(Kürzel für Joseph Nicholas Gores, 1931-2011)

Geboren in Rochester, Minnesota, studierte Joe Gores bis 1951 Englische Literatur an der University of Notre Dame in South Bend, Indiana. Nach der Militärdienstzeit machte er 1961 einen Magister im selben Fach an der Stanford University. Danach arbeitete er unter anderem als Lastwagenfahrer, Fitnesstrainer, auf dem Rummelplatz, als Englischlehrer in Kenia und zuletzt zwölf Jahre als Privatdetektiv und „Repo-Man“ für zwei Agenturen in San Francisco. (Repo-Männer konfiszieren Fahrzeuge, Stereoanlagen usw., wenn deren Besitzer mit den Raten in Verzug geraten sind‘) In seiner Freizeit schrieb er Kurzgeschichten, die er jedoch für geraume Zeit nicht an die Pulp-Magazine verkaufen konnte, und Biografien von Pentagon-Generalen. 1967 quittierte er den Detektivjob, um sich dem Krimi zuzuwenden. Später, zwischen 1978 und 1986, verfasste er fast ausschliesslich Drehbücher für das Fernsehen (‚Columbo‘, ‚B. L. Stryker, ‚Kojak‘, ‚Magnum P.I.‘, ‚Mike Hammer‘ und ‚Remington Steele‘), vereinzelt auch für’s Kino.

Joe Gores, ein enger Freund des 2008 verstorbenen Krimiautors Donald Westlake, lebte mit seiner zweiten Frau Dori Corfitzen, die er 1976 geheiratet hatte, in San Anselmo in der San Francisco Bay Area. Am 10. Januar 2011, exakt fünfzig Jahre nach seinem grossen Vorbild Dashiell Hammett, mit dem er zwei Berufe (Privatdetektiv und Autor) teilte und dem er den grossartigen Krimi ‚Hammett‘ widmete, starb Gores 79-jährig im Marin General Hospital in Greenbrace an einer Magenblutung. Neben seiner Frau Dori hinterliess er einen Stiefsohn und eine Stieftochter.

Gores‘ überaus freche und komische, mit trockenen Sprüchen („Der DKA-Kaffee schmeckt immer so, als hätte jemand eine Ratte darin aufgebrüht“ oder „Lange Haare und Bärte waren in diesem Gericht nicht verboten, es sei denn, es nisteten bereits die Sperlinge darin“) gespickte Serie um die berüchtigten Repo-Leute der Dan Kearny Associates (DKA) – Hauptsitz in San Francisco, Zweigstellen in allen grösseren kalifornischen Städten – enthält zwölf Kurzgeschichten und sechs Romane.

Den harten Kern der coolen Truppe bilden (neben dem verheirateten Familienvater Dan Kearny, einem ausgekochten Burschen um die fünfzig, der diesen Beruf bereits seit seinem 15. Lebensjahr ausübt) Patrick Michael O’Bannon, genannt O.B., ein gerissener Ire, der auch schon 25 Jahre im Geschäft ist, die junge, blitzgescheite Schönheit Giselle Marc, die Büroleiterin, die sich auch im Aussendienst wacker schlägt, sowie die Youngsters Larry Ballard, ein Muskelprotz mit einem braunen Gürtel in Karate, und Bart Heslip, ein schwarzer Ex-Boxer. Die Reihe ist eine Hommage an die „echte“ DKA – die (nicht mehr existierende) David Kikker & Associates, für die Gores einst ins Feld gezogen ist. Alle Geschichten beruhen auf Fällen, mit denen sich der Autor damals auseinandergesetzt hat.

Der erste Band ‚Zur Kasse, Mörder‘ weiht den Leser in die Techniken, Tricks, und Gefahren des Repo-Berufs ein („Man muss forschen und graben, bis man fündig wird“). Ausgangspunkt der Geschichte ist ein Überfall auf Bart Heslip, der danach mit Schädel-Hirn-Verletzungen komatös im Krankenhaus liegt. Aufgefunden wurde er hinter dem Lenkrad eines gleichentags beschlagnahmten Jaguars, dessen Wrack mit einer leeren Scotchflasche unter dem Sitz neben einer Bergstrasse aufgefunden wurde – für die Polizei ein Selbstunfall im Suff. Doch Barts bester Freund Larry zweifelt keine Sekunde daran, dass die Geschehnisse mit einem kürzlich erledigten Job zusammenhängen. Kearny gibt ihm exakt 72 Stunden Zeit, den Fall zu lösen. Kurz vor Ablauf der Frist packt auch ihn das Jagdfieber: Er wirft sich selbst ins Gefecht – und trifft dabei zufällig auf Westlakes/Starks Gangsterfigur Parker.

Der vierte Band ’32 Cadillacs‘ beginnt mit einem üblen Rolltreppensturz des Roma-Königs Staley Zlachi. Falls er stirbt, würden Rudolph Marino oder Madame Miseria seine Nachfolge antreten, doch zuerst gilt die volle Aufmerksamkeit Zlachis Wunsch, in einem perfekt restaurierten, pinkfarbenen Cadillac Cabriolet Baujahr 1958 beerdigt zu werden. Bei der Anschaffung des Oldtimers gelingt es dem gewieften Clan, nicht weniger als 31 weitere Cadillacs zu ergaunern. Die Repo-Leute versuchen nun mit allen Mitteln, die Luxuswagen zurückzuholen, doch die Roma-Leute erweisen sich als fast ebenso clever, durchtrieben, kreativ und intrigierfreudig wie die Jungs und Mädels der DKA. Auch Don Westlakes Dortmunder-Gang kommt zu einem kleinen Gastauftritt – ein feiner Gag. Am Schluss der wilden Geschichte wartet der Autor mit einer faustdicken Überraschung auf.

Neben der DKA-Serie verfasste Gores auch einige erstklassige Einzelwerke.

Zu Beginn dieses vielschichtigen Vigilanten-Thrillers ‚Der Killer in dir‘ überfallen vier Halbstarke aus Langeweile einen jungen Familienvater und verletzen ihn schwer. Kurz danach wird Paula Halstead, die einzige Zeugin des Überfalls, von der Bande heimgesucht und vergewaltigt – schamerfüllt setzt sie daraufhin ihrem Leben ein Ende. Ihr Mann Curt, ein Professor der Anthropologie und Korea-Veteran mit Nahkampferfahrung, fühlt sich von der Polizei im Stich gelassen und nimmt die Sache selbst in die Hand. Er bringt seinen erschlafften Körper bei einem Bodybuilding-Trainer wieder in Schwung und verwandelt sich in ein Raubtier. Der Alptraum endet nach achtzehn Wochen, in denen Curt über die menschliche Natur mehr erfährt als zuvor während seiner zwanzigjährigen Zeit als Sozialanthropologe.

‚Interface‘ spielt in einem San Francisco der Drogenhändler und Fixer, der Prostituierten und Spitzel, der kleinen Herumtreiber und Strassengangs – ein San Francisco, das Joe Gores während seiner Zeit als Ermittler und „Repo-Man“ hautnah erlebt hat. Der Vietnamkrieg bildet den finsteren Hintergrund. Die von harten, niederträchtigen Männern beherrschte Geschichte behandelt zwei sich überschneidende Kriminalfälle, mit denen Neil Fargo sich auseinandersetzen muss; Neil Fargo, Ex-Football-Profi, Offizier der Special Forces in Vietnam und Privatdetektiv mit einem Jura-Abschluss, ist ein intelligenter, schlagkräftiger, unerhört kaltschnäuziger Bursche, der jedoch zum Leidwesen seiner aufgeweckten Hilfskraft Pamela auch im Heroingeschäft mitmischt. Zum einen soll er die drogensüchtige Tochter seines wichtigsten Auftraggebers, des Grossindustriellen Maxwell Stayton, aufspüren, die in die Fänge der Gangster Kolinski und Hariss geraten ist. Weitaus anspruchsvoller ist der zweite, ihn direkt betreffende Fall: Sein Vietnam-Buddy und mehrfache Lebensretter Docker, nach monatelanger Vietkong-Gefangenschaft ein gebrochener Mann, kommt Kolinski bei einem Drogendeal in die Quere, indem er den Kurier umlegt und danach mit Stoff und Zaster verschwindet – Fargo selbst, soviel ist klar, hat dabei auch irgendwie die Hände im Spiel. Nach einer atemberaubenden Verfolgungsjagd fügt Gores die Handlungsstränge in dem bösartigen Finale geschickt zusammen. Gewidmet hat er den Krimi sinnigerweise Westlakes Gangster Parker, mit dem Fargo weitaus mehr gemeinsam hat als mit Hammetts Detektiven.

‚Runyons Coup‘ stammt aus dem Jahr 1986. Nach acht Jahren in San Quentin wegen Raubüberfalls endlich wieder auf freiem Fuss, will Runyon Elliott in San Francisco ein neues Leben beginnen, – mit den damals erbeuteten Diamanten im Wert von zwei Millionen als Starthilfe. Doch andere Parteien haben nur darauf gewartet, dass Runyon wieder draussen ist und heften sich nun an seine Fersen: Der Versicherungsdetektiv, dessen Gesellschaft die Edelsteine versichert hatte, Runyons damalige Partner, eine junge Journalistin, in die sich Runyon verliebt, und auch sein älterer Bruder Big Art ist vermutlich involviert. Bald jedoch muss Runyon die bittere Pille schlucken, dass auf seinem Diamanten-Versteck eine Neubausiedlung steht – eine Tatsache, die seinen Konkurrenten nicht bekannt ist.

‚Hammett‘, eine raffinierte Mischung aus Noir-Roman und Biografie, angereichert mit zahlreichen Anspielungen auf Dashiell Hammetts Romanwerk, spielt im San Francisco des Jahres 1928, während der Prohibition, als organisierte Kriminalität die Stadt beherrscht. Der ehemalige Pinkerton-Detektiv Hammett arbeitet – getrennt von Frau und Kindern – an seinen legendären Kriminalromanen, als sein Freund und ehemaliger Arbeitskollege Vic Atkinson, der einem Korruptionsfall bei der Polizei auf der Spur ist, brutal ermordet wird. Dash Hammett, trickreich und hart gesotten, stellt Schreibmaschine und Schnapsflasche in die Ecke und begibt sich auf seinen Rachefeldzug.

Auch Gores‘ letzter Krimi ‚Spade & Archer‘ nimmt Bezug auf Dashiell Hammett: er ist das Prequel zu dessen Krimi ‚Der Malteser Falke‘ und dreht sich um den Privatdetektiv Sam Spade, seinen (zu Beginn von ‚Der Malteser Falke‘ ermordeten) Partner Miles Archer und dessen Frau Iva, und auch die Cops Dundy und Polhaus und Spades Anwalt Sid Wise sind in den Fall involviert.

Bibliografie:

Standalones: ‚A Time of Predators‘ – ‚Die Leichenmacher‘ (auch unter dem Titel ‚Der Killer in dir‘, 1969), ‚Interface‘ – ‚Interface‘ (auch unter dem Titel ‚Der Stoff, aus dem die Morde sind‘, 1974), ‚Hammett‘ – ‚Dashiell Hammetts letzter Fall‘ (auch unter dem Titel ‚Hammett‘, 1975), ‚Come Morning‘ – ‚Runyan’s Coup‘ (1986), ‚Wolf Time‘ – ‚Die Rache des Jägers‘ (1989), ‚Dead Man‘ – ‚Der Mann aus dem Totenreich‘ (1993), ‚Menaced Assassin‘ (1994), ‚Cases‘ (1998), ‚Glass Tiger‘ (2006), ‚Spade & Archer‘ (2009);

DKA-Serie: ‚Dead Skip‘ – ‚Zur Kasse, Mörder!‘ (1972), ‚Final Notice‘ – ‚Überfällig‘ (auch unter dem Titel ‚Zahltag ist um sechs‘, 1974), ‚Gone ,No Forwarding‘ – ‚Unbekannt verzogen‘ (1978), ’32 Cadillacs‘ – ’32 Cadillacs‘ (1992), ‚Contract Null and Void‘ (1996), ‚Stakeout on Page Street‘ (Short Stories, 2000), ‚Cons, Scams, and Grifts‘ (2001).