(*1935)

Robert Littell wurde als zweiter Sohn einer jüdisch-litauischen Familie im New Yorker Stadtteil Brooklyn geboren und wuchs dort auf. Sein Studium der Anglistik, Philosophie und Politikwissenschaft absolvierte er an der Alfred University in New York mit einem Abschluss 1956. Daraufhin diente er vier Jahre als Navigator und Funkoffizier auf einem Zerstörer der US-Marine, ehe er in den 60er-Jahren als Osteuropa- und Russland-Korrespondent der Zeitschrift ‚Newsweek‘ mit seinen intelligenten Analysen des Kalten Krieges, des Nahostkonfliktes und der amerikanischen Aussenpolitik von sich reden machte.

Nach acht höchst erfolgreichen Jahren verliess Littell den Journalistenberuf und bezog mit seiner Frau, einer Französin, und seinen beiden kleinen Söhnen Wohnsitz in der Nähe der südfranzösischen Ortschaft Martel im Departement Lot, um sich ganz auf die Schriftstellerei zu konzentrieren. Sein Werk enthält neunzehn Spannungsromane, aus denen ‚Sein oder Nichtsein…‘ ‚Tod und Nacht‘, ‚Spion im Spiegel‘, ‚Der Gastprofessor‘, ‚Die Company‘ und ‚Die kalte Legende‘ hervorstechen, und zwei Sachbücher. Er ist der Vater des berühmten Autors Jonathan Littell und des in Prag ansässigen Malers Jesse Littell.

Littell betrat die Krimibühne 1973 mit ‚Moskau hin und zurück‘, einer verwickelten Geschichte aus der Blütezeit des Kalten Krieges. A.J. Lewinter, ein Spezialist für Raketenkeramik, präsentiert sich den Russen als Überläufer. Ist er dies wirklich, oder vielleicht doch ein Schwindler? Die russischen Geheimagenten sind sich schliesslich einig, dass ersteres der Fall sein muss. Damit aber Lewinter für sie erst richtig wertvoll ist, müssen die Amerikaner davon überzeugt werden, dass man ihn als Bluffer einstuft.

‚Der falsche Spion‘ sucht und findet Antworten auf die Frage nach der besten Methode, dem Feind einen falschen Überläufer zu präsentieren, der von sich selber denkt, er sei echt (und deshalb natürlich auch ungemein echt wirkt): Man ruiniert sein Leben, schafft ihm eine günstige Gelegenheit zum Absprung und füttert ihn dann mit getürkten Informationen.

In ‚Sein oder Nichtsein…‘ wirft beleuchtet Littell die zynischen Machenschaften der Geheimdienste jeder Couleur. Der deutsche Spion Schiller steht auf der Lohnliste der CIA, seine Spezialität ist die Infiltration internationaler Terror-Organisationen. Um bei seinen Gegnern glaubwürdig zu bleiben, leitet Schiller eine Aktion in die Wege, bei der zwei palästinensische Terroristen aus einem deutschen Gefängnis freigepresst werden sollen. Eine Geisel wird hierbei getötet – es ist die Verlobte von Charlie Heller, Fachmann in der Dechiffrierabteilung der CIA. Heller schwört Rache.

Mit der Geheimdienst-Groteske ‚Tod und Nacht‘ (Im Original ‚The Sisters‘) ist Littell eine der plausibelsten Darstellungen des Kalten Krieges gelungen. Die CIA strebt nach der perfekten Lösung für das beliebte „Zwei-Fliegen-auf-einen-Streich“-Spiel: Wie stellt man es an, eine missliebige Persönlichkeit zu liquidieren und das Attentat dann dem politischen Gegner in die Schuhe zu schieben? Den „Schwestern“ Francis und Carroll, zwei ausgekochten Spezialisten für „nasse Angelegenheiten“, liegt die Lösung auf der Hand: Man diskreditiert den Leiter der „Schläfer“-Schule des KGB, den „Töpfer“ Felix Turow, bis ihm kein anderer Ausweg bleibt, als zu den Amerikanern überzulaufen, zwingt ihn dann dazu, seinen besten „Schläfer“ zu wecken, und dieser wird den Job erledigen. Der Plan gelingt vorzüglich – doch wer hat eigentlich die Fäden gezogen?

Zwei höchst unterschiedliche, im Jahr 1917 gemeinsam aus Amerika nach Russland emigrierte Jugendfreunde – Alexander Til, der Idealist, und Atticus Tuohy, der skrupellose Opportunist – stehen im Zentrum des historischen Romans ‚Roter Nebel‘, in dem Littell eine Epoche der Hoffnung und Aufbruchstimmung (Oktoberrevolution), aber auch der Gewalt und Unterdrückung (stalinistische Schauprozesse, Deportationen) zum Leben erweckt: Eine geschickt zubereitete Mixtur aus Fabel und historischen Tatsachen, ein mitreissendes Melodrama.

‚Spion im Spiegel‘ dreht sich um den genialen CIA-Analytiker Silas Sibley, genannt der Gärtner, der einem ungeheuerlichen Komplott seiner eigenen Firma auf die Spur kommt: Offenbar soll die Schurkenstadt Teheran samt dem ganzen antiamerikanischen Ajatollah-Gesocks in die Luft gejagt werden, und zwar auf eine dermassen stümperhafte Weise, dass die ganze Welt glauben wird, die Iraner hätten bei ihren Versuchen, eine Atombombe zu basteln, auf den falschen Knopf gedrückt. Daraufhin kämen die gemässigten iranischen Pragmatiker wieder ans Ruder, der Iran würde sich der westlichen Staatengemeinschaft annähern, die nahöstlichen Ölfelder wären nicht länger bedroht – und die Russen hätten einen entscheidenden strategischen Rückschlag erlitten. Mit feiner Ironie entlarvt Littell die schamlose Gesinnung der (in diesem Fall westlichen) Geheimdienste.

‚Moskau, mon amour‘ spielt in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre – zur Zeit des grossen russischen Umbruchs – in einem von Armut, geheimdienstlichen Mauscheleien und Korruption gebeutelten Moskau. Im Pentagon sitzt eine kleine Gruppe von durchgeknallten kalten Kriegern, die Glasnost verhindern wollen, um nicht ihre liebsten Feinde, die sowjetischen Kommunisten, zu verlieren. Der Plan: Die Russen glauben lassen, Präsident Gorbatschow habe jahrelang für die CIA gearbeitet. Das Werkzeug ist der amerikanische Agent Ben Bassett: Er soll sich in Moskau in eine Russin verlieben, um erpressbar zu werden. Die Russen werden versuchen, ihn umzudrehen. Und er wird ihnen über Gorbatschows verräterische Vergangenheit berichten.

‚Der Gastprofessor‘, eine geniale Mischung aus Agententhriller, Campus-Roman, Liebesgeschichte und Krimi-Parodie, sieht den russisch-jüdischen Chaos- und Zufallsforscher Lemuel Falk in der Hauptrolle. Dieser erhält nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion endlich ein Ausreisevisum: Er darf als Gastprofessor in die USA. Der etwas trottelig wirkende Mittvierziger findet sich nach einigen Anlaufschwierigkeiten immer besser in der neuen – chaotischen – Welt zurecht, verliebt sich in die junge Coiffeuse Rain Morgan, spielt eine entscheidende Rolle bei der Auflösung einer rätselhaften Mordserie und muss sich mit der CIA, dem KGB, der Mafia, dem Mossad und zwei arabischen Geheimdiensten herumschlagen, die alle an seinem zufallsgesteuerten Verschlüsselungssystem interessiert sind.

Littells monumentales Epos ‚Die Company‘ berichtet über die zweifelhaften Machenschaften der Geheimdienste in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus der Sicht der CIA, Schwerpunkt Kalter Krieg. Es beginnt mit der legendären „Berliner Basis“, dem Koreakrieg und dem Ungarischen Volksaufstand, geht weiter mit der Kuba-Krise und dem Bürgerkrieg in Afghanistan und mündet in den gescheiterten Putsch gegen Gorbatschow und den Zerfall der Sowjetunion. Im Mittelpunkt stehen fünf erfundene, sich in all diesen Jahren in den Krisengebieten des Kalten Krieges aufhaltende Männer: Jack McAuliffe und Leo Kritzky, zwei idealistische Agenten im Dienste der CIA, die sich von der Elite-Uni Yale her kennen, ihr damaliger Kommilitone und Wohngenosse Jewgeni Tsipin, den es nach dem Studium auf die Gegenseite, zum KGB, gezogen hat, der russische Meisterspion Starik, der die CIA von innen zerstören will, indem er ihre Paranoia schürt, sowie der abgebrühte amerikanische Agent Harvey Torriti, der Mann für „spezielle Fälle“, der ausgezeichnete Verbindungen zu allen bedeutenden Geheimdiensten pflegt. Wichtige Rollen bekleiden auch James Angleton, langjähriger Leiter der Spionageabwehr der CIA, Kim Philby, britischer Doppelagent, und weitere historische Persönlichkeiten, und selbst Wladimir Putin hat einen kleinen Auftritt. Den roten Faden aber bildet die fieberhafte Suche der CIA nach dem KGB-„Maulwurf“ mit dem Decknamen Sasha, der Zugang zu den Führungskreisen Langleys und des Weissen Hauses hat. In seinem ambitiösen, aufwendig recherchierten 800-Seiten-Schmöker zeichnet Robert Littell das Bild einer Welt, die von Misstrauen, Verfolgungswahn und zynischen Ränkespielen geprägt ist.

‚Die kalte Legende‘ ist ein fein gesponnener, zwischen verschiedenen Zeitebenen hin- und herspringender Spionageroman, in dem keiner ist, wer er zu sein scheint. Er erzählt die Geschichte des Martin Odum, eines ehemaligen Undercover-Agenten und jetzigen Privatdetektivs und Bienenzüchters mit Wohnsitz in Brooklyn, der unter verschiedenen Legenden (IRA-Sprengstoffexperte Dante Pippen, Waffenhändler Lincoln Dittmann) in den letzten Jahren des Kalten Krieges und in den ersten Jahren danach für die CIA unterwegs war – und dem irgendwann (nach einem traumatischen Erlebnis?) entglitten ist, welche Identität seine wahre ist. Vielleicht jene des Spions Josef Kafkor, der auf einer russischen Strassenbaustelle bei lebendigem Leibe eingeteert wurde?

‚Philby. Porträt des Spions als junger Mann‘ ist dem schillernden Spion Harold Adrian Russell Philby (Spitzname: Kim, nach Kiplings Romanfigur) gewidmet. Aus dem Blickwinkel mehrerer Zeitzeugen schildert der Autor das Leben des 1912 geborenen, der englischen Uperclass entsprungenen Cambridge-Absolventen, der 1933 in Wien die aufmüpfige ungarisch-stämmige Kommunistin Litzi Friedmann heiratet, kurz danach mit ihr vor den Faschisten nach England flüchtet, dort im Jahr 1934 durch den sowjetischen Geheimdienst rekrutiert und sechs Jahre später auch vom britischen Secret Service angeworben wird – und von dem man bis heute nicht sicher weiss, für welches Land er wirklich spioniert hat.

Bibliografie:

‚The Defection of A.J. Lewinter‘ – ‚Moskau hin und zurück‘ (auch unter dem Titel ‚Der Springer‘ 1973), ‚Sweat Reason‘ – ‚Eine höllische Karriere‘ (1974), ‚The October Circle‘ – ‚In den Klauen des Bären‘ (1975), ‚Mother Russia‘ – ‚Mütterchen Russland‘ (1978), ‚The Debriefing‘ – ‚Der falsche Spion‘ (auch unter dem Titel ‚Task Force 753‘, 1979), ‚The Amateur‘ – ‚Sein oder Nichtsein…‘ (1981), ‚The Sisters‘ – ‚Der Töpfer‘ (auch unter dem Titel ‚Tod und Nacht‘, 1986), ‚The Revolutionist‘ – ‚Roter Winter‘ (1988), ‚The Once and Future Spy‘ – ‚Spion im Spiegel‘ (1990), ‚An Agent in Place‘ – ‚Moskau, mon amour‘ (1991), ‚The Visiting Professor‘ – ‚Der Gastprofessor‘ (auch unter dem Titel ‚Zufallscode‘, 1993), ‚The Company‘ – ‚Die Company‘ (2002), ‚Legends‘ – ‚Die kalte Legende‘ (2005), ‚Vicious Circle‘ – ‚Die Söhne Abrahams‘ (2006), ‚The Stalin Epigram‘ – ‚Das Stalin-Epigramm‘ (2009), ‚Young Philby‘ – ‚Philby. Porträt des Spions als junger Mann‘ (2012), ‚A Nasty Piece of Work‘ (2013), ‚The Mayakovsky Tapes‘ (2016), ‚Vladimir M.‘ (2017).