(Pseudonym für Jean-Baptiste Rossi, 1931-2003)

Sébastien Japrisot (Anagramm seines bürgerlichen Namens Jean-Baptiste Rossi) wurde als Sohn italienischer Einwanderer im Marseiller Stadtteil ‚La Belle de Mai‘ geboren und verbrachte die Kindheit mit seiner Schwester bei der Mutter und den eine Bar betreibenden Grosseltern, nachdem der Vater die Familie 1937 verlassen hatte. Er besuchte in Marseille eine Jesuitenschule und das Lycée Thiers – und vertrieb sich die Langweile mit dem Schreiben an einem Roman über die Liebesbeziehung zwischen einem 14-jährigen Jesuitenschüler und einer 26-jährigen Nonne.

Nach der Reifeprüfung ging Rossi an die Pariser Sorbonne, während die junge Verlagssekretärin Germaine Huart das stetig anwachsende Manuskript in Druckform brachte. Als Rossi achtzehn war, erschien der Roman unter dem Titel ‚Les mal partis‘ und erreichte in den USA innert weniger Wochen die sagenhafte Auflage von 800‘000 Exemplaren. In diese turbulente Zeit fiel seine Heirat mit Germaine Huart.

In den folgenden zehn Jahren bestritt Rossi seinen Lebensunterhalt als Übersetzer von amerikanischen Westernromanen und Salingers ‚The Catcher in the Rye‘ sowie als leitender Werbetexter für zwei Pariser Werbeagenturen, bis er Anfang der 60er-Jahre zum Schreiben zurückkehrte und – ab jetzt unter dem Namen Sébastien Japrisot – Gedichte, Märchen, Erzählungen, Jugendbücher, Romane und Drehbücher (die er später zum Teil novellisiert hat) verfasste. Darüber hinaus machte er als Filmregisseur von sich reden.

Der einflussreiche und sperrige, stets etwas am Rand der französischen Literaturszene verharrende Autor starb 71-jährig in einem Krankenhaus in der zentralfranzösischen Stadt Vichy, nachdem er seine letzten dreizehn Lebensjahre an der Seite der Fotografin Cathy Esposito in einem nahegelegenen Landhaus verbracht hatte.

Japrisots erster Krimi ‚Mord im Fahrpreis inbegriffen‘ stammt aus dem Jahr 1962. Die raffiniert gebaute Geschichte kreist um den Mord an einer jungen Frau, der im Liegewagenabteil eines Nachtzuges zwischen Marseille und dem Pariser Gare de Lyon verübt worden ist. Inspektor Grazziano und sein Kollege Gabert ermitteln die Tat, als deren Urheber nur einer der fünf Mitpassagiere in Frage zu kommen scheint, doch diese werden nun der Reihe nach umgebracht – und am Ende wartet der Autor mit einer faustdicken Überraschung auf.

Japrisots bestes Frühwerk mit dem genialen Titel ‚Die Dame im Auto mit Sonnenbrille und Gewehr‘ ist die Geschichte der jungen Sekretärin Dany Longo, einer naiven, stark kurzsichtigen Schönheit mit blühender Fantasie, die noch nie am Meer gewesen ist. Doch jetzt, als sie von ihrem Chef gebeten wird, ihn und seine Familie an den Flughafen Orly zu begleiten und den Wagen dann nach Hause zu fahren, beschliesst sie, ihren Kindheitstraum zu verwirklichen: Sie fährt in Richtung Mittelmeer – und gerät in einen Alptraum: Mehrere Leute behaupten, sie einige Stunden zuvor in umgekehrter Richtung fahrend gesehen zu haben, dann wird sie in einer Autobahnraststätte überfallen und übel zugerichtet, und kurz darauf entdeckt sie im Kofferraum die Leiche eines ermordeten Mannes und ein Gewehr. Leidet sie unter Amnesie, oder ist sie Begriff, den Verstand zu verlieren? Dany lässt sich nicht unterkriegen – und kommt einem ungeheuren Komplott auf die Spur.

‚Blutiger Sommer‘ behandelt eine Tragödie, die sich zwischen zwei Familien in der Haute-Provence abspielt. Im Mittelpunkt steht Elodie Devigne (im Film exzellent durch Isabelle Adjani verkörpert), eine kindliche „femme fatale“ mit gespaltener Persönlichkeit, die noch immer an den Brüsten ihrer Mutter nuckelt, wenn sie sich einsam fühlt und Trost braucht. Als sie mit fünfzehn erfährt, dass sie gezeugt wurde, als drei unbekannte Männer ihre Mutter vergewaltigt haben, schlägt sie ihren Stiefvater zum Krüppel, weil dieser offenbar nie etwas gegen die Täter unternommen hat. Mit neunzehn beginnt sie eine Affäre mit Florimont Montecciari, der mit Mutter, Tante und zwei jüngeren Brüdern im selben Dorf auf einem kleinen Hof lebt – und entdeckt zufällig, dass dessen vor fünf Jahren verstorbener Vater einer der drei Täter gewesen sein muss. Elodie mutiert zum Racheengel, setzt sich auf die Fährte der beiden übrig gebliebenen Dreckskerle – und erkennt erst viel zu spät, dass sie einem schrecklichen Irrglauben erlegen ist.

‚Die Mimosen von Hossegor‘, eine herzzerreissende, poetische Liebesgeschichte mit Krimielementen, widmet Japrisot der jungen, seit ihrer Kleinkindheit schwer gehbehinderten Malerin Mathilde Donnay (sie stellt vorwiegen Mimosen dar) aus dem südwestfranzösischen Dorf Hossegor, die mit der Nachricht vom Tode ihres Geliebten Manech konfrontiert wird: Er soll wie vier seiner Kameraden wegen Selbstverstümmelung im Januar 1917 ums Leben gekommen sein; nicht hingerichtet, sondern mit gefesselten Armen in das schneebedeckte Niemandsland zwischen den französischen und den deutschen Schützengräben geworfen. Mathilde kann nicht glauben, dass Manech tot ist, und setzt sich – ausgerüstet mit einigen verschlüsselten Briefen, einem Foto und ihren beachtlichen kriminalistischen Fähigkeiten – auf seine Spur, spricht und korrespondiert mit Zeugen und Angehörigen der verbannten Soldaten, engagiert einen Privatdetektiv, trifft schliesslich auf einen der damals zum Tode verurteilten Männer – und erst jetzt, nach sieben Sommern, enthüllt sich ihr die ganze Wahrheit. Japrisot zeigt in seinem erschütternden (von Jean-Pierre Jeunet mit Audrey Tatou als Mathilde verfilmten) Roman, wie Kriege eine Generation zerstören.

Bibliografie: ‚Compartiment tuers‘ – ‚Mord im Fahrpreis inbegriffen‘ (1962), ‚Piège pour Cendrillon‘ – ‚Falle für Aschenbrödel‘ (1962), ‚Da dame dans l’auto avec des lunettes et un fusil‘ – ‚Die Dame im Auto mit Sonnenbrille und Gewehr‘ (auch unter dem Titel ‚Porträt einer Dame im Auto mit Brille und Gewehr‘, 1966), ‚Adieu l’ami‘ – ‚Weekend im Tresor‘ (1968), ‚La course du lièvre à travers les champs‘ – ‚Lauf, wenn du nicht schiessen kannst‘ (1972), ‚L’été meurtrier‘ – ‚Blutiger Sommer‘ 1977), Un long dimanche de fiancailles‘ – ‚Die Mimosen von Hossegor‘ (auch unter dem Titel ’Mathilde – eine grosse Liebe’, 1991).