(1942 – 2023)
Mary Willis wurde in Fox Point, Wisconsin, als jüngstes von drei Kindern geboren. Nach dem Studium an der Duke University in North Carolina und der Boston University unterrichtete sie Englisch an einer Mädchenschule in Harlem. 1967 heiratete sie den Geschäftsmann Lee Walker und liess sich mit ihm in Austin, Texas, nieder, wo sie ihre Töchter Amanda und Suzanna grosszog und Literaturkritiken, Essays und Drehbücher verfasste. 1991 erschien ihr erster von vier Spannungsromanen, der etwas unausgereifte Standalone ‚Raubtierfütterung‘. Nach der Scheidung 1993 nahm sie wieder ihren angestammten Namen an, zeichnete ihre Bücher aber weiterhin mit Mary Willis Walker. im Alter von 81 Jahren starb sie in Austin an den Folgen einer Demenzerkrankung.
Die mutige, dickköpfige Kriminalreporterin Molly Cates aus Austin, Ex-Frau des Cops Lieutenant Grady Traynor, den sie immer noch liebt, und Mutter der zwanzigjährigen Jo Beth, hat vor wenigen Tagen das True-Crime-Buch ‚Sweating Blood‘ über den soziopathischen Frauenkiller Louie Bronk herausgegeben. Dieser sitzt seit zehn Jahren in der Todeszelle und hat sämtliche ihm zur Last gelegten Morde gestanden. Auch den einzigen Mord, der nicht ins Bild passte – und für den er jetzt hingerichtet werden soll. Seine anderen – wenngleich ausgesprochen bestialischen – Morde würden in Texas lediglich mit lebenslanger Haft geahndet. Doch vier Tage vor der Exekution widerruft Louie völlig überraschend sein Geständnis und fleht Molly an, seinen Hals zu retten. Als kategorische Gegnerin der Todesstrafe gerät Molly in einen Gewissenskonflikt: Gelingt es ihr, Louie zu entlasten, ruiniert sie ihren Ruf als investigative Journalistin. Lässt sie hingegen die Sache laufen, wird Louie ausgerechnet aufgrund eines nicht begangenen Mordes getötet. Wobei kaum jemand daran zweifelt, dass die Todesstrafe in seinem Fall berechtigt ist. Darüber hinaus stellt sich die Frage: Wer, wenn nicht Louie, hat damals die Gattin des erfolgreichen Geschäftsmanns Charlie McFarland umgebracht? Als Molly zu ermitteln beginnt, bekommt sie einen anonymen Drohbrief, und dann geschehen in Charlies Umgebung zwei weitere Morde. ‚Der rote Schrei‘, 1995 mit dem Edgar Award für den besten Roman gekürt, glänzt mit komplexen Figuren und packender Handlungsführung.
‚Unter des Käfers Keller‘, Band Zwei der Molly Cates-Trilogie, befasst sich mit fanatischem Sektenkult in Texas. Der irre Sektenführer Samuel Mordecai hält seit 45 Tagen den Schulbusfahrer Walter Demming mit elf Kindern unter der Erde gefangen, um den Geist der Kinder vor dem in fünf Tagen von ihm prophezeiten Weltuntergang zu reinigen und sie dann zu opfern. Den längst an ihre Grenzen gestossenen FBI-Agenten und Polizisten bleibt somit kaum noch Zeit die Katastrophe abzuwenden. Die Verhandlungen mit Mordecai sind im Sand verlaufen, und ein Angriff auf das nur vage lokalisierbare Gefängnis wäre fatal. In dieser hoffnungslosen Situation bittet das FBI Molly um Hilfe, kennt sie doch den durchgeknallten Prediger von früher. Die Autorin beschreibt das dramatische Geschehen wechselweise aus der Sicht der Geiseln und der Journalistin, die noch einen letzten Pfeil im Köcher hat. Der Reiz des in einen atemraubenden Showdown mündenden Romans liegt vor allem in der tiefgründigen Schilderung der beiden Hauptfiguren: Walter Demming, ein traumatisierter Vietnamveteran, der über sich hinauswächst, indem er die Hoffnung der Kinder mit dem Erfinden von herrlichen Abenteuergeschichten am Leben hält; und Molly Cates, die alles daransetzt, in die fürchterliche Welt des selbstberufenen Propheten zu dringen.
‚Lass die Toten ruhn‘ dreht sich um zwei zeitlich weit auseinanderliegende Geschehnisse. Vor 28 Jahren ist Mollys Vater unter unklaren Umständen ums Leben gekommen – für den zuständigen Sheriff, ein besonders niederträchtiges Exemplar seiner Zunft, ein klarer Fall von Suizid. Doch Molly Cates, damals sechzehnjährig, zweifelte nie daran, dass ihr Vater ermordet wurde, und ihre fanatisch geführten Recherchen zerstörten damals ihre Existenz als verheiratete Mutter einer kleinen Tochter. Der aktuelle Fall spielt in der Obdachlosenszene. Molly arbeitet an einer Reportage über das Schicksal von fünf langjährigen Stadtstreicherinnen, als eine der von ihnen auf brutale Weise umgebracht wird. Die Spuren führen zu einer Gruppe von schiesswütigen Männern, die mit allen Mitteln dagegen ankämpfen, dass mit der vorgesehenen Einführung eines neuen Waffengesetzes ihre „Freiheit“ geschmälert wird. Die meisterhaft komponierte Geschichte bildet einen würdigen Abschluss der Molly Cates-Trilogie.
Bibliografie:
Einzelwerk: ‚Zero at the Bone‘ – ‚Raubtierfütterung (1991);
Molly Cates-Trilogie: ‚The Red Scream‘ – ‚Der rote Schrei‘ (1994), ‚Under the Beetle’s Cellar – ‚Unter des Käfers Keller‘ (1995), ‚All the Dead Lie Down‘ – ‚Lass die Toten ruhn‘ (1998).
Ich habe die Cates-Trilogie damals gerne gelesen. Walker war eine frische Stimme in den 90ern – flog aber irgendwie (für mich in der Wahrnehmung) unterm Radar.