(1868-1927)

Gaston Leroux, geboren in Paris, aufgewachsen dort und in der Normandie mit zwei Brüdern und einer Schwester, arbeitete nach seinem Jurastudium, das er 1889 in Paris abschloss, drei Jahre als Anwalt, zeitweise auch als Theaterkritiker und Gerichtsreporter für ’L’Echo de Paris’. Eine Millionenerbschaft verprasste er in kürzester Zeit beim Glücksspiel. Von 1896 bis 1906 bereiste er als Reporter und Auslandkorrespondent der angesehenen Zeitung ‚Le Matin‘ zahlreiche Länder in Europa, Asien und Afrika – unter anderem berichtete er über den russisch- japanischen Krieg und die Unruhen in Odessa und Sankt Petersburg.

Gaston Leroux, ein scharfer Gegner der Todesstrafe, beendete seine erfolgreiche und schillernde journalistische Laufbahn im Jahr 1907, um sich hauptberuflich dem Schreiben von Erzählungen, Romanen und Theaterstücken zu widmen, später kamen Drehbücher hinzu. 1919 gründete er mit Kollegen die Filmgesellschaft ‚Cinéromans‘. Kurz vor seinem 69. Geburtstag starb er an den Komplikationen einer Operation in Nizza, wo er seit 1909 mit seiner Familie eine Villa bewohnt hatte. Er hinterliess seine langjährige Lebenspartnerin Jeanne Cayatte und ihre gemeinsamen Kinder Miki und Madelaine.

Beeinflusst durch Edgar Allan Poe, Maurice Leblanc und Alexandre Dumas, erfand Gaston Leroux 1907 den blutjungen Zeitungsreporter Joseph Joséphin, genannt Rouletabille, als Hauptfigur einer achtbändigen Serie, die ein Autor namens Noré Brunel in den 40-Jahren um zwei Titel ergänzt hat. Rouletabille, Leroux‘ idealisiertes alter Ego, ist in einem religiösen nordfranzösischen Waisenhaus aufgewachsen, seine üble Familiengeschichte blitzt in den ersten beiden Romanen auf. Er hat ein rundes, bartloses Gesicht, ist unternehmungslustig und fast immer gut gelaunt und – dank seiner logischen Denkweise und seinem Einfallsreichtum – ein hochtalentierter Detektiv.

‚Das Geheimnis des gelben Zimmers‘, der erste Teil der Reihe und einer von Leroux‘ berühmtesten Romanen, handelt von einem grausamen Verbrechen in einem von innen verschlossenen, ja verbarrikadierten Raum, das sich im fiktiven Schloss Glandier zugetragen hat, Mathilde Stangerson, die Tochter des Schlossherrn, ist das Opfer, überlebt den Anschlag jedoch mit knapper Not. Rouletabille überführt zwar den Schurken, doch der entwischt, um im nachfolgenden Band ‚Das Parfum der Dame in Schwarz‘ wieder aufzutauchen und sein Unwesen zu treiben – mehr sei hier nicht verraten.

Nachdem der umtriebige Reporter in ‚Nataschas Geheimnis‘ am Zarenhof einen Mord aufgeklärt hat, reist er als Kriegsberichterstatter auf den Balkan, lernt dort die schöne Bulgarin Ivana kennen, befreit sie aus den Fängen des Gangsters Gaulow und heiratet sie nach vielen Wirrungen – beschrieben in den Teilen 4 und 5 der Reihe.

Im Gegensetz zu den ersten – von Rouletabilles treuem Freund Sainclair, einem Anwalt, aufzeichneten – Geschichten wählt Leroux ab jetzt die auktoriale Erzählperspektive. ‚Die Hölle an der Front‘, im Ersten Weltkrieg angesiedelt, sieht Rouletabille undercover am Werk. Frankreichs Kriegsgegner Deutschland hat den genialen Wissenschaftler Théodore Fulber samt Tochter Nicole und ihrem Verlobten Serge nach Essen, in den Industriekonzern Krupp, entführt, um in den Besitz von Bauplänen für eine Geheimwaffe zu gelangen, die den Krieg mit Sicherheit entscheiden würde. Mit dem Auftrag, Fulber und seine Familie zu befreien oder zu töten, begibt sich Rouletabille mit seinen Sidekicks La Candeur und Vladimir in die Höhle des Löwen. Zu den Höhepunkten der kurzweiligen Geschichte gehört der gewaltige Auftritt von Kaiser Wilhelm, den Leroux als Teufel in Menschengestalt darstellt, als „Herz von Zerstörung und Ruin“.

In ‚Le crime de Rouletabille‘ erscheint auch der Anwalt Sainclair noch einmal auf der Bildfläche, als unser liebenswerte Held verdächtigt wird, seine Frau ermordet zu haben – Eifersucht soll das Tatmotiv sein, was selbstverständlich grober Unsinn ist (oder vielleicht doch nicht?). Jedenfalls hat der Reporter in ‚Rouletabille chez les bohémiens‘ nichts von seinen überragenden Fähigkeiten eingebüsst, als er in die Camargue reist, wo seine gute Freundin Odette von Zigeunern entführt worden ist.

Leroux‘ fünf mehrmals verfilmte und als Comics adaptierte Romane um den sympathischen Gangster Chéri-Bibi sind nicht ins Deutsche übertragen worden. Dafür aber ‚Das Phantom der Oper‘, eine schauerliche Version von ‚Die Schöne und das Biest‘, mehrfach verfilmt und vertont und auf allen Bühnen der Welt aufgeführt.

Mit seinen Romanen, die mehrheitlich zuerst als Fortsetzungsgeschichten in verschiedenen Magazinen abgedruckt worden sid, wollte Leroux den Leser gut unterhalten. Rasante Handlungsführung, romantische Szenen, Cliffhanger und unerwartete Wendungen waren seine bevorzugten Stilmittel, während man vergebens auf tief schürfende Diskussionen und psychologisch ausgefeilte Porträts wartet.

Bibliografie:

Rouletabille-Serie: ‚Le mystère de la chambre jaune‘ – ‚Das gelbe Zimmer‘ (auch unter den Titeln ‚Das Geheimnis des gelben Zimmers‘ und ’Das geheimnisvolle Zimmer’, 1907), ‚Le parfum de la dame en noir‘ – ‚Die Dame in Schwarz‘ (auch unter dem Titel ‚Das Parfum der Dame in Schwarz‘, 1908), Rouletabille chez le Tsar‘ – ’Nataschas Geheimnis’ (1912), Rouletabille à la guerre 1. Le château noir‘ – ‚Das schwarze Schloss‘ (1914), ‚Rouletabille à la guerre 2. Les étranges noces de Rouletabille‘ – ‚Die dunklen Nächte des Rouletabille‘ (1916)‘, ‚Rouletabille chez Krupp‘ – ‚Die Hölle an der Ruhr‘ (1917), ‚Le crime de Rouletabille‘ (1921), ‚Rouletabille chez les bohémiens‘ (1922);

Chéri-Bibi-Romane: ‚Les cages flottantes‘ (1913), ‚Chéri-Bibi et Cécily‘ (1913), ‚Palas et Chéri-Bibi‘ (1919), ‚Fatalitas!‘ (1919), ‚Le coup détat de Chéri-Bibi‘ (1926);

Einzelwerke: ‚La double vie de Théphile Longuet‘ (1903), ‚L’homme qui a vu le diable‘ (1908), ‚Le fauteuil hanté‘ (1909), ‚Le phantome de l’opéra‘ – ‚Das Phantom der Oper‘ (auch unter dem Titel ’Das Geheimnis des Opernhauses’, 1910), ‚Un homme dans la nuit‘ (1910), ‚Baloo‘ (1911), ‚L’épouse du soleil‘ (1912), ‚Le coeur cambriolé‘ (1920), ‚La machine à assassiner‘ (1923), ‚La poupée sanglante‘ – ‚Die blutbefleckte Puppe‘ (1923), ‚Les ténébreuses I‘ (1924), ‚Les ténébreuses II‘ (1924), ‚Les Mohicans de Babel‘ (1926), ‚Mister Flow‘ (1927).