Mann in der Schlange‘, ein klassischer Tüftelkrimi, in dem die Polizeiarbeit erstaunlich detailreich zur Darstellung kommt, behandelt einen recht seltsamen Kriminalfall, über den Grants Vorgesetzter Superintendent Barker schliesslich sagt, das Komischste an ihm sei, dass es gar keinen Schurken gibt.

‚Alibi für einen König‘ ist Teys bekanntestes und originellstes, aber auch umstrittenstes Prosawerk (der einflussreiche Kritiker William L. DeAndrea bezeichnete es als den meist überschätzten Krimi aller Zeiten, ohne dies allerdings näher zu begründen). Es behandelt den „Fall Richard III.“ aus dem 15. Jahrhundert. Inspektor Grant langweilt sich im Krankenhaus, wo er einen Dienstunfall auskuriert, schier zu Tode, bis ihm ein Porträt des berüchtigten (in Shakespeares Drama ‚Richard III‘ als Mörder seiner beiden kleinen Neffen angeprangerten) Königs in die Hände fällt und sich ihm die Frage stellt: Sieht so ein machthungriger und skrupelloser Verbrecher aus? Unterstützt durch die mit ihm befreundete Schauspielerin Marta Hallard, zwei Krankenschwestern und vor allem den aufgeweckten amerikanischen Geschichtsstudenten Brent Carradine betreibt Grant von seinem Bett aus historische Forschung, macht überraschende Entdeckungen – und rehabilitiert den Monarchen.

Teys Meisterwerk ‚Tod im College‘, eine unspektakuläre, psychologisch ausgeklügelte Geschichte, erzählt von Lucy Pym, einer bescheidenen Französischlehrerin im Ruhestand, die vor kurzem mit der Veröffentlichung eines Psychologiebuchs für Aufsehen gesorgt hat. Jetzt wird sie von ihrer alten Freundin Hernrietta Hodge, der Leiterin einer Sportfachschule in der englischen Provinz, für einen Abend als Dozentin eingeladen. Begeistert von der Schulatmosphäre und den enthusiastischen Schülerinnen verlängert Miss Pym ihren Aufenthalt am College. Als sie während einer Abschlussprüfung die fleissige und unbeliebte Barbara beim Schummeln erwischt, behält sie dies für sich. Doch dann wird ausgerechnet dieses Mädchen für seine Leistungen ausgezeichnet – und stirbt wenig später auf unklare Weise: Mord oder Unfall? Miss Pym avanciert zur Detektivin, findet wichtige Beweise – und gerät in einen fast nicht erträglichen Gewissenskonflikt.

Bibliografie:

Inspector Alan Grant-Serie: ‚The Man in the Queue‘ (auch unter dem Titel ‚Killer in the Crowd‘) – ‚Der Mann in der Schlange‘ (auch unter dem Titel ‚Warten auf den Tod‘, 1929), ‚A Shilling for Candles‘ – ‚Klippen des Todes‘ (1936), ‚The Franchise Affair‘ – ‚Die verfolgte Unschuld‘ (auch unter dem Titel ‚Der grosse Verdacht‘, 1948), ‚To Love and Be Wise‘ – ‚Wie ein Hauch im Wind‘ (1950), ‚The Daughter of Time‘ – ‚Richard der Verleumdete‘ (auch unter dem Titel ‚Alibi für einen König‘, 1951), ‚The Singing Sands‘ – ‚Der singende Sand‘ (1952);

Einzelwerke: ‚Miss Pym Disposes‘ – ‚Tod im College‘ (1946), ‚Brat Farrar‘ (auch unter dem Titel Come and Kill Me‘) – ‚Bratt Farrar‘ (auch unter dem Titel ‚Der Erbe von Latchetts‘, 1949).