(*1953)
Miron Zownir – „Poet der radikalen Fotografie“ – kam als Sohn einer deutschen Mutter und eines ukrainischen Vaters in Karlsruhe zur Welt. Seit Ende der 70er-Jahre porträtiert er Menschen in konfliktgeladenen sozialen Milieus von West-Berlin, London, New York, Moskau, Los Angeles, Pittsburgh, San Francisco und Las Vegas, von Rumänien und der Ukraine. Seine Fotoserien wurden weltweit ausgestellt und in renommierten Magazinen publiziert, eine Sammlung seiner frühen Bilder findet sich unter dem Titel ‚Viele Grüsse aus New York von Miron Zownir‘ in einer Sonderausgabe des Magazins ‚FOTOGRAFIE – Zeitschrift internationaler Fotokunst‘. Neben seiner Fotografie – für Aufsehen sorgte vor allem der legendäre Bildband ‚radical eye‘ (Gestalten Verlag, 1998) – arbeitete er als Regisseur von Kurzfilmen, Drehbuch- und Romanautor. Zownirs durchwegs in deutscher Sprache verfasstes literarisches Werk enthält die Noir-Romane ‚Kein schlichter Abgang‘, ‚Umnachtung‘, ‚Sorry Lana‘, den True-Crime-Roman ‚Pommerenke‘ (gemeinsam mit Nico Anfuso) und die mit Fotos geschmückte Geschichten- und Lyrik-Sammlung ‚Parasiten der Ohnmacht‘ (Mox & Maritz, 2009). Nach längeren Aufenthalten in New York, Los Angeles, Pittsburgh und Moskau liess er sich 1996 in Berlin nieder.
Roland Skollani, arbeitsloser Ich-Erzähler des in den Slums von Pittsburgh und New York angesiedelten Romanerstlings ‚Kein schlechter Abgang‘, schmiedet Pläne, um sein verpfuschtes Leben in den Griff zu bekommen, Marihuana und Wodka helfen ihm dabei. Er wohnt zurzeit in der Wohnung seiner Ex-Frau Rita, die demnächst aus dem Knast entlassen wird. Da steht eines Tages Ritas Lover, der korrupte Bulle Harry Lennon, vor der Tür und vermittelt ihm einen Job als Geldeintreiber. Zusammen mit Toni Karusow , dem rabiaten Zuhälter seiner Halbschwester Jackie, macht Skollani sich auf den Weg zum ersten Einsatz, der im Desaster endet. „Doch einen umlegen, einfach so, soweit war ich noch nicht.“ Stattdessen tut er sich mit seinem versoffenen, auf Geldtransporter spezialisierten Kumpel Johnny Potato zusammen, um eine Tankstelle auszuräumen, doch daraus resultiert „ein groteskes Schauspiel, wie für ein Laientheater inszeniert“. Skollani dreht jetzt endgültig durch und hinterlässt eine blutige Spur des Wahnsinns und der Gewalt.
‚Umnachtung‘ handelt von zwei kaputten, verzweifelten Männern: dem versoffenen, perversen, kurz vor der Pensionierung stehenden Berliner Kriminalkommissar Berger („Im Wesentlichen bestand sein Leben nur noch aus Arbeit, die ihm über den Kopf wuchs, Verbrechern, die sich nicht fassen liessen und Kollegen, die er nicht leiden konnte“) und seinem nichtsnutzigen, ein Leben zwischen Wahn und Wirklichkeit führenden Sohn Nick („Einerseits war er hier, anderseits wirbelte er irgendwo mit seinen Fantasien herum“) – zwei Männer, die sich bis aufs Messer hassen. Die dritte Hauptfigur ist Bergers durch Botox und chirurgische Eingriffe verunstaltete Ex-Frau, Besitzerin eines blühenden Beauty-Salons, die Nick jeweils mit ein paar hundert Euros abspeist. Den roten Faden bildet Bergers Jagd nach einem Frauenmörder, bei dem es sich um seinen Sohn handeln könnte… Aus diesem Spannungsfeld gestaltet der Autor einen wüsten, kompromisslosen, multiperspektivisch angelegten – an Derek Raymonds Factory-Romane erinnernden – Noir, in dem sich brutale Szenen, verstörende Selbstgespräche und melancholische Passagen abwechseln. Dabei ist ihm das Kunststück gelungen, seinen Hauptfiguren auch menschliche Züge zu verleihen.
Max Landau, ehemaliger Phantombildzeichner bei der Chicagoer Polizei, lebt seit dem Unfalltod seiner Frau mit seiner psychisch schwer erkrankten zehnjährigen Tochter Lana in einem New Yorker Ghetto und hält sich mit dreckigen Gelegenheitsarbeiten über Wasser. Er träumt davon, sich eines Tages mit Lana in Florida niederzulassen, denn sie ist das einzige, was ihn noch am Leben hält. „Eine stürmische Beziehung voller Liebe, Misstrauen, Hoffnung und Verzweiflung.“ Um seinen Traum zu verwirklichen, braucht er vor allem einen Haufen Geld. In einem Moment von grenzenloser Verzweiflung lässt er sich erstmals zu einem Auftragsmord überreden, doch dieser Job geht gründlich schief, und Landau bewegt sich fortan unaufhaltsam ins Verderben. Landaus Erkenntnis auf der letzten Seite des grandiosen, 2005 spielenden Noirs ‚Sorry Lana‘: „So war das im Leben: Die Rücksichtslosigkeit der Natur war das einzige Gesetz, das die Menschen nicht brechen konnten, auch die hohen Priester vom Weissen Haus vermochten das nicht. Früher oder später würden auch sie, ungeachtet aller Nanotechnologien und Unendlichkeitslügen, ganz einfach krepieren müssen.“
‚Pommerenke‘, eine gelungene Mischung aus True Crime Novel, Sittengemälde und psychologischer Studie, beginnt mit dem verstörenden Porträt des bestialischen Frauenmörders Heinrich Pommerenke (1937-2008), der schon als Jugendlicher auf die schiefe Bahn gerät und 1959 als „Ungeheuer vom Schwarzwald“ monatelang eine ganze Region terrorisiert. Als er am 19. Juni 1959 verhaftet wird, gesteht er 65 Straftaten: vier Morde, sieben weitere Mordversuche, zwei vollendete und 25 versuchte Vergewaltigungen, sechs Raubüberfälle, zehn Einbrüche und sechs einfache Diebstähle. Den Rest seines Lebens verbringt er im Gefängnis. Dort besucht ihn zu Beginn unseres Jahrtausends mehrmals die junge, fiktionale Journalistin Billie, um ein Buch über ihn zu schreiben. Tag und Nacht brütet sie über Zeitungsartikeln, Zeugenaussagen und eigenen Aufzeichnungen, kifft pausenlos und schläft kaum mehr, verliert jeglichen Bezug zur Realität, treibt in eine psychotische Episode. Die 1969 geborene, in einem griechisch-italienischen Elternhaus aufgewachsene freie Autorin und Filmproduzentin Nico Anfuso trug Anfang der 2000er-Jahre das Faktenmaterial zusammen und interviewte Pommerenke, bis sie die seelische Belastung nicht mehr aushielt und das Handtuch warf. Zehn Jahre später übergab sie das Manuskript ihrem Lebensgefährten Miron Zownir, der den Stoff zu einem Tatsachenroman ausweitete.
Bibliografie:
‚Kein schlichter Abgang (Mox & Maritz, 2003), ‚Umnachtung‘ (Mox & Maritz, 2014), ‚Sorry Lana‘ (Golden Press, 2021).
Gemeinsam mit Nico Anfuso: ‚Pommerenke‘ (CulturBooks, 2017).