(1894-1977, schrieb auch als Richard Hayward)

Baynard H. Kendrick, geboren und aufgewachsen in Philadelphia, Pennsylvania, als Sohn einer wohlhabenden Familie, besuchte die Tome School in Port Deposit, Maryland, und danach die Episcopal Academy in Philadelphia, Abschluss 1912. Im Ersten Weltkrieg kämpfte er für die kanadische Armee in England, Frankreich und Saloniki (er war offenbar der erste Amerikaner, der der kanadischen Armee beitrat). Als er wegen einer Kriegsverletzung in einem Krankenhaus das Bett hüten musste, lernte er einen blinden Soldaten kennen.

Nach seiner Heirat mit Edythe Stevens im Jahre 1919 liess sich Kendrick in Florida nieder. Er arbeitete dort rund zehn Jahre als Geschäftsmann und danach drei Jahre für eine New Yorker Hotelkette, bis er sich 1932 dem Schreiben zuwandte. In den 30er- und 40er-Jahren zählte er zu den angesehensten Krimiautoren der USA. Er war einer der Gründer der Vereinigung ‚Mystery Writers of America‘ und 1945 deren erster Präsident. Von 1961 bis 1964 veröffentlichte er eine wöchentliche Kolumne (‚Florida’s Fabulous Past‘) in der ‚Tampa Sunday Tribune‘, darüber hinaus schrieb er zwei Sachbücher über die Geschichte Floridas. Neben seiner Schriftstellerei setzte er sich jahrelang intensiv mit dem Schicksal und den Möglichkeiten blinder Menschen auseinander.

Zwanzig Jahre nach der Begegnung mit dem blinden Soldaten brachte Kendrick den ehemaligen Offizier Captain Duncan Maclain, seinen charismatischen Helden von dreizehn dem „Golden Age“ verpflichteten Romanen und etlichen Kurzgeschichten, in die Kriminalliteratur. Maclain, im Ersten Weltkrieg erblindet, ist ein erstklassiger Privatermittler in New York City – er macht sein Handicap mit perfekt trainiertem Gehör, Tast-, Geruch- und Geschmacksinn und glänzender Kombinationsfähigkeit mehr als wett, denn „er kann im Dunkeln sehen“. Unterstützt wird er von seinem langjährigen Freund Samuel „Spud“ Savage und seiner Sekretärin Rena (Spuds Frau), mit denen er eine Dachwohnung in der 72. Strasse teilt, und den beiden speziell trainierten Deutschen Schäferhunden Schnucke und Dreist. Im Verlauf der Serie heiratet Maclain die reizende Innenarchitektin Sybella Ford, die ein Antiquitätengeschäft an der Madison besitzt. Seine wichtigsten Kontaktpersonen bei der Polizei sind Inspektor Davis und dessen Assistent Archer von der New Yorker Mordkommission, zwei ausgekochte Burschen.

‚Der Trick des blinden Mannes‘ beginnt mit dem gewaltsamen Tod des ehemaligen Financiers Blake Hadfield, der vor sechs Jahren durch eine Schussverletzung sein Augenlicht verlor (nach offizieller Leseart versuchte damals sein Geschäftspartner James Sprague ihn zu ermorden und richtete sich dann selbst) und jetzt vom achten Stock des Gebäudes, in dem er damals tätig war, in die Tiefe gestürzt ist – als Unfall getarnter Mord oder Selbstmord? Maclain tippt auf Ersteres und vermutet, dass das Verbrechen mit der sechs Jahre zurückliegenden Schiesserei zusammenhängt, doch Beweise für seine These gibt es nicht. Dann geschehen weitere Morde, und Maclain riskiert sein Leben, um den raffinierten Täter zu überführen. ‚Der Trick des blinden Mannes‘ – ein vertrackter, kurzweiliger Whodunit – ist höchst wahrscheinlich der einzige Krimi, in dem ein blinder Detektiv den Mord an einem blinden Menschen aufklärt. Die amourösen Verwicklungen (Hadfields Sohn Seth und Spragues Tochter Elise lieben sich, doch die dunkle Vergangenheit wirft lange Schatten auf ihr Glück) hätte Kendrick vielleicht besser auf der Seite gelassen. Riesengross ist indes die Freude des Lesers, als Maclain auf der letzten Zeile Sybella Ford, die er zu Beginn der Geschichte kennen gelernt hat, einen Heiratsantrag macht.

‚Ausser Kontolle‘ ist der beste Band der Maclain-Serie. Er befasst sich mit dem Innenleben der schönen und gescheiten, mit allen Wassern gewaschenen und stets auf ihren Vorteil bedachten Millionärsgattin Marcia Fillmore. Vor drei Jahren hat sie ihren Geliebten Eddie Hassen auf perfekte Art um die Ecke gebracht, um zu dringend benötigtem Geld zu kommen. Als jetzt ein Mann auftaucht, der alles über ihre Vergangenheit weiss und ihr mit Erpressung droht, ermordet Marcia ihn auf die gleiche Art wie damals Eddie – doch diesmal hat sie mit Duncan Maclain einen ihr überlegenen Gegenspieler, der mit ihr seine Spielchen treibt und sie in die Ecke drängt.

Kendricks zweite Serienfigur ist Deputy Sheriff Miles Stanley „Stan“ Rice, ein ständig hungriger Schlaks, der im Süden Floridas für die Kontrolle des Glücksspiels und des Trinkwassers zuständig ist. Er kommt in der zweiten Hälfte der 30er-Jahre in drei Romanen und einigen Kurzgeschichten zum Einsatz (keine deutsche Übersetzung).

Kendrick hatte mit Edythe zwei Töchter und einen Sohn. Nach vierzig Jahren Ehe liess er sich scheiden und heiratete eine jüngere Frau, Jean Morris. Mitte der 60er-Jahre kehrte er zu Edythe zurück. Er starb 82-jährig in einem Krankenhaus in Ocala, Florida.

Bibliografie:

Duncan Maclain-Serie: ‚The Last Express‘ (1937), ‚The Whistling Hangman‘ – ‚Der pfeifende Henker‘ (1937), ‚The Odor of Violets‘ (1940), ‚Blind Man’s bluff‘ – ‚Der Trick des blinden Mannes‘ (1943), ‚Death Knell‘ (1945), ‚Out of Control‘ – ‚Ausser Kontrolle‘ (1945), ‚Make Mine Maclain‘ (1947), ‚You Die Today‘ (1952), ‚Blind Allies‘ (1954), ‚Reservations for Death‘ (1957), ‚Clear and Present Danger‘ (1958), ‚The Aluminium Turtle‘ (1960), ‚Frankincense and Murder‘ (1961);

Deputy Sheriff Standish Rice-Serie: ‚The Iron Spiders‘ (1936), ‚The Eleven of Diamonds‘ (1936), ‚Death Beyond the Go-Thru‘ (1938);

Einzelwerke: ‚Blood on Lake Louisa‘ (1947), ‚The Tunnel‘ (1949), ‚Red Hot Money‘ (1959), ‚Flight from a Firing Wall‘ (1966).

Als Richard Hayward: ‚Trapped‘ (1952), ‚The Soft Arms of Death‘ (1955).