(1948-2021; schrieb auch als Ursula Auer)
Geboren in der südwestfinnischen Stadt Turku, beendete Pentti Kirstilä sein Studium der Sozialwissenschaften im Jahre 1972 an der Universität Tampere. Von 1969 bis 1980 arbeitete er als Journalist bei der Zeitung Aamulehti. In dieser Zeit, 1977, veröffentlichte er seinen ersten Krimi ‚Nachtschatten‘. Er lebte mit seiner Frau Anja Angel in Helsinki, wo er 72-jährig starb.
Kirstiläs Werk enthält die elfbändige Serie um Lauri Hanhivaara, Hauptmeister bei der Kriminalpolizei Tampere, sowie sieben Einzelwerke, mehrere Sammlungen mit Kriminalnovellen und Kurzgeschichten, ein Hörspiel und ein Sachbuch über das Billardspiel. Unter dem Pseudonym Ursula Auer verfasste er drei weitere Krimis gemeinsam mit seiner Frau. Einige Romane wurden fürs Fernsehen verfilmt. 1987 und 1993 erhielt er jeweils den Preis für den besten finnischen Kriminalroman.
Auf Deutsch sind die fünf ersten Titel der Lauri Hanhivaara-Reihe erschienen – und dies erst fast dreissig Jahre nach ihrer Erstveröffentlichung. Danach war Schluss, und auch in Finnland hat man offenbar seit 2007 nichts mehr von diesem grossartigen Autor gehört.
Hauptmeister Lauri Hanhivaara arbeitet seit zwanzig Jahren bei der Kriminalpolizei Tampere, wird jedoch gegen Ende der Serie nach Helsinki versetzt. Er ist ein eigenwilliger, illusionsloser, scharfsinniger Ermittler mit viel Sinn für Humor und einer Neigung zur Selbstironie und (in seinen eigenen Worten) zum melancholischen Zynismus; ein brillanter Polizist, der das Katz-und-Maus-Spiel aus dem Effeff beherrscht und sich zum Verdruss seines Vorgesetzten Kairamo immer wieder auf gefährliche Alleingänge einlässt; ein kauziger, kinderlos geschiedener Einzelgänger, dessen Privatleben nur selten zur Darstellung kommt – etwa als seine Freundin Maija Takala an Schluss des zweiten Bandes gewaltsam ums Leben kommt. Seine engsten Mitarbeiter neben Kommissar Kairamo sind Huhtanen, dem kein überflüssiges Wort über die Lippen kommt (er eröffnet nach dem vierten Roman eine Detektei) und der junge Siika, der offenbar über einen unerschöpflichen Vorrat an mehr oder weniger kniffligen Ratespielen verfügt, mit denen er seinen Kollegen auf den Geist geht.
Kirstiläs erster Krimi ‚Nachtschatten‘ beginnt spektakulär: Ein Mann, Antti Koski, schlitzt seiner schönen Exfrau die Kehle auf, wird dabei von einem Bekannten beobachtet, daraufhin von diesem mit Briefen bedroht – und endet mit einer Kugel im Bauch: Selbstmord. Lauri Hanhivaara verbeisst sich in den Fall, stösst schon bald auf erste Ungereimtheiten, Zweifel kommen auf – und am Ende dreht der Autor eine wilde Pirouette.
In ‚Tage ohne Ende‘ verbringt Lauri Hanhivaara die Mittsommernacht mit seiner Freundin Maija im Sommerhaus ihres Bruders. Am nächsten Morgen stolpert das Paar bei einem Spaziergang über die Leiche des Buchhalters Antero Kartano, der von seinen Bekannten einhellig als skrupelloses, sexistisches Ekel geschildert wird. Der Hauptmeister beginnt zu ermitteln, bringt eine Menge Dreck zu Tage – und begeht dann einen verhängnisvollen Fehler.
‚Klirrender Frost‘ fängt an mit dem detaillierten Porträt des harten, rücksichtslosen Druckereibesitzers und zweifachen Familienvaters Sakari Kaarto, der seine unterwürfige Frau Kirsti nicht mehr erträgt und beschliesst, sich ihr zu entledigen. Sein Plan ist einfach: Den Eindruck erwecken, er habe den Verstand verloren, Kirsti vor einem Zeugen mit einem Küchenmesser abschlachten, für unzurechnungsfähig erklärt und nach ein paar Monaten in einer psychiatrischen Klinik – eine Besonderheit der finnischen Jurisprudenz – wieder freigelassen werden. Der Plan geht auf. Wenig später findet man Kaarto erschossen in seiner Villa, zu seinen Füssen liegt eine Pistole, auf der sich nur seine Fingerabdrücke befinden. Trotzdem glaubt Hanhivaara nicht an Selbstmord. Er vermutet den Täter im unmittelbaren Umfeld von Kaarto und löst den Fall in brillanter Manier. Doch ganz zum Schluss hat der Autor noch einen Pfeil im Köcher – und wir Leser wissen nun, dass Hanhivaara sich geirrt hat. Dafür hat er mit dem Rauchen aufgehört. Und ist frisch verliebt.
Kirstilä, ein Autor, der den Leser immer wieder in die Irre führt, brilliert mit schnörkelloser, ironisch-sarkastischer Erzählweise, raffinierter Handlungsführung, feinfühliger Darstellung von Lebensläufen und zwischenmenschlichen Beziehungen, treffenden Metaphern und pointierten Dialogen.
Bibliografie:
Kriminalhauptmeister Lauri Hanhivaara-Serie: ‚Jäähyväiset rakkaimmalle‘ – ‚Nachtschatten‘ (1977), ‚Jäähyväiset ilman kyyneleitä‘ – ‚Tage ohne Ende‘ (1978), ‚Jäähyväiset presidentille‘ – ‚Schwarzer Frühling‘ (1979), ‚Jäähyväiset lasihevoselle‘ – ‚Klirrender Frost‘ (1981), ‚Jumalia ei uhmata‘ – ‚Den Göttern trotzt man nicht‘ (1982), ‚Isku vasten kasvoja‘ (1983), ‚Jäähyväiset unelmille‘ (1996), ‚Jäähyväiset menneisyydelle‘ (1997), ‚Hanhivaara ja sateisen saaren tappaja‘ (2000), ‚Hanhivaara ja saalistajat‘ (2001), ‚Hanhivaara ja mies joka murhasi vaimonsa‘ (2002);
Einzelwerke: ‚Isku suoneen‘ (1982), ‚Munthe‘ (1984), ‚Kirkkaankeltaiset jäähyväiset‘ (1985), ‚Sinivalkoiset jäähyväiset‘ (1986), ‚Klassinen happokylpy‘ (1990), ‚Imelda‘ (1992), ‚Elektra‘ (1993).
Als Ursula Auer: ‚Murhia Maltalla‘ (2005), ‚Murhia Maintenonissa‘ (2006), ‚Murhia Mankalassa‘ (2007).
„Tage ohne Ende“ – Die ersten 100 Seiten sind zäh. In Rezensionen verbreitete Spekulationen, der Autor könnte mürrisch sein oder sogar misogyn, liegen nahe: kieselsteinig wie eine Schärenküste, nur einiger Humor ragt heraus. Sobald die Teamarbeit bei der Polizei einsetzt, bekommt die Geschichte ihre Dynamik und ihren Witz. Dem Autor geht es um seine markant gezeichnete Charaktere und ihre Gewohnheiten, vor allem die der im Team eingespielten vier Kriminaler, aber auch die der Zeugen und wie sie aufeinander bezogen sind, sich wechselseitig beeinflussen – oder sich betont voneinander abgrenzen. Die Kriminalhandlung ist sorgfältig verrätselt und hält die Spannung bis zum Schluss, dennoch empfand ich sie als zweitrangig. In erster Linie handelt es sich um finnische Charakterstudien in der Form eines Polizeiromans aus der Perspektive einer einzelgängerischen Hauptfigur, des „Hauptmeisters“ Lauri Hanhivaara.
Wie ein fast perfekter Mord gelingt! – In ‚Nachtschatten‘ kommt der „Hauptmeister“, die Ermittler-Hauptfigur, einem der Mörder fast auf die Schliche. Doch die Teamarbeit der späteren Folgen gibt es in diesem ersten Band noch nicht. Hier will sein Chef unbedingt den Fall abschließen, verhindert weitere Ermittlungen und bringt, trotz der Ungereimtheiten, eine vermeintliche Täterin so ins Gefängnis, wie es die wirklichen Mörder geplant haben.
Am Schluss wird das alles wie in einem klassischen Rätselkrimi aufgelöst. Ein Markenzeichen des Krimiautors Kirstilä, die Spannung bis zur letzten Seite, zeichnet bereits seinen Erstling aus.
Ein beachtlicher Erstling, denn er ist völlig ausgereift. Die meiste Zeit folgt der Leser dem etwas kauzigen, einzelgängerischen Ermittler Lauri Hanhivaara bei seinen Zeugenbefragungen und wird in ein Geflecht verschlungener, teils schon tagträumerischer, teils sehr humorvoller Gedankenkombinationen geführt, die stets plausibel und auch bei seinen Kriminaler-Kollegen anerkannt sind.
„Heraus kommt eine ziemlich abgefahrene Geschichte, die zwar an allen Ecken und Enden geerdet ist und doch nur so strotzt vor Aberwitz.“ So fasst es der Rezensent, Frank Rumpel, treffend zusammen.