(Kürzel für Daniel Pennachioni, *1944, schrieb auch als J.-B. Nacray)

Daniel Pennac wurde als vierter Sohn eines liberal gesinnten, literarisch interessierten Berufssoldaten in der marokkanischen Stadt Casablanca geboren und wuchs in den Garnisonen verschiedener französischer Kolonien in Afrika und Südostasien auf. Nach widerwillig geleistetem Militärdienst studierte er Literaturwissenschaft in Nizza und zog danach in den multikulturellen Pariser Stadtteil Belleville, wo er – neben seiner Tätigkeit als Französischlehrer – in den 70er-Jahren zu schreiben begann, zunächst  vor allem Kinder- und Jugendbücher. Von 1979 bis 1981 lebte er mit seiner Frau Irène, einer Professorin, die dort Vorlesungen gab, in Brasilien, danach kehrte er nach Belleville zurück. 1995 gab er den Lehrerberuf endgültig auf und widmet sich seither ganz dem Schreiben.

Im Jahr 1985 startete Pennac die turbulente, mit lockerer Hand und viel Humor verfasste und mit wunderbaren Wortspielen, Metaphern und Sprüchen geschmückte Serie um Benjamin „Ben“ Malaussène, die sich von Buch zu Buch weiter weg vom Krimi in Richtung anarchistische Komödie und modernes Märchen bewegt. Der notorische Pechvogel und Sündenbock Ben, Sohn einer lebensfrohen, ständig verliebten oder schwangeren Frau genannt Maman,  ist allein erziehender Bruder von eigenwilligen, umtriebigen Halbgeschwistern – Louna, die Krankenschwester, Clara, Bens Lieblingsschwester, eine grossartige Fotografin und Köchin, Thérèse, die Hellseherin, Jérémy, die Nervensäge, und „Le Petit“ mit der rosa Brille, alle von einem anderen Erzeuger stammend. Später gesellt sich auch noch Schreihals Verdun hinzu, und die älteren Halbschwestern kommen ebenfalls langsam ins gebärfähige Alter.  Auch Bens tuntiger Freund Onkel Théo mit einem Herz für alte Frauen und Männer, die nicht immer eine reine Weste tragen, Napoleonverehrer Kommissar Coudrier und seine beiden Inspektoren Pastor, junger, zart besaiteter Verhörspezialist, und Van Thian, alter Verkleidungskünstler mit vietnamesischen Wurzeln, Sojil, serbischer Kriegsveteran, Vergil-Übersetzer, Nachtwächter,  versierter Schachspieler und Berater in allen Lebenslagen und viele andere Nebenfiguren wachsen dem Leser im Nu ans Herz.

Im ersten Band ‚Im Paradies der Ungeheuer‘ muss Ben Malaussène bös unten durch: Als Angestellter in der Reklamationsabteilung eines riesigen Pariser Kaufhauses ist er der Sündenbock vom Dienst (er lässt sich von wütenden Kunden und zum Schein auch von seinem Vorgesetzten Lehmann den Kopf waschen und bricht dann derart herzzerreissend in Tränen aus, dass der Kunde seine Klage aus Mitleid zurückzieht, um nicht einen Selbstmord auf sein Gewissen zu laden), sein Hund Julius, der stinkt wie die Pest, erleidet den ersten epileptischen Anfall, Louna erwartet Zwillinge von dem jungen Arzt Laurent, der seine Gene lieber nicht weitergeben möchte, im Kaufhaus muss er den vielen Bomben ausweichen, die stets in seiner unmittelbaren Nähe explodieren, Jérémy bastelt während des Unterrichts eine Bombe und steckt damit die Schule in Brand, ferner gilt es, bei der idealistisch-kämpferischen Journalistin Julie („Tante Julia“) am Ball zu bleiben, in die sich unser Freund unsterblich verliebt, als sie im Warenhaus einen Shetlandpulli entwendet, und nicht zuletzt den in die Zeit der Besetzung durch Nazideutschland zurückreichenden Bomben-Fall (als dessen Urheber er zeitweilig  selbst verdächtigt wird) in Zusammenarbeit mit seiner cleveren Sippschaft zu lösen.

Ben Malaussène, der sich in den nachfolgenden Bänden als Verlagslektor bzw. wiederum als professioneller Sündenbock der Editions du Tallion vornehmlich mit frustrierten Autoren rumschlägt, muss weiterhin viel Unbill erdulden. In ‚Königin Zabos Sündenbock‘ (Reine Zabo ist die autoritäre, völlig humorlose Chefin des Verlages) wird auf ihn geschossen, während er als Doppelgänger eines Bestsellerautors aus dessen Werk vorliest, und In ‚Monsieur Malaussène‘ wandert er als Hauptverdächtiger einer Mordserie sogar ins Gefängnis, derweil seine heiss geliebte Julie von ihm einen Sohn erwartet, der den Namen Monsieur Malaussène tragen wird.

Pennac schrieb überdies den Actionthriller ‚Machtspiele‘ (gemeinsam mit Jean-Bernard Pouy und Patrick Raynal, im Original unter dem Sammelpseudonym J.-B. Nacray), das Sachbuch ‚Wie ein Roman‘, zahlreiche Essays, die poetische, Funken sprühende Doppelgängergeschichte ’Der Diktator und die Hängematte’, das Theaterstück ‚Monsieur Malaussène au théâtre‘, Drehbücher für das französische Fernsehen sowie (in Zusammenarbeit mit dem Illustrator Jacques Tardi) den grossartigen Comic ‚Abwärts‘.

Bibliografie:

Ben Malaussène-Serie: ‚Au bonheur des ogres‘ – ‚Im Paradies der Ungeheuer‘ (1985), ‚La fée carabine‘ – ‚Wenn alte Damen schiessen‘ (auch unter dem Titel ‚Wenn nette alte Damen schiessen‘, 1987), ‚La petite marchande de prose‘ – ‚Königin Zabos Sündenbock‘ (auch unter dem Titel ‚Sündenbock im Bücherdschungel‘, 1989), ‚Monsieur Malaussène‘ – ‚Monsieur Malaussène‘ (1995), ‚Des crétiers et des maures‘ – ‚Vorübergehend unsterblich‘ (Novelle, 1996), ‚Aux fruits de la passion‘ – ‚Adel vernichtet‘ (1999).

Als J.-B. Nacray: ‚La vie Duraille‘ – ’Machtspiele’ (1985).