(*1951)

John Burdett, geboren und aufgewachsen in London als Sohn eines Polizisten, studierte Anglistik an der Warwick University und Rechtswissenschaften am Londoner College of Law. 1982 zog er nach Hongkong, wo er als Anwalt für einen britischen Konzern arbeitete, bis er sich 1986 mit einer eigenen Kanzlei selbstständig machte. Mitte der 90er-Jahre entdeckte er das Schreiben als seine wahre Berufung. Nach Aufenthalten in Frankreich und Spanien und ungezählten Besuchen Bangkoks, dem Schauplatz seiner Sonchai-Romane, lebt er heute in einem alten Bauernhof am südfranzösischen Fluss Lot. Seiner 1995 mit Laura Liquori geschlossenen, durch Scheidung beendeten Ehe ensprang eine Tochter.

Burdetts zweiter Krimi, das Einzelwerk ’Die letzten Tage von Hongkong’, spielt im Hongkong des Frühjahrs 1997 – in den letzten zehn Wochen, bevor die britische Herrschaft nach 155 Jahren zu Ende geht und der kapitalistische ostasiatische Stadtstaat um Mitternacht des 30. Juni an das kommunistische China übergeben wird. Es ist die Zeit der undurchsichtigen Ränkespiele der britischen Verwaltung und der mächtigen chinesischen Generale, die Zeit der grausamen Kämpfe zwischen den Triaden. Mitten drin steht der unbestechliche, höchst erfolgreiche, „dreimensional denkende“ Chief Inspector „Charlie“ Chan Siu-kai von der Royal Hong Kong Police Force – kinderlos geschiedener Sohn einer (von den Rotchinesen getöteten) Chinesin und eines sich rumtreibenden Iren -, dem die Ermittlungen der an Scheusslichkeit nicht zu überbietenden Foltermorde an drei Triadenkurieren (eine junge Amerikanerin und zwei Chinesen) übergeben werden. Als wenig später drei Polizisten nach einer Vergiftung mit radioaktiver Strahlung einen qualvollen Tod erleiden, bekommt der Fall eine neue Dimension. Eine zentrale Rolle scheint der milliardenschweren, sex- und machthungrigen, perfekt vernetzten Geschäftsfrau Emily zuzukommen. Chan wühlt sich im Alleingang durch ein Dickicht von Lügen, Verrat und Mord, seine Wohnung wird abgehört, und kein Mensch scheint daran interessiert zu sein, die Hintergründe des um Geldwäsche, Drogen-, Uran- und Waffenhandel kreisenden Falls ans Licht zu bringen.

Im Jahr 2003 erweckte John Burdett den buddhistischen Ich-Erzähler Sonchai Jippleecheel als Protagonist einer sechsteiligen Serie zum Leben. Sonchai, Sohn einer Hure („für die meisten thailändischen Frauen ist die Prostitution die einzige Möglichkeit, sich und ihre Familie über die Runden zu bringen“) und eines ihm unbekannten amerikanischen Vietnam-Soldaten, ist bereits in der halben Welt herumgekommen (seine Mutter Nong, die er liebt und verehrt, arbeitete unter anderem in Paris, London, München und Japan) und heute, zu Beginn der Nullerjahre, im berüchtigten 8. Bangkoker Bezirk in einer von käuflichem Sex, Korruption, Drogen und Gewalt geprägten Umgebung als unbestechlicher Polizist, beziehungsweise „halb Mönch, halb Cop“, am Werk und lebt in einer winzigen Bruchbude – „Ich wurde Cop, weil ich weder Stricher noch Gangster sein wollte.“ In seinen komplexen, mit feinem Humor und ironischem Unterton erzählten Sonchai-Romanen zeichnet der Autor ein farbenprächtiges Bild der „Stadt der Engel“, der Armut, den Sitten und Bräuchen ihrer Bewohner. Sonchais Lieblingssatz bringt es auf den Punkt: „Thailand ist ein buddhistisches Land, das die Menschenrechte und die Würde all seiner Bürger achtet, aber die wohlhabenden Nationen der Welt sollten begreifen, dass uns nicht immer die nötigen Mittel zur Verfügung stehen, um in der Polizeiarbeit den hohen Ansprüchen zu genügen, die sich nur jene Länder leisten können. welche den Prozess der Industrialiserung als Erste durchlaufen haben.“

Der erste Band, ‚Der Jadereiter‘, beginnt mit dem grausamen Tod von Sonchais engstem Freund und langjährigem Partner Pichai, der durch einen Kobra-Biss ins Nirvana befördert wird, als er den Marinesoldat William Bradley verhaften will, wobei auch dieser die Attacke (bei ihm ist es eine Python) nicht überlebt – drogensüchtige Schlangen als Mordinstrument. Sonchai schwört Rache, denn „der Buddhismus stösst an seine Grenzen, wenn es um die Ehre geht.“ Gemeinsam mit der FBI-Agentin Kimberly Jones im Dreck wühlend, stösst er auf organisierten Jadehandel, bei dem der mächtige Amerikaner Sylvester Warren, der bei Bangkoks hohen Tieren, aber auch im Weissen Haus ein und ausgeht, Sonchais korrupter Chef Colonel Vikorn, der im Vietnamkrieg ein Vermögen anhäufen konnte, und vielleicht auch die zerbrechliche, unergründliche thailändisch-afrikanische Schönheit Fatima die Fäden ziehen – vermutlich ist Bradley ihnen in die Quere gekommen. Burdett gelang mit diesem Roman eine nahezu perfekte Mischung aus Krimihandlung und Milieustudie, prall gefüllt mit ergreifenden und mit hochkomischen Szenen, geadelt durch das herrlich-altruistische Projekt von Sonchais Mutter Nong: der Gründung des „Old Man’s Club“, in dem ältere und körperlich behinderte Männer mit Hilfe von zärtlichen Frauen und Gratis-Viagra die Wonnen der Liebe erleben dürfen – Demokratie des Fleisches. Nong folgt dabei ihrem Grundsatz: „Wenn Sex die wichtigste Industrie Thailands ist, sollten wir sie modernisieren und strukturieren, damit die Mädchen besser wegkommen.“ Darüber hinaus beleuchtet der Autor bedeutsame Aspekte der Transsexualität, für deren Behandlung die thailändischee Hauptstadt wohl die beste Adressse ist. Und erläutert uns in knappen Worten die Sache mit dem Karma.

„Tote Kunden sind einfach nicht gut fürs Geschäft“ lautet der erste Satz des Nachfolgeromans ‚Bangkok Tatoo‘. Er kommt Sonchais Mutter Nong über die Lippen, ihr toter Kunde ist ein CIA-Agent namens Mitch Turner, der Tatort ein blutüberströmter Raum im „Old Man’s Club“ – und niemand kauft der göttlichen Hure Chanya ab, dass sie ihren Freier kastriert, gehäutet und getötet hat. Auch der zuständige Ermittler Sonchai, dem man kürzlich den achtzehnjährigen – mit einer Geschlechtsumwandlung liebäugelnden – Lek als Assistenten an die Seite stellte, hegt Zweifel an dieser Version, und sein Vorgesetzter Colonel Vikorn, Mitinhaber des Clubs, würde Colonel Vikorn, der sich seit ewigen Zeiten mit dem mächtigen, durch krumme Geschäfte reich gewordene General Zinna in den Haaren liegt, den Mord liebend gerne der Al-Qaida in die Schuhe schieben, war Turner doch im Grenzgebiet zwischen Thailand und Malaysia stationiert, um dort die Islamisten auszuspionieren. Er entsendet Sonchai für vertiefte Recherchen in den Süden, und dieser findet heraus, dass Mitch Turner und Chanya seit langer Zeit ein Verhältnis pflegten, und dass der opiumsüchtig gewordene CIA-Agent ein wichtiges Rädchen im Getriebe von Zinnas Drogenimperium war. ‚Bangkok Tatoo‘, eine köstliche Mischung aus satirischer Gesellschaftsstudie und Krimi, fasziniert durch die unverblümte Darstellung der thailändischen Lebensart, des lockeren, lebensfrohen Umgangs des Volkes mit käuflichem Sex, Transsexualität und Drogen, wobei Sonchai sich immer wieder an den Leser wendet und ihn dabei jeweils mit „farang“ anspricht: „Wer mit Nutten arbeitet, weiss bald mit Handys umzugehen, farang.“ Kern der Erzählung ist indes das Tagebuch der warmherzigen und mutigen Chanya, in dem sie vor allem ihre Liaison mit Mitch zur Sprache bringt – eine tragisch endende Liebesgeschichte, in der Tatoos die entscheidende Rolle spielen.

Bibliografie:

Standalones: ‚A Personal History of Thirst‘ – ’Eine private Affäre’ (1996), ‚The Last Six Million Seconds‘ – ’Die letzten Tage von Hongkong’ (1997);

Sonchai Jitpleecheep-Serie: ‚Bangkok 8‘ – ’Der Jadereiter’ (2003), ‚Bangkok Tatoo‘ – ’Bangkok Tatoo’ (2005), ‚Bangkok Haunts‘ – ‚Der buddhistische Mönch‘ (2007), ‚The Godfather of Katmandu‘ (2010), ‚Vulture Peak‘ (2012), ‚The Bangkok Asset‘ (2015).