(*1941)

Alan Furst wurde als Sohn einer jüdischen Familie russisch-lettischer Herkunft in Manhattan geboren und wuchs auch dort auf. Nach seiner Collegezeit arbeitete er als Taxifahrer, Erntehelfer, Fabrikarbeiter und freier Werbetexter, trampte durch die USA und verbrachte einige Zeit in Südfrankreich und Spanien, bevor er zum Journalismus kam und Reiseberichte und Literaturkritiken für die amerikanische Ausgaben des ‚Esquire‘ und andere Magazine verfasste. Während seines Paris-Aufenthalts (1987 bis 1993) schrieb er Kolumnen für ‚The International Herald Tribune‘. Später liess er sich auf Long Island (New York) nieder, wo er bis heute lebt.

Furst begann bereits mit zwanzig zu schreiben, betrat die Krimibühne jedoch erst 1976 mit dem ersten, nicht auf Deutsch vorliegenden Band der Roger Levin-Trilogie. Roger Levin war ein mittelgrosser Marihuana-Dealer und danach Besitzer des chinesischen Restaurants Long Hai in New York, das er aufgrund einer idiotischen Wette verlor. Heute verdient er sein Brot als lizenzloser Gelegenheitsdetektiv. Er wohnt in Manhattan und teilt das Bett mit seiner schönen Freundin Sandy. Sein bester Freund und wichtigster Auftragsgeber ist der Anwalt Wyatt Reed.

In ‚Die Paris-Falle‘ wird Roger Levin von der Synagogengemeinschaft seiner Eltern beauftragt, eine grössere Geldsumme an eine israelische Untergrundorganisation in Paris zu überbringen – dem Anschein nach nicht viel mehr ein hübscher, kleiner Ausflug. Doch kaum in Paris angekommen, wird der sympathische Held in eine höchst undurchsichtige Intrige verwickelt und kehrt schliesslich mit einem Finger weniger, aber (im Gegensatz zu einigen seiner Weggefährten) immerhin lebend nach New York zurück.

Auch in ‚Tödliche Karibik‘ hat Roger Levin einen kniffligen, jedoch vorzüglich honorierten, durch Wyatt Reed vermittelten Fall zu knacken. Fiona, die 19-jährige Tochter der steinreichen amerikanischen Familie de Scodellaire, ist in die Fänge des verrückten Psychiaters und Sektenführers Charles Early Smith geraten, der es natürlich auf ihr Geld abgesehen hat – Levin soll sie befreien und heil nach Hause bringen. Die Spur führt auf die kleine Karibikinsel St. Maarten, wo Smith ein verwittertes Fort besitzt. Doch ist Fiona überhaupt gewillt, zu ihrer überspannten Familie zurückzukehren? Die mit bissigem Witz erzählte Geschichte zeichnet sich aus durch spritzige Dialoge, schnoddrige Sprüche und einen verwickelten Plot.

1983 liess der Autor den auf Fakten beruhenden Politthriller ‚Geschäfte im Schatten‘ folgen. Die Carter-Administration entliess im Juni 1977 auf einen Schlag nicht weniger als 820 CIA-Agenten, unter ihnen Guyer, der sich nun mit seinem alten Kumpel List in Manhattan selbständig macht: Das ausgekochte Gespann spezialisiert sich auf die Vermittlung von Doppelgängern für gefährdete Personen – ein lukrativer, wenn auch nicht ganz ungefährlicher Job.

Furst hielt später offenbar nicht mehr viel von seinem Frühwerk – es ist nicht einmal auf seiner Homepage aufgeführt.

Ende der 80er-Jahre fand Furst zu seinem grossen Thema: Europa als Zentrum der Geschichte in den Jahren 1933 bis 1945. In diesen vom Autor als „historische Spionageromane“ bezeichneten Werken steht jeweils (wie bei seinem grossen Vorbild Eric Ambler) eine kleine, bescheidene Figur im Mittelpunkt. 1988 veröffentlichte er mit ‚Soldaten der Nacht‘ den ersten dieser bisher zwölf Romane, in denen er das ränkevolle und skrupellose Spiel der Mächte jener Zeit auf eindrucksvolle Weise in Szene setzt.

Im Jahr 2000, nach vier nicht ins Deutsche übertragenen Büchern, schaffte Furst mit ‚Das Reich der Schatten‘ den internationalen Durchbruch. Paris 1938, am Vorabend des Zweiten Weltkriegs. Der Anschluss Österreichs und die Annektion des Sudetenlands stehen unmittelbar bevor, als der ungarische Aristokrat und Lebenskünstler Nicholas Morath von seinem Onkel, dem ungarischen Diplomaten Graf Janos Polanyi, als Geheimagent gegen den (auch in Ungarn grassierenden) Nationalsozialismus eingesetzt wird. Er schmuggelt gefälschte Pässe und geheime Dokumente über die Grenzen, sammelt Geld ein, befreit inhaftierte Personen und unternimmt gefährliche Reisen nach Deutschland und Osteuropa, ohne die Hintergründe seines Tuns wirklich zu durchschauen. Doch eines Tages, kurz vor Kriegsausbruch, ist Polanyi plötzlich spurlos verschwunden, und Morath ist nun ganz auf sich allein gestellt.

‚Die Nacht der Sirenen‘ sieht den ukrainischen Schriftsteller Ilja Serebin im Brennpunkt des Geschens. Serebin, bis anhin kein besonders mutiger Mann, lebt in Paris im Exil, als er im November 1940 vom britischen Geheimdienst beauftragt wird, Öltransporte von Rumänien nach Deutschland zu sabotieren. Die Vorbereitungen zu der gefährlichen Mission führen Serebin von Paris nach Istanbul, von Bukarest in den schillernden Kurort St. Moritz. Und dann, im Winter des Jahres 1941, besteigt Serebin auf der Donau ein Schiff und hat fortan nur noch ein Ziel vor Augen: einen Abschnitt des Flusses für die feindlichen Ölfrachter unpassierbar zu machen.

Kapitän Eric de Haan, nerven- und charakterstarker Kapitän des alten Frachters ‚Noordendem‘, ist die Hauptfigur in ‚Die Stunde des Wolfs‘. Am 30. April 1941 wird er vom niederländischen Geheimdienst angewiesen, im Kampf gegen Nazideutschland Munition, technische Geräte und britische Offiziere in verschiedene Hafenstädte zu bringen – ständig bedroht durch deutsche U-Boote und Luftaufklärer. Als Eric de Haan auch Flüchtlinge aufnimmt, wird seine Mission zum Himmelfahrtskommando. Dann marschieren die Deutschen in der Sowjetunion ein, und die ‚Noordendem‘ sitzt im Baltikum fest.

Bibliografie:

Roger Levin-Trilogie: ‚Your Day in the Barrell‘ (1976), ‚The Paris Drop‘ – ‚Die Paris-Falle‘ (1980), ‚The Caribbean Account‘ – ‚Tödliche Karibik‘ (1981);

‚Shadow Trade‘ – ‚Geschäfte im Schatten‘ (1983);

Historische Spionagethriller: ‚Night Soldiers‘ – ‚Soldaten der Nacht‘ (1988), ‚Dark Star‘ (1991), ‚The Polish Officer‘ (1995), ‚The World at Night‘ (1996), ‚Red Gold‘ (1999), ‚Kingdom of Shadows‘ – ‚Das Reich der Schatten‘ (2000), ‚Blood of Victory‘ – ‚Die Nacht der Sirenen‘ (2002), ‚Dark Voyage‘ – ‚Die Stunde des Wolfs‘ (2004), ‚The Foreign Correspondent‘ (2006), ‚The Spies of Warsaw‘ (2009), ‚Spies of the Balkans‘ (2010), ‚Mission to Paris‘ (2012), ‚Midnight in Europe‘ (2014), ‚A Hero of France‘ (2016).