(1941-2017)

Ricardo Piglia, geboren in Androgue, einem Vorort der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires, aufgewachsen in Mar del Plata, studierte Geschichte an der Universidad Nacional de la Plata, Abschluss 1965. Anschliessend arbeitete er als Mitherausgeber und Literaturkritiker für verschiedene Zeitschriften, ehe er von 1977 bis 1990 Literatur und Film an den US-amerikanischen Universitäten Princeton und Harvard unterrichtete. Von 1990 bis 2000 war er Literaturprofessor an der Universität Buenos Aires, in den folgenden zehn Jahren lehrte er Spanische und Portugiesische Literatur in Princeton. 2010 kehrte er endgültig nach Buenos Aires zurück und betreute eine TV-Sendung über zeitgenössische argentinische Literatur. Piglia starb 75-jährig an Amyotropher Lateralsklerose und hinterliess seine Frau Martha Eguia, deren zwei Kinder aus einer früheren Beziehung und seinen Bruder Carlos.

Neben seiner Lehrtätigkeit schuf sich Piglia einen Namen als phantasievoller und scharfzüngiger Verfasser von Kurzgeschichten, Romanen und Essays und zählte schon bald zu den bedeutendsten Autoren Argentiniens. Darüber hinaus führte er ein 327 Hefte (!) umfassendes Tagebuch und schrieb mehrere Drehbücher, darunter jenes zum prämierten Film ‚La sonambula‘. Vier seiner fünf Romane sind dem Krimigenre zuzurechnen.

Mit dem 1980 – in der Zeit der Militärdiktatur unter Lebensgefahr veröffentlichten – Roman ‚Künstliche Atmung‘ gelang Piglia der literarische Durchbruch. Es ist die Geschichte der Familie Ossorio im 19. und 20. Jahrhundert, ihres Lebens in den Diktaturen, unter denen Argentinien leiden musste; ein nicht leicht zugängliches Werk über Repression, Zensur, Folter, Mord und Deportationen, aber auch über die Literaturgeschichte des Landes, erzählt aus der Sicht des jungen Journalisten Emilio Renzi (Piglias Alter Ego in allen Romanen und den meisten Kurzgeschichten) und Emilios Onkel Marcelo Massi – Renzi  erforscht das Schicksal seines Onkels, der die Geschichte seiner Vorfahren, der Familie Ossario, erkundet hatte, bis er vor einiger Zeit spurlos verschwand.

‚Brennender Zaster‘ beruht auf Ereignissen, die sich im Herbst 1965 tatsächlich zugetragen haben. Vier kokainsüchtige Desperados mit guten Drähten zu Polizei, Armee und Politik überfallen in San Fernando, einem Vorort von Buenos Aires, einen Geldtransport, flüchten mit 7 Millionen Pesos nach Uruguay, legen jeden um, der sich ihnen in den Weg stellt, werden in Montevideo nach einer brutalen Verfolgungsjagd gestellt und verschanzen sich, belagert von der Polizei, in einer Wohnung. In einer apokalyptischen Endschlacht verbrennen sie vor laufender Fernsehkamera den erbeuteten Zaster, um einen letzten Schlag gegen die verhasste Gesellschaft zu landen – Radio, Fernsehen und natürlich auch Emilio Renzo berichten vor Ort über das sechzehn Stunden dauernde Finale.

‚Ins Weisse zielen‘ sieht den Autor auf der Höhe seiner Kunst. Die Geschichte spielt 1972, kurz vor Perons Rückkehr an die Macht, in einem unbenannten argentinischen Provinzkaff. Anthony „Tony“ Duran, ein in den USA aufgewachsener Puerto-Ricaner, der hier drei Monate mit den reichen, verführerischen Zwillingsschwestern Ada und Sofia Belladonna zusammenlebte, wird erstochen in seinem Hotelzimmer aufgefunden.  Für den durchtriebenen Staatsanwalt Cueto ist klar: Yoshio, der schwule japanische Nachtportier des Hotels, hat die Tat aus Geldgier begangen. Der mit Cueto verfeindete Kommissar Croce, eine melancholische, kauzige, moralisch integre Figur, verfolgt eine ganz andere Spur, hält dem Druck jedoch nicht lange stand und zieht sich in eine psychiatrische Klinik zurück. Der aus der Hauptstadt als Sonderkorrespondent der Zeitung ‚El Mundo‘ entsandte Journalist Emilio Renzi übernimmt daraufhin die Ermittlungen und kommt einer ungeheuren Grundstückspekulation auf die Spur. Der verwickelte, mit Fussnoten, Zitaten, Reflexionen und literarischen Anspielungen angereicherte Roman wird abwechslungsweise aus dem Blickwinkel von Croce, Renzi und Sofia erzählt. Als Schlüsselfigur erweist sich schliesslich Adas und Sofias eigenbrötlerlischen Halbbruder Luca, der in der verlassenen Fabrik seines Vaters am Rand des Dorfs mit seinem kleinen Team Rennwagen entwickelt.

In Piglias letztem Roman ‚Munk‘ wird der kürzlich geschiedene Ich-Erzähler Emilio Renzi, dessen schriftstellerische Laufbahn arg ins Stocken geraten ist – er schlägt sich in Argentinien als Ghostwriter und Übersetzer durch -, von der jungen, hochintelligenten Star-Dozentin Ida Brown für eine Gastprofessur an eine Elite-Uni in New Jersey eingeladen. Er beginnt eine aufwühlende Motel-Affäre mit ihr, doch dann kommt sie in ihrem Auto gewaltsam ums Leben – die rechte Hand ist verbrannt, auf dem Beifahrersitz liegt die soeben abgeholte Post. Wurde sie Opfer einer Briefbombe? Oder war sie selbst eine Terroristin? Jedenfalls scheint Idas Tod das neuste Glied einer Kette von Mordanschlägen auf amerikanische Professoren und Wissenschaftler zu sein. Unterstützt durch einen Privatdetektiv stösst Renzi bei seinen Ermittlungen auf den genialen Mathematiker Thomas Munk, der aus dem Universitätsbetrieb ausgestiegen ist, um sich am kapitalistischen System zu rächen – Vorbild ist der Unabomber Theodore Kaczynsky. In wichtigen Nebenrollen: Renzis Nachbarin Nina, eine 80-jährige russische Links-Intellektuelle und Tolstoi-Übersetzerin, die Stalins Terror entkommen war; sowie Joseph Conrads Roman ‚Der Geheimagent‘, der Munk als Vorbild diente. Piglia würzt die vielsträngige semibiografische Geschichte mit kulturgeschichtlichen und philosophischen Exkursen und scharfen Blicken auf den Campusbetrieb in den Vereinigten Staaten.

Bibliografie:

‚Respiracion artificial‘ – ‚Künstliche Atmung‘ (1980), ‚Plata quemada‘ – ‚Brennender Zaster‘ (1997), ‘Blanco nocturno’ – ‚Ins Weisse zielen’ (2010), ‘El camino de Ida’ – ‚Munk’ (2013).