(1906-1977; schrieb auch als Carter Dickson, Carr Dickson, Roger Fairbairn und Nicholas Wood)

John Dickson Carr wurde in Uniontown, Pennsylvania, als Sohn eines schottisch-stämmigen, der demokratischen Partei angehörenden Anwalts, der drei Jahre im Repräsentantenhaus sass, geboren und wuchs auch dort auf. Bereits mit elf Jahren konnte er seine ersten Mördergeschichten in einem Lokalblatt herausgeben, mit fünfzehn erhielt er dort gar eine eigene Kolumne. Von 1921 bis 1925 besuchte er die Hill School in Pottstown, Pennsylvania, anschliessend das Haverford College in Philadelphia, für das er das (fast nur seine eigenen Beiträge enthaltende) Literaturmagazin ‚The Haverfordian‘ herausgab. 1928 ging er zu Studienzwecken nach Paris, widmete sich jedoch vorrangig dem Verfassen von Prosa. 1930 erschien sein erster Krimi ‚It Walks by Night‘, von dem immerhin 15‘000 Exemplare abgesetzt wurden.

Als er von 1930 bis 1933 in New York City ansässig war, bereiste Carr mehrmals Europa und Afrika. Dabei lernte er auf einem Schiff die Britin Clarice Cleaves kennen. Die beiden heirateten 1932 und zogen einige Monate später nach England, wo ihre drei Töchter, Julia, Bonita und Mary, zur Welt kamen. Mit jährlich durchschnittlich vier Büchern folgte Carrs produktivste Zeit, nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs kamen Propagandaschriften und andere Beiträge für die BBC hinzu.

Aufgrund seiner Abneigung gegenüber der regierenden Labour-Partei übersiedelte Carr 1948 nach Mamaroneck, New York State. Als drei Jahre später die Tories an die Macht kamen, kehrte er nach Grossbritannien zurück, ohne seinen amerikanischen Wohnsitz aufzugeben. 1958 liess er sich endgültig in die Vereinigten Staaten nieder, in Greenville, South Carolina, wo er im Alter von siebzig Jahren nach langer Krankheit starb. 1995 gab Douglas G. Greene die Biografie ‚John Dickson Carr: The Man Who Explained Miracles‘ heraus.

Carrs breit gefächertes Werk umfasst drei Krimiserien, etliche Einzelwerke und historische Romane, ferner Kurzgeschichten, zahlreiche äusserst beliebte Radiokrimis, die während des Zweiten Weltkriegs vor allem von der BBC ausgestrahlt wurden, eine autorisierte Conan Doyle-Biografie (‚The Life of Sir Arthur Conan Doyle‘, 1949) sowie, geschrieben gemeinsam mit Adrian Conan Doyle, dem jüngsten Sohn des berühmten Autors, mehrere Sherlock Holmes-Geschichten, die 1952 in der Sammlung ‚The Exploits of Sherlock Holmes‘ erschienen sind.

Die Mehrzahl von Carrs im klassischen Stil verfassten – an Gaston Leroux, G.K. Chesterton und Arthur Conan Doyle geschulten – Krimis spielt in Europa (Deutschland, England und Frankreich), oft an romantischen oder gruseligen, historisch bedeutsamen Orten. Anders als in den Golden-Age-Cosies fliesst häufig viel Blut; auch Fantasy-, Schauer- und Slapstick-Elemente und romantische Szenen haben ihren festen Platz. Carr beabsichtigte nicht, tiefschürfende gesellschafts- oder zeitkritische Geschichten zu erzählen, sondern seine Leser schlicht und einfach gut zu unterhalten, was ihm (besonders in der Gideon Fell- und der Henri Merrivale-Serie) in der Regel auch gelang, selbst wenn die Auflösung der Verbrechen nicht immer nachvollziehbar ist und seine Figuren keinen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Carrs Spezialität war die Darstellung und Aufschlüsselung von unmöglichen, weil in hermetisch abgeschlossenen Räumen begangenen Verbrechen. In seinen drei Serien stehen gegensätzliche, in groben Zügen gezeichnete Männer im Mittelpunkt: Der junge und kultivierte, jedoch gefühlskalte, an Mephistopheles erinnernde Henri Bencolin, ‚Juge d’Instruction‘ bei der Pariser Polizei mit dem Spitznamen „der gefährlichste Mann“  (5 Titel); der höfliche, wenn auch bisweilen arrogant auftretende, fast 300 Pfund wiegende Privatgelehrte und geniale, nach dem Krimiautor G.K. Chesterton gestaltete Amateurdetektiv Dr. Gideon Fell aus England, verheirateter Liebhaber von Tabak und Bier, Spion im Ersten Weltkrieg, der sich nur noch mit Hilfe von zwei Stöcken fortbewegen kann (24 Titel); und der mürrische, cholerische, pausenlos stinkende Zigarren rauchende Arzt und Anwalt Sir Henri Merrivale mit dem Spitznamen H.M. („His Majesty“), mit einer Tänzerin verheirateter Vater zweier erwachsener Töchter, zuerst Leiter des britischen Geheimdienstes, dann in hoher Funktion bei Scotland Yard angestellt, der offenbar Winston Churchill nachempfunden ist (24 Titel) . Als weitere wiederkehrende Gestalt kommt Colonel March von Scotland Yard in neun Kurzgeschichten und gelegentlich auch in den Romanserien zum Einsatz.

Wer nicht gewillt ist, Carrs über neunzig Romane umfassendes Gesamtwerk zu lesen, dem seien als Appetithäppchen die Gideon Fell-Titel ‚Der Tote im Tower‘, ‚Der verschlossene Raum‘ (der Roman, in dem Carr das Spiel mit dem „unmöglichen Mord“ auf die Spitze treibt)  und ‚Die Tür im Schott‘, ferner der siebte Band der Henry Merrivale-Reihe ‚Der dritte Pfeil‘ sowie ‚Der Club der Maske, Teil vier der Henri Bencolin-Serie, ans Herz gelegt.

Bibliografie (nur Kriminalromane):

Henri Bencolin-Serie (als John Dickson Carr): ‚It Walks by Night‘ – ‚Elf Uhr Dreissig‘ (auch unter dem Titel ‚Geheimnis um Saligny‘, 1930), ‚Castle Skull‘ – ‚Die Schädelburg‘ (auch unter dem Titel ‚Tod im Flammentanz‘, 1931), ‚The Lost Gallows‘ – ‚Die Strasse des Schreckens‘ (1931), ‚The Corpse in the Waxworks‘ (auch unter dem Titel ‚The Waxworks Murder‘) – ‚Der Club der Masken‘ (auch unter dem Titel ‚Der Club der bunten Masken‘, 1932), ‚The Four False Waepons‘ – ‚Zweimal ermordet‘ (1937);

Dr. Gideon Fell-Serie (als John Dickson Carr): Hag’s Nook‘ – ‚Tod im Hexenwinkel‘ (auch unter dem Titel ‚Das Zeichen im Brunnen‘, 1933), ‚The Mad Hatter Mystery‘ – ‚Der Tote im Tower‘ (1933), ‚The Eight of Swords‘ – ‚Schatten der Vergangenheit‘ (1934), ‚The Blind Barber‘ – ‚Der blinde Barbier‘ (1934), ‚Death Watch‘ – ‚Der vergoldete Uhrzeiger‘ (1935), ‚The Three Coffins‘ (auch unter dem Titel ‚The Hollow Man‘) – ‚Der verschlossene Raum‘ (auch unter dem Titel ‚Der Unsichtbare‘, 1935), ‚The Arabian Nights Murder‘ – ‚Mord aus Tausend und einer Nacht‘ (1936), ‚Th Wake the Dead‘ – ‚Der magische Stein‘ (auch unter dem Titel ‚Die Toten wecken‘, 1937), ‚The Crooked Hinge‘ – ‚Die Tür im Schott‘ (auch unter dem Titel ‚Gesucht‘: Ein Motiv‘, 1938), ‚The Problem of the Green Capsule‘ (auch unter dem Titel ‚The Black Spectacles‘) – ‚Die grüne Kapsel‘ (auch unter dem Titel ’Zehn Teetassen’, 1939), ‚The Problem of the Wire Cage‘ – ‚Mord am Netz‘ (auch unter dem Titel ‚Tennisspieler und Seilakrobaten‘, 1939), ‚The Man Who Could not Shudder‘ – ‚Das verhexte Haus‘ (1940), ‚The Case of the Constant Suicides‘ – ‚Die schottische Selbstmordserie‘ (auch unter dem Titel ‚Verwirrung auf Schloss Shira‘, 1941), ‚Death Turns the Tables‘ (auch unter dem Titel ‚The Seat of the Scornful‘ – ‚…auf dass ihr nicht gerichtet werdet‘ (1941), ‚Til Death Do us Part‘ – ‚Der Wahrsager und die Wahrheit‘ (1944), ‚He Who Whispers‘ – ‚Der Flüsterer‘ (1946), ‚The Sleeping Sphinx‘ – ‚Die schlafende Sphinx‘ (1947), ‚Below Suspicion‘ – ‚Das umgekehrte Kreuz‘ (1949), ‚The Dead Man’s Knock‘ – ‚Die verschlossene Tür‘ (1958), In Spite of Thunder‘ – ‚Hinter den Kulissen‘ (1960), ‚The House at Satan’s Elbow‘ (1965), ‚Panic in Box C‘ – ‚Vorhang auf für den Mörder‘ (1966), ‚Dark of the Moon‘ – ‚Roulett der Rächer‘ (1967);

Sir Henry Merrivale-Serie (als Carter Dickson): ‚The Plague Court Murders‘ (1934), ‚The White Priory Murders‘ – ‚Die Treppe des Königs‘ (1934), ‚The Red Widow Murders‘ – ‚Das Zimmer der roten Witwe‘ (1935), ‚The Unicorn Murders‘ (1935), ‚The Punch and Judy Murders‘ (auch unter dem Titel ‚The Magic Lantern Murders‘ – ‚Der umgekehrte Blumentopf‘ (1936), ‚The Peacock Feather Murders‘ (auch unter dem Titel ‚The Ten Teacups‘) – ‚Zehn Teetassen‘ (1937), ‚ The Judas Window‘ (auch unter dem Titel ‚The Crossbow Murder‘) – ‚Der dritte Pfeil‘ (1938), ‚Death in Five Boxes‘ –  ‚Fünf tödliche Schachteln‘ (auch unter dem Titel ‚Der vierte Gast‘, 1938), ‚The Reader Is Warned‘ (1939), ‚And So to Murder‘ – ‚Vitrol und Belladonna‘ (auch unter dem Titel ‚Der Tod dreht einen Film‘, 1940), ‚Nine – and Death Makes Ten‘ (auch unter den Titeln ‚Muders in the Submarine Zone‘ und ‚Murder in the Atlantic‘) – ‚Mörder an Bord‘ (1940), Seeing Is Believing‘ (auch unter dem Titel ‚Cross of Murder‘) – ‚Mit Dolch und Strychnin‘ (1941), ‚The Gilded Man‘ (auch unter dem Titel ‚Death and the Guilded Man‘) – ‚Das Haus der Masken‘ (1942), ‚She Died a Lady‘ – ‚Spuren am Klippenrand‘ (1943), ‚He Wouldn’t Kill Patience‘ – ‚Das versiegelte Zimmer‘ (1944), ‚The Curse of the Bronze Lamp‘ (auch unter dem Titel ‚Lord of the Sorcerers‘) – ‚Der Hexenmeister‘ (1945), ‚My Late Wives‘ – ‚Die verschwundenen Gattinnen‘ (1946), ‚The Skeleton in the Clock‘ – ‚Das Skelett‘ (1948), ‚A Graveyard to Let‘ (1948), ‚Night at the Mocking Widow‘ (1949), ‚Behind the Crimson Blind‘ – ‚Treffpunkt Tanger‘ (1952), ‚The Cavalier’s Cup‘ (1953), ‚Fear Is the Same‘ (1956);

Standalones als John Dickson Carr: ‚Poison in Jest‘ (1932), ‚The Murder of Sir Edmund Godfrey‘ (1936), ‚The Burning Court‘ – ‚Die Doppelgängerin‘ (auch unter dem Titel ‚Die Schnur mit neun Knoten‘, 1937), ‚The Emperor’s Snuff Box‘ – ‚Des Kaisers Schnupftabakdose‘ (1942), ‚The Bride of Newgate‘ (1950), ‚The Devil in Velvet‘ – ‚Der Teufel in Samt‘ (auch unter dem Titel ‚Einen Namen für einen Mörder‘, 1951), ‚The Nine Wrong Answers‘ – ‚Wer die Antwort schuldig bleibt…‘ (auch unter dem Titel ‚Die schuldige Antwort‘, 1952), ‚Captain Cut-Throat‘ – ‚Ihr ergebener Halsabschneider‘ (1955), ‚Patrick Butler for the Defense‘ – ‚Der Zauberer‘ (auch unter dem Titel ‚Der Tod eines Zauberers‘, 1956), ‚Fire, Burn!‘ (1957), ‚Scandal at High Chimneys‘ – ‚Spuk im Giebelhaus‘ (1959), ‚The Witch of the Lowtide‘ – ‚Das Gespenst der Gezeiten‘ (1961), ‚The Demoniacs‘ – ‚Die schmutzige Stadt‘ (1962), ‚Papa La-Bas‘ – ‚Die Voodoo-Königin‘ (1968), ‚The Ghosts‘ High Noon‘ (1969), ‚Deadly Hall‘ – ‚Die schwarzen Lilien von Delys Hall‘ (1971), ‚The Hungry Goblin‘ (1972).

Standalones als Carter Dickson: ‚The Bowstring Murders‘ – ‚Eine Uhr steht still‘ (1933), ‚Fatal Descent‘ (auch unter dem Titel ‚Drop to His Death‘) – ‚Endstation Tod‘ (1939), ‚Fear Is the Same‘ (1956).

Standalone als Roger Fairbairn: ‚Devil Kinsmere‘ (auch unter dem Titel ‚Most Secret‘, 1934).