(*1949)

Paco Ignacio Taibo II wurde als Sohn des einflussreichen Autors und Fernsehjournalisten Paco Ignacio Taibo I in der spanischen Stadt Gijon geboren und emigrierte im Alter von neun Jahren mit seinen an den Widerstandskämpfen gegen General Franco beteiligten Eltern nach Mexiko-Stadt. Nach nicht abgeschlossenem Literatur-, Soziologie- und Geschichtsstudium engagierte er sich als links orientierter Politiker und Gewerkschafter, später machte er auch als Publizist, Sachbuchautor und Universitätsdozent von sich reden. Mit seiner Reihe um Hector Belascoaran Shayne gelang ihm Ende der 70er-Jahre der Durchbruch als Krimiautor.

Taibo II ist Mitbegründer der Internationalen Vereinigung der Krimischriftsteller (AIEP), Organisator der „Semana Negra“, eines jeden Sommer in Gijon stattfindenden Krimifestivals mit internationaler Beteiligung, Biograf von Ernesto Che Guevara und Pancho Villa und Chronist der linken Bewegungen Lateinamerikas. Er lebt mit seiner Frau, der Fotografin Paloma Saiz Tejeiro, in Mexiko-Stadt.

Hector Shayne, einäugiger Sohn einer Irin und eines früh gestorbenen Basken, ein harter und zynischer, aber auch gerechter, zur Selbstironie fähiger Mann mit idealistischer Ader, einer harten Rechten und einer .38er im Halfter, war Elektroingenieur und Spezialist für Rationaliserungsfragen und kinderlos verheiratet, bis er mit dreissig Jahren ein neues Leben begann: Als Privatdetektiv in der schillernden, von Korruption und Machtmissbrauch beherrschten Grossstadt Mexiko, wo er sich seine schmuddeligen Büroräume mit drei Handwerkern teilt.

Im zweiten Band der Serie (‚Eine leichte Sache‘) hat Hector Shayne gleich drei Fälle am Hals, die vielleicht irgendwie zusammenhängen. Er soll eine junge, offenbar in Lebensgefahr schwebende Frau vor Unbill schützen, Nachforschungen über den Verbleib des alten Revolutionärs Emiliano Zapata anstellen und die Ermordung zweier homosexueller Ingenieure aufklären. Als wäre dies nicht genug, gilt es eine Erbschaftsangelegenheit mit seinen beiden Geschwistern Elisa und Carlos auszuhandeln und die andauernd eintreffenden Briefe seiner (namenlosen) Geliebten zu lesen – sie befindet sich in Europa auf einem Selbsterfahrungstrip. An Schlaf ist nicht mehr zu denken, Shayne fallen die Augen zu. Und doch fügt sich schliesslich alles wunderbar zusammen.

‚Ein Paar Wolken‘, chronologisch der dritte Band der Reihe, befasst sich mit organisierter Kriminalität in der mexikanischen Metropole, um Geldwäsche und Korruption. Elisas alte Freundin Anita ist darin verwickelt – ihr Mann wurde ermordet, sie brutal zusammengeschlagen und vergewaltigt, und so stolpert Hector Shayne in den Fall hinein, in Wort und Tat unterstützt durch einen Enthüllungsjournalisten und Krimiautor namens Paco Ignacio…

Auf der letzten Seite des chronologisch vierten Romans ‚Das nimmt kein gutes Ende‘ stirbt Hector Shayne, von Kugeln durchlöchert, auf einer dunklen Strasse in Mexiko-Stadt, während der Regen auf seinen Körper niederprasselt, doch in ‚Comeback für einen Toten‘ weilt der Detektiv wieder unter den Lebenden, nicht ganz in alter Frische zwar, von Ängsten und Alpträumen gequält – und seine Freundin („das Mädchen mit dem Pferdeschwanz“) glänzt wieder einmal durch Abwesenheit. Doch dann hilft ihm die junge, dickköpfige Alicia auf die Sprünge – ihre Schwester wurde von dem zwielichtigen kubanischen Geschäftsmann Luke Medina in den Tod getrieben, und sie will Rache.

‚Der melancholische Detektiv‘ aus dem Jahr 1991 besteht aus den drei kürzeren Titeln ‚Verliebte Phantome‘, ‚Grenzträume‘ und ‚Verschwundene Tote‘. Dann war Schluss für Shayne, bis er vierzehn Jahre später in ‚Unbequeme Tote‘ noch einmal reaktiviert wurde.

‚Vier Hände‘, Taibos vielschichtiger, mit scharfen szenischen Schnitten erzählter und mit Slapstick-Elementen gewürzter Krimi aus dem Jahr 1990, vereint Eigenschaften des Politthrillers, des historischen und des Abenteuerromans in sich. Neben den Hauptfiguren Greg und Julio, die vierhändig den grossen Revolutionsroman schreiben wollen, kommen ein brutaler CIA-Agent, ein durchgeknallter Drogenhändler, Leo Trotzki als Krimiautor, der Zauberer Houdini, Stan Laurel sowie – als heimliche Protagonisten – zwei differenziert gezeichnete Positivhelden, der Anarchist Longoria und der Altkommunist Stojan, zu einprägsamen Auftritten.

Auch in seinem drei Jahre später erschienenen Roman ‚Das Fahrrad des Leonardo da Vinci‘ gelingt es Taibo scheinbar mühelos, mehrere Handlungsstränge miteinander zu verknüpfen. Der 53-jährige Schriftsteller Fierro schreibt an einem Roman über seinen Grossvater, einen Revolutionär im Barcelona der 20er-Jahre, als er sich in die berühmte amerikanische Baseballspielerin Karen Turner verliebt. Diese wird von Organhändlern entführt und taucht – um eine Niere ärmer – schwer gezeichnet in einem Spital wieder auf. Fierro will ihr helfen, das Organ wieder zu finden. Taibo verwebt die rasante Geschichte auf geistreiche Weise mit den politischen Verwicklungen im aufgewühlten Barcelona der 20er-Jahre, mit Leonardo da Vincis Zeichnung eines Fahrrads, die erst jetzt, vierhundert Jahre nach ihrer Entstehung, aufgefunden wird, und mit den Machenschaften eines hochkriminellen CIA-Agenten.

Im Jahr 2004 liess sich Taibo auf ein wohl einzigartiges Experiment ein: Gemeinsam mit Subcomandante Marcos, dem legendären, wortgewandten Sprecher der zapatistischen Befreiungsarmee EZLN im südmexikanischen Bundesstaat Chiapas, der seit deren Aufstand vom 1. Januar 1994 auf den Fahndungslisten der mexikanischen Behörden steht und im Urwald lebt (Taibo und Marcos sind sich nie begegnet und kommunizierten nur per E-Mail miteinander!), verfasste er einen Kriminalroman, dessen Folgen wöchentlich in ‚La Jornada‘, der grössten linken Tageszeitung Mexikos, erschienen und später in Buchform gebracht wurden – unter dem Titel ‚Unbequeme Tote‘, mit dem charismatische Indio Elias Contreras, Sonderermittler der EZLN, und dem desillusionierten, in die Jahre gekommenen Privatdetektiv Hector Belascoaran Shayne aus Mexiko-Stadt im Mittelpunkt, zwei gegensätzlichen Gestalten, die gemeinsam einem Fall auf den Grund gehen, der in die Zeit des „Schmutzigen Krieges“ im Mexiko der frühen 70er-Jahre zurückreicht.

Taibos jüngste Werke sind der Piratenroman ‚Die Rückkehr der Tiger von Malaysia‘ (2010) sowie ‚Die Yakui‘, ein Porträt des indigenen Volkes der Yakui, das im 19. Jahrhundert von der mexikanischen Regierung ausgelöscht worden ist (2016).

Bibliografie:
Hector Shayne-Serie: ‚Dias de Combate‘ – ‚Die Zeit der Mörder‘ (1976), ‚Cosa facil‘ – ‚Eine leichte Sache‘ (1977), ‚No habra final feliz‘ – ‚Das nimmt kein gutes Ende‘ (1981), ‚Algunas Nubes‘ – ‚Ein paar Wolken‘ (1985), ‚Regreso a la misma ciudad y bajo la Iluvia – ‚Comeback für einen Toten‘ (1989), ‚Amorosos fanatasmas‘, ‚Suenos de frontera‘ und ‚Desvanecidos difuntos‘ – ‚Der melancholische Detektiv: Drei Fälle für Hector Belascoaran Shayne‘ (1991);
Einzelwerke: ‚Sombra de la sombra‘ – ‚Der Schatten des Schattens‘ (1986), ‚La vida misma‘ – ‚Das bizarre Leben‘ (1987), ‚Quatro manos‘ – ‚Vier Hände‘ (1990), ‚La bicicleta de Leonardo‘ – ‚Das Fahrrad des Leonardo da Vinci‘ (1993), ‚Sintiendo que el campo de batalla‘ und ‚Que todo es imposible‘ – ‚Olga Forever: Krimi in zwei Fällen‘ (1994), ‚Retornamos como sombras‘ – ‚Die Rückkehr der Schatten‘ (2001).
Gemeinsam mit Subcommandante Marcos: ‚Muertos incomodos‘ – ‚Unbequeme Tote‘ (2005).

++ Erstellt: März 2015 ++