(*1952)

Geboren und aufgewachsen in Nashville, Tennessee, studierte Steven Womack an der Western Reserve Academy in Hudson, Ohio, und der Tulane University in New Orleans. Master-Abschluss in Englisch und Schreiben am Southampton College Writing Program auf Long Island. Anschliessend arbeitete er als Journalist und Pressefotograf, unterrichtete Drehbuchschreiben an der Watkins Film School in Nashville und leitete mehrere Jahre einen Schreib-Workshop im Staatsgefängnis Tennessee. Nach Dutzenden Ablehnungen seiner Manuskripte kam Womacks schriftstellerische Laufbahn erst Anfang der 90er-Jahre in Gang: mit der nicht auf Deutsch vorliegenden Trilogie um den PR-Agenten Jack Lynch aus New Orleans und der Harry James Denton-Serie, seinem bedeutendsten Beitrag zur Kriminalliteratur. Womack lebt mit seiner zweiten Frau, der Autorin und Kolumnistin Shalynn Ford, in Nashville, Tennessee, wo er bis 2020 während fünfundzwanzig Jahren das Drehbuchprogramm am Watkins College of Art betreut hat.

Harry James Denton, ein geschiedener ehemaliger Zeitungsreporter Mitte dreissig, hat kürzlich in Nashville eine schäbige Detektei eröffnet. Nachdem er vorerst nur kleine Jobs erledigt hat – Zurückholen der Wagen von säumigen Zahlern zusammen mit seinem Freund, dem Schrotthändler Lonnie, Aufspüren von Personen, Eintreiben von Schadenersatzforderungen von Handwerkern – kommt er in ‚Totenblues‘ zu seinem ersten handfesten Fall. Ausgerechnet Rachel Fletcher – er war mit ihr drei Jahre zusammen, bis sie ihn verliess, um einen angehenden Chirurgen zu heiraten – ist es, die ihn in einer heiklen Angelegenheit um Hilfe bittet: Ihr Mann sei aufgrund seiner Spielsucht in die Fänge eines rabiaten Buchmachers geraten, und Harry soll verhindern, dass ihm etwas zustösst. Als er im Krankenhaus mit dem Arzt in Kontakt treten will, stolpert er in einem dunklen Zimmer über Fletchers Leiche – und wird sogleich bewusstlos geschlagen. Die Autopsie ergibt, dass ein Narkosemittel den Tod herbeigeführt hat. Beim Spitalpersonal herrscht Einigkeit: Doktor Fletcher war ein herrschsüchtiger und gefühlloser Womanizer, dem niemand eine Träne nachweint. Eine harte Nuss für den havarierten Schnüffler, der zudem schon bald mit seiner College-Flamme in der Kiste landet – sich letztlich aber ordentlich aus der Affäre zieht.

Zehn Monate später, in ‚Brandstifterboogie‘, hat der seit kurzem mit der attraktiven forensischen Pathologin Dr. Marsha Helms liierte Detektiv wieder einmal einen anspruchsvollen Auftrag: Will Elmore, dreimal geschiedener, millionenschwerer „Psychoklempner der Stars“, der als Sachverständiger in ungezählten strafrechtlichen Verfahren ausgesagt hat, ist in einer niedergebrannten alten Villa als „Knusperleiche“ mit eingeschlagenem Schädel aufgefunden worden. Es ist derselbe Doktor Elmore, der Harrys Ex-Frau Lanie bei der Trennung behandelt hatte und kurz danach ihr Liebhaber wurde. Da er Lanie einen Haufen Geld hinterlassen hat, ist sie in den Fokus der Polizei geraten. Harry soll ihr aus der Bredouille helfen. In argen finanziellen Nöten steckend, nimmt er den Auftrag zähneknirschend an. Seine Ermittlungen zeigen, dass Elmore die ärztliche Schweigepflicht immer wieder grob verletzt hat, sind doch seine detaillierten, teilweise spöttischen Notizen zu über zwanzig Patienten, unter ihnen einige der prominentesten und mächtigsten Einwohner der Stadt, ungefiltert an die Öffentlichkeit gelangt. Womack macht daraus eine spannende Geschichte, bei deren Auflösung ihm allerdings die Gäule durchgehen.

‚Requiem für eine Sängerin‘ spielt in der von Geldgier, Verrat und Betrug geprägten Musikszene Nashvilles. Die talentierte Country-Sängerin Rebecca Gibson wird kurz nach einem erfolgreichen Auftritt in ihrer Wohnung erschlagen. Ihr unberechenbarer Songwriter und Ex-Mann Slim Gibson, mit dem Harry sich die Büroräume teilt, wird verhaftet, doch Harry zweifelt an seiner Schuld und sticht in ein Wespennest, als er sich auf die Suche nach dem wahren Täter begibt. Schade, dass Womack die streckenweise mitreissende Geschichte mit einem überflüssigen Seitenstrang – Harrys Freundin Dr. Marsha Helms wird durch eine Gruppe von religiösen Fanatikern als Geisel genommen, um zu verhindern, dass sie die Frau ihres Führers obduziert – in die Länge zieht.

‚Tänzerin auf dem Vulkan‘, eine Hommage an Raymond Chandlers ‚The Big Sleep‘, ist der beste Titel der Serie. Die labile, offenbar drogenabhängige Stacey Jameson, Tochter einer angesehenen Familie, ist mit einem kriminellen Typen ausgerissen. Ihre wesentlich ältere Schwester Betty beauftragt Harry, die Rumtreiberin ausfindig zu machen und zurückzubringen, und zwar schnell, denn Stacey wird im nächsten Monat volljährig und kommt dann in den Genuss von zwanzigtausend Dollar pro Monat – so zumindest hat es ihr betagter Vater, wohl in geistiger Umnachtung, festgelegt. Die Spuren führen in die übelsten Pornoschuppen der Stadt. Harry Denton, seit kurzem Besitzer eines Computers und von anderem nützlichem Equipment, wühlt sich mutig durch den Dreck und stösst auf fürchterliche – siebzehn Jahre zurückliegende – Geheimnisse der Familie Jameson.

Die spritzigen, mit humorigen Szenen angereicherten, allerdings nicht immer logisch gebauten Romane leben von eindrucksvollen Schilderungen der „Music City“ Nashville und dem warmherzigen, eloquenten – chandleresken, aber durchaus eigenständigen – Protagonisten, dem Womack 2022, nach über zwanzig Jahren, in ‚Fade Up From Black: The Return of Harry James Denton‘ ein Comeback gewährt hat.

Bibliografie:

Jack Lynch-Trilogie: ‚Murphy’s Foult‘ (1990), ‚Smash Cut‘ (1991), ‚The Software Bomb‘ (1993);

Harry James Denton-Serie (aka Music City Murders Series): ‚Dead Folks‘ Blues‘ – ‚Totenblues‘ (1992), ‚Torch Town Boogie‘ – ‚Brandstifterboogie‘ (1993), ‚Way Past Dead‘ – ‚Requiem für eine Sängerin‘ (1995), ‚Chain of Fools‘ (auch unter dem Titel ‚Nobody’s Chain Lays Straight‘) – ‚Tänzerin auf dem Vulkan‘ (1996), ‚Murder Manual‘ (auch unter dem Titel ‚A Manual of Murder‘, 1998), ‚Dirty Money‘ (2000), ‚Fade Up From Black: The Return of Harry James Denton‘ (2022);

Einzelwerke: ‚By Blood Written‘ (2005), ‚Resurrection Bay‘ (gemeinsam mit Wayne McDaniel, 2014).