(1916-1986)
Stanley Bernard Ellin wurde im New Yorker Stadtteil Brooklyn geboren und verbrachte dort als Einzelkind eine glückliche Kindheit. Er besuchte die New Utrecht Highschool und anschliessend das Brooklyn College mit einem Bachelor-Abschluss 1936. In den folgenden (von der Wirtschaftsdepression überschatteten) Jahren arbeitete er als Farmer, Grundschullehrer, Zeitschriftenverkäufer und Stahl-, Werft- und Bauarbeiter. 1937 heiratete er seine ehemalige Klassenkameradin Jeanne Michael, eine freischaffende Redakteurin, und hatte mit ihr eine Tochter namens Susan. Nach kurzem Militärdienst am Ende des Zweiten Weltkriegs, unterstützt durch seine Frau, wandte er sich dem Schreiben zu. Seine erste Story, ‚The Specialty of the House‘, die im Mai 1948 in ‚Ellery Queen’s Mystery Magazine‘ veröffentlicht wurde, war ein riesiger Erfolg. Im selben Jahr erschien sein erster Roman ’Dreadful Summit’ (‚Befehl des Bösen‘).
Ellins Spezialität war die kurze Form, ersichtlich etwa aus der (in Arno Schmidts höchst eigenwilliger Übersetzung vorliegenden) Sammlung ‚Sanfter Schrecken‘, die seine ersten zehn von insgesamt fünfunddreissig Geschichten enthält. Raffinierte, hinterhältige, in knappem Stil erzählte Miniaturen, in denen der Autor den Leser an der Nase herumführt. Ellin verfasste aber auch fünfzehn Romane, unter ihnen ‚The Eighth Circle‘ (‚Im achten Kreis der Hölle‘), der 1959 mit dem Edgar Award für den besten Krimi des Jahres ausgezeichnet wurde, und ‚Mirror, Mirror on the Wall‘ (keine deutsche Übersetzung), für den er 1974 den Grand prix de littérature policière‘ bekam.
Auf den ersten Seiten des Noirs ‚Befehl des Bösen‘ gerät das Leben des sechzehnjährigen Ich-Erzählers George LaMain aus den Fugen, als sein Vater Andy, Besitzer einer Grillbar in Manhattan, vor seinen Augen durch den berühmt-berüchtigten Sportreporter Al Judge auf höchst erniedrigende Weise zusammengeschlagen wird. Während das schwer verletzte Opfer die scheinbar unmotivierte Tat mit einem Schulterzucken abtut, hat der an der Schwelle zum Erwachsenen stehende Junge nur noch den Gedanken an Rache im Kopf – Al Judge muss sterben. In den folgenden zwölf Stunden folgen wir Georges abenteuerlicher Jagd kreuz und quer durch die menschenleere Stadt, bis die beiden Kontrahenten in den frühen Morgenstunden zum Showdown aufeinanderstossen. Kurz danach, aber viel zu spät, erfährt George die Hintergründe der Feindschaft zwischen seinem Vater und Al Judge. Die Geschichte wurde 1951 von Joseph Losey unter dem Titel ‚The Big Night‘ mit John Drew Barrymore in der Hauptrolle verfilmt.
Murray Kirk, Hauptperson in Ellins in der dritten Person erzähltem Roman ‚Im achten Kreis der Hölle‘, leitet eine Detektivagentur in New York City. Sein aktueller Auftraggeber ist der Anwalt von Arnold Lundeen, einem Streifenpolizisten der Abteilung Sitte, Rauschgift, Wetten und verbotene Glücksspiele, dem die Bestechung des zwielichtigen Buchmachers Ira Miller zur Last gelegt wird. Kirk, ein hartgesottener, gerissener und tüchtiger Vertreter seiner Zunft, hält den Mann für schuldig und winkt deshalb vorerst ab. Als er sich dann aber Hals über Kopf in Lundeens wunderschöne – dem Angeklagten bis anhin die Stange haltende – Verlobte Ruth Vincent verliebt, übernimmt er den Fall, um ihr zu beweisen, dass Lundeen in den Knast gehört. Geschickte Handlungsführung, scharf gezeichnete Figuren und spritzige Dialoge sorgen für gepflegte Unterhaltung.
1981 wurde Stanley Ellin vom Verband Mystery Writers of America mit dem Grand Master Award gekürt. Er starb 69-jährig in Brooklyn an einem Herzinfarkt und hinterliess seine Frau, seine Tochter und ein Enkelkind.
Bibliografie:
Einzelwerke: ‚Dreadful Summit‘ (auch unter dem Titel ‚The Big Night) – ‚Befehl des Bösen‘ (1948), “The Key to Nicholas Street‘ – ‚Die Dame nebenan‘ (auch unter dem Titel ‚Die schöne Dame von nebenan‘, 1952), ‚The Eighth Circle‘ – ‚Im achten Kreis der Hölle‘ (auch unter dem Titel ‚Stich ins Wespennetz‘, 1958), ‚The Panama Portrait‘ (1962), ‚House of Cards‘ – ‚Das Kartenhaus‘ (1967), ‚The Valentine Estate‘ – ‚Spiel, Satz und Mord‘ (auch unter dem Titel ‚Die Millionen des Mr. Valentine‘, 1968), ‚The Bind‘ (auch unter dem Titel ‚The Man from Nowhere‘) – ‚In der Klemme‘ (auch unter dem Titel ‚Der Mann aus dem Nichts‘, 1970), ‚Mirror, Mirror on the Wall‘ (1972), ‚Stronghold‘ – ‚Der Zweck heiligt die Mittel‘ (1974), ‚Luxembourg Run‘ – ‚König im 9. Haus‘ (1977), ‚Very Old Money‘ – ‚Der Geldadel‘ (1984);
John Milano-Romane: ‚Star Light, Stark Bright‘ – ‚Jack the Ripper und van Gogh‘ (1979), ‚The Dark Fantastic‘ – ‚Die Zeitbombe‘ (1983).
Geschichten-Sammlungen:
Im Original: ‚Mystery Stories‘ (auch unter dem Titel ‚Quiet Horror‘, 1956), ‚The Blessington Method and Other Stories‘ (1964), ‚Kindly Dig Your Grave and Other Wicked Stories‘, 1975), ‚The Speciality and Other Stories: The Complete Mystery Tales‘ (1979), ‚Very Old Money‘ (1984).
In deutscher Übersetzung:‚ Sanfter Schrecken. 10 ruchlose Geschichten, Übersetzung durch Arno Schmidt (1961): ‚The Speciality of the House ‚ – ‚Die Spezialität des Hauses‘ (1948), ‚The Cat’s Paw‘ – ‚Hochleistungswerkzeuge GmbH‘ (1949), ‚Death on Christmas Eve‘ – ‚Tod am Weihnachtsabend‘ (1950), ‚The Orderly World of Mr Appleby‘ – ‚Die geordnete Welt des Mr. Appleby‘ (1950), ‚Fool’s Mate‘ – ‚Das Huneker-Gambit‘ (1951), ‚The Best of Everything‘ – ‚Von allem das Beste‘ (1952), ‚The Betrayers‘ – ‚Verräter‘ (1953), ‚The House Party‘ – ‚Die Gesellschaft in der Villa‘ (1954), ‚The Moment of Decision‘ – ‚Der Augenblick ‚der Entscheidung‘ (1955), ‚Broker’s Special‘ – ‚Der Börsenpfeil‘ (1956).
Dank für das Portrait einer meiner größten Helden der Kriminalliteratur. Er dürfte heute nicht nur in den USA fast vergessen sein. Natürlich zu unrecht. Ellin war einer – vielleicht DER – vielseitigste Autor des Genres. Und einer der brillantesten Stilisten.