(*1960)
Geboren in Greenwich, Connecticut, wuchs Jennifer Clement in Mexiko-Stadt auf, wo sie die spanisch-englische Privatschule Edron Academy absolvierte. Danach studierte sie Englische Literatur und Anthropologie an der New York University und Französische Literatur an der Sorbonne. 1997 gründete sie mit ihrer Schwester Barbara Sibley die San Miguel Poetry Week. Von 2015 bis 2021 war die sozialpolitisch engagierte Autorin Präsidentin von PEN International. Sie hat zwei Kinder und lebt in Mexiko-Stadt.
International bekannt wurde Clement mit dem literarischen Porträt des berühmten afroamerikanischen Künstlers Jean-Michel Basquiat, der 1988 im Alter von 27 Jahren gestorben ist (‚Widow Basquiat‘, 2000). Es folgten Lyrikbände, Kurzgeschichten, vier Romane und zuletzt, im Januar 2024, die Memoiren ‚The Promised Party‘.
‚Gebete für die Vermissten‘ beruht auf jahrelangen Recherchen und ungezählten Interviews, die Jennifer Clement mit Mädchen und Frauen, die in Mexiko vom Drogenkrieg und Menschenhandel betroffen sind, geführt hat – „Drogen kann man nur einmal verkaufen, Mädchen immer wieder“, sagte die Autorin in einem Gespräch. Schätzungen von NGOs zufolge werden in Mexiko jährlich über 100’000 Menschen entführt. Der Roman spielt im zwischen Mexiko-Stadt und Acapulco gelegenen Bundesstaat Guerrero, in einem Bergdorf ohne Männer, denn die sind abgehauen oder tot. Für die Mädchen hier ist es das Beste, wenn sie als „Jungen“ aufwachsen und hässlich sind und sich in Erdlöchern verstecken, sobald die Händler in ihren schwarzen Geländewagen am Horizont erscheinen. Die fünfzehnjährige Ich-Erzählerin Ladydi ist eines dieser Mädchen. Als Mike, der Bruder ihrer besten Freundin, ihr eine Anstellung als Hausmädchen in einem prächtigen Anwesen in Acapulco verschafft, keimt ein wenig Hoffnung auf. Doch Mike steckt tief in kriminellen Geschäften, zieht sie mit in den Abgrund, und Ladydi landet in einem besonders üblen Frauenknast. Die Autorin erzählt die Geschichte der widerstandsfähigen, sich nie dem Schicksal ergebenden Heldin in nüchternem Stil und gibt auch den ungezählten namenlosen Opfern eine Stimme.
In ihrem bisher letzten Roman ‚Gun Love‘ – „Waffenliebe“ – beleuchtet die Autorin das herzzerreissende Schicksal der vierzehnjährigen Ich-Erzählerin Pearl. Diese lebt seit ihrem ersten Lebensjahr mit ihrer zierlichen Mutter, die – mit siebzehn aus ihrem luxuriösen Elternhaus ausgerissen – als Hilfskraft im Krankenhaus arbeitet, in einem alten Ford Mercury Topaz am Rande eines Trailerparks im Nirgendwo von Florida, wo „die Dinge schnell mal eine Kugel verpasst bekommen“. Pearl hat sich vorne eingerichtet, die Mutter auf dem Rücksitz. Im Kofferraum haben sie die Lebensmittel und ihre Habseligkeiten verstaut. Ihre „Nachbarn“ sind Pearls einzige Freundin April May, deren Eltern Rose und Sergeant Bob, ein beinamputierter Afghanistan-Veteran, die Ex-Lehrerin Roberta mit ihrer behinderten Tochter Noelle, das mexikanische Paar Corazon und Ray, sowie der doppelzüngige Pastor Rex. Später gesellt sich Rex‘ Kumpel Eli dazu, dem Pearls Mutter sofort verfällt. Doch Eli und Rex handeln mit Waffen, und eines Morgens liegt Pearls Mutter durchsiebt von Kugeln auf der Erde. Pearl wird daraufhin bei einer Pflegefamilie untergebracht. Hier trifft sie auf den sanftmütigen Witwer David Brodsky und dessen Schützlinge, die achtjährige Helen und den siebzehnjährigen Leo, so genannte Shoots – man nennt sie so, weil ihre Eltern erschossen wurden. Sie bilden ihre neue Familie, bei der sie eine kurze, aber überaus glückliche Zeit verbringt, bis sie auf äusserst brutale Art von ihrer Vergangenheit eingeholt wird.
Bibliografie:
‚A True Story Based on Lies‘ (2001 ), ‚The Poison That Fascinates‘ (2008), ‚Prayers for the Stolen‘ – ‚Gebete für die Vermissten‘ (2014), ‚Gun Love‘ – ‚Gun Love‘ (2018).