(*1968)

Cathi Unsworth kam in Great Yarmouth an der englischen Nordseeküste zur Welt. Sie begann ihre journalistische Laufbahn mit 19 Jahren, als sie am London College of Fashion studierte. Von 1987 bis 1991 arbeitete sie für die Musikwochenzeitschrift ‚Sounds‘, anschliessend bis 1995 für den ‚Melody Maker‘ und danach für andere Kulturmagazine wie ‚Bizarre‘, ‚Purr‘, ‚Mojo‘, ‚Uncut‘, ‚Volume‘ und ‚Deadline‘. Inspiriert von Derek Raymonds nachtschwarzen Factory-Romanen, publizierte die „Queen of Noir“ 2005 ihren ersten von bislang sechs Krimis ‚The Not Knowing‘ (‚Die Ahnungslose‘), ein Jahr später gab sie die Kurzgeschichtensammlung ‚London Noir‘ heraus. Neben ihrer Prosa verfasst sie Krimikritiken für ‚The Guardian‘. Sie lebt seit 1987 in West-London, wo auch die meisten ihrer Bücher angesiedelt sind.

Unsworths Debütkrimi ‚Die Ahnungslose‘ ist aus der Sicht der 26-jährigen Journalistin und Gothic-Anhängerin Diana Kemp erzählt, die zusammen mit Barry Hudson und Neil Bambridge seit kurzer Zeit das alternative Kultur-Magazin ‚Lux‘ herausgibt. Die drei ungleichen Berufskollegen wittern ihre grosse Chance, als der aufstrebende Filmregisseur Jon Jackson einem bizarren Ritualmord zum Opfer fällt, sind sie doch im Besitz des letzten, kurz vor seinem Tod aufgenommenen Interviews. Parallel dazu folgen wir den Umständen, die zu dem Verbrechen geführt haben – und wohnen schliesslich der scheusslichen Tat bei. Ein weiterer Strang behandelt die aufkeimende Beziehung zwischen Diana und dem charismatischen, scheinbar aus dem Nichts aufgetauchten Krimiautor Simon Everill, der ihr in einem exklusiven Gespräch die erschütternden Hintergründe seines Buches kundtut. Im zweiten Teil des raffiniert gebauten, mit unzähligen Details über die Londoner Subkulturszene gespickten Buches – der Leser weiss inzwischen, wer der Mörder ist – enthüllt die Autorin den trostlosen Lebenslauf des psychopathischen Killers.

‚Opfer‘ ist im fiktiven ostenglichen Nordseekaff Ernemouth angesiedelt und switcht zwischen zwei Zeitebenen – 1983/84 und 2003 – hin und her. Im Sommer 1984 war der trostlose Badeort Schauplatz eines fürchterlichen Ritualmords. Die 15-jährige Corrine, deren Mutter, eine stadtbekannte Prostituierte, sie erstmals auf den Strich schickte, als sie zwölf war, wurde verurteilt und darbt seither in einer Anstalt für geisteskranke Straftäter, während ihre Schulkameradinnen Debbie und das manipulative Miststück Samantha unbehelligt blieben. Zwanzig Jahre später bringt die in den 80ern noch in den Kinderschuhen steckende DNA-Technologie neue Beweise zutage, die Zweifel an Corrines Täterschaft aufwerfen. Die auf Justizirrtümer spezialisierte Anwältin Janice Mathers beauftragt den nach einer Schussverletzung zum Privatdetektiv mutierten Londoner Ex-Polizisten Sean Ward, den Fall noch einmal aufzurollen. Seine durch die Lokaljournalistin Francesca Ryman unterstützten Ermittlungen führen auf die Spur einer Intrige, in die auch lokale Würdenträger – unter ihnen der damalige Polizeichef Len Rivett, der auch jetzt noch aus dem Hintergrund die Fäden zieht, und Samanthas perverser Grossvater Eric Hoyle – verwickelt waren. Es gibt ein weiteres bedeutendes Bindeglied zwischen den beiden Handlungssträngen: Chief Inspector Smollet, damals Teil der aufmüpfigen Teenager-Clique, heute Polizeichef in Ernemouth – und Opfer seines skrupellosen Vorgängers Len Rivett. Komplex gezeichnete Figuren, geschickt eingestreute Musik- und Modetrends der 80er-Jahre und einfühlsame Schilderungen des Teenagerlebens in einer öden britischen Kleinstadt runden die wuchtige und meisterhaft gebaute Geschichte ab, in wir erst kurz vor Schluss erfahren, wer eigentlich das Opfer ist. Und auf den letzten Seiten wartet die Autorin mit zwei faustdicken Überraschungen auf.

Bibliografie:

‚The Not Knowing‘ – ‚Die Ahnungslose‘ (2005), ‚The Singer‘ (2007), ‚Bad Penny Blues‘ (2009), ‚Weirdo‘ – ‚Opfer‘ (2012), ‚Without the Moon‘ (2015), ‚That Old Black Magic‘ (2018).