(1912-1980; schrieb auch als Frederic Freyer und B.X Sanborn)

Bill S. Ballinger, geboren in Oskaloosa, Iowa, schloss sein Studium an der University of Wisconsin 1934 mit einem Bachelor ab. Anschliessend arbeitete er als Werbetexter, später als Radioreporter in Chicago und New York City. Nach langen Reisen durch Europa und den Nahen und Fernen Osten liess er sich Anfang der 50er-Jahre in Los Angeles nieder, um Drehbücher (unter anderem für ‚Alfred Hitchcock Presents‘, ‚Cannon‘, ‚Ironside‘ und ‚Mike Hammer‘) und Kriminalromane zu verfassen. Von 1977 bis 1979 unterrichtete er Kreatives Schreiben an der California State University Northridge in Los Angeles.

Ballinger begann seine schriftstellerische Laufbahn mit zwei Dashiell Hammett verpflichteten Romanen um den Chicagoer Privatdetektiv Barr Breed. International bekannt wurde er mit seinen knapp zwanzig Standalones, in denen er seine Spezialität, das Erzählen aus verschiedenen Perspektiven, nahezu perfektionierte: Er erzählt zwei Geschichten – eine in der ersten, die andere in der dritten Person – in alternierenden Kapiteln und führt sie dann auf verblüffende Weise zusammen.

Ballingers grösste Würfe waren ‚Die grosse Illusion‘ und ‚Die längste Sekunde‘, aber auch ‚Bis zur letzten Chance‘, eine feine Mischung aus Liebesgeschichte, Noir-Roman und Police-Procedural-Novel, weiss sehr zu gefallen. Mitte der 60er-Jahre veröffentlichte der Autor den witzigen Fünfteiler um den in Indochina stationierten CIA-Agenten Joaquim Hawks (halb Spanier, halb Nez-Percé-Indianer), die nicht auf Deutsch vorliegt. 1974 kam ‚The Corsican‘ heraus, die Geschichte des Aufstiegs eines korsischen Mafiaclans auf Korsika und in Marseille von 1943 bis 1973.

In Ballingers Meisterwerk ‚Die grosse Illusion‘ verschmelzen die beiden Erzählstränge erst ganz am Schluss. Zum einen geht es um einen Mordfall ohne Leiche (ein abgehacktes Fingerglied und ein Zahn sind, neben etwas Blut, einigen Haaren und einem verkohlten Knochen, die einzigen Überreste, deshalb der Titel ‚The Tooth and the Nail‘), der vor einem New Yorker Geschworenengericht verhandelt wird – Staatsanwalt Cannon und Strafverteidiger Denman, zwei grosse Kaliber, stehen sich gegenüber, während der Angeklagte dem Leser lange Zeit vorenthalten wird. Zum anderen erzählt der Autor die Geschichte des Zauberkünstlers Lew Mountain, der zufällig vor seinem Hotel die junge, reizende, aus Philadelphia geflüchtete Tally Shaw trifft, ihr aus der Klemme hilft, sie zu seiner Assistentin macht und nach einigen Monaten heiratet. Tally, die in Philadelphia durch ihren dementen, bei einem seltsamen Unfall getöteten Onkel in eine Falschgeldaffäre verwickelt worden war, kommt indes nach kurzer Zeit gewaltsam ums Leben, und Lew sinnt auf Rache. Die Art und Weise, wie Lew es dann dem Mörder seiner Frau heimzahlt, ist genial und bietet höchsten Lesegenuss.

‚Die längste Sekunde‘ ist die Geschichte eines etwa 40-jährigen Mannes, der mit durchschnittener Kehle, ohne Stimme und ohne Gedächtnis, in einem New Yorker Krankenhaus erwacht. Man hatte ihn halbtot und nackt, nur mit Schuhen an den Füssen und einer 1000-Dollar-Note im Schuh, vor dem Haus der jungen Silberschmiedin Bianca Hill abgeladen, und sie rettete ihm das Leben. Als der Mann, den die Polizei als Vic Pacific identifiziert, aus dem Spital entlassen wird, geht er zu Bianca, um sich bei ihr zu bedanken – und sie stellt ihn aus Mitleid gleich als Gehilfen ein. Doch Bianca hat eine zweite Untermieterin, das Mannequin Rosemary Martin, die Pacific mit tiefer Abneigung entgegentritt – sie kennt ihn offenbar von früher her. Dann erhält Pacific einen Drohanruf, zwei Menschen aus seinem neuen Umfeld werden ermordet, sein Leben scheint an einem seidenen Faden zu hängen. Er beginnt seine eigene Vergangenheit zu erforschen, stellt fest, dass er über erstaunliche Fähigkeiten (Umgang mit Wurfmessern, Herstellung eines Dietrichs) verfügt und Arabisch spricht. Der faszinierende, von einer bedrohlichen Grundstimmung durchdrungene Krimi wird abwechselnd aus der Sicht des Ich-Erzählers Pacific und der Polizei erzählt, wobei die beiden Stränge auch zeitlich auseinanderliegen. Gegen den Schluss hin verlässt der Autor etwas den Boden der Realität.

Ballinger war dreimal verheiratet – mit Geraldine Taylor von 1936 bis zur Scheidung 1946, mit Laura Dunham von 1949 bis zu ihrem Tod 1962 und mit Lucille Rambeau ab 1964 – und starb 68-jährig in Tarzana, Kalifornien.

Bibliografie:

Barr Breed-Romane: ‚The Body in the Bed‘ – ‚Ein Talisman, der Unglück bringt‘ (1948), ‚The Body Beautiful‘ – ‚Die Totenshow‘ (1949).

Einzelwerke: ‚Portrait in Smoke‘ (auch unter dem Titel ‚The Deadlier Sex‘) – ‚Keiner ging an ihr vorbei‘ (1950), ‚The Darkening Room‘ (1952), ‚Rafferty‘ (auch unter dem Titel ‚The Beautiful Trap‘, 1953), ‚The Tooth and the Nail‘ – ‚Die grosse Illusion‘ (1955), ‚The Longest Second‘ – ‚Die längste Sekunde‘ (1957), ‚The Wife of the Red-Haired Man‘ – ‚Bis zur letzten Chance‘ (1957), ‚Beacon in the Night‘ – ‚Auf dem Siedepunkt‘ (1958), ‚Formula for Murder‘ – ‚Rezept für einen Mord‘ (1958), ‚The Fourth Forever‘ – ‚Am 4. beginnt die Ewigkeit‘ (1963), ‚Not I, Said the Vixen‘ – ‚Liebe ist ein tödliches Spiel‘ (1965), ‚The Heir Hunters‘ – ‚Die Erbschaftsjäger‘ (1966), ‚The Source of Fear‘ – ‚Safari in die Vergangenheit‘ (1968), ‚Heist Me Higher‘ – ‚Die Henkersmahlzeit‘ (1969), ‚The 49 Days of Death‘ (1969), ‚The Lopsided Man‘ (1969), ‚Triptych‘ (1970), ‚The Corsican‘ (1974), ‚The Law‘ (1975), ‚The Ultimate Warrior‘ (1975), ‚Lost City of Stone‘ (1978);

Joaquim Hawks-Serie: ‚The Chinese Mask‘ (1965), ‚The Spy in Bangkok‘ (1965), ‚The Spy in the Jungle‘ (1965), ‚The Spy at Angkor Wat‘ (1966), ‚The Spy in the Java Sea‘ (1966).

Als Frederic Freyer: ‚The Black Black Hearse‘ (1955).

Als B.X. Sanborn: ‚The Doom Maker‘ (auch unter dem Titel ‚The Blonde on Borrowed Time‘) – ‚Der Wahrsager‘ (1959).