(1893-1971; schrieb auch als Anthony Berkeley, Francis Iles, A.B. Cox und A. Monmouth Platts)

Anthony Berkeley Cox („ABC“), geboren in Watford, Hertfordshire, als ältestes von drei Kindern einer gut situierten Familie (der Vater war Arzt und Erfinder eines Röntgengeräts, die Mutter hatte einen Vorfahren, der Earl of Monmouth war), besuchte das Sherborne College in Wessex und studierte am University College in London. Im Ersten Weltkrieg wurde er an der französischen Westfront Opfer eines Gasangriffs, von dessen Folgen er sich nie ganz erholte. Nach dem Krieg war er zunächst in der Werbung tätig. Etwas später, im Jahr 1922, begann er seine rund fünfzig Jahre dauernde Karriere als Journalist – er arbeitete zunächst für satirische Magazine wie ‚Punch‘ und ‚The Humorist‘, später als Krimikritiker für den ‚Daily Telegraph‘ und die ‚Sunday Times‘, ab Mitte der 50er-Jahre bis zu seinem Tod für den ‚Guardian‘. Parallel dazu gab er von 1925 bis 1939 einundzwanzig Krimis heraus, den ersten anonym. 1928 gründete er mit anderen Krimiautoren und -autorinnen den legendären „Detection Club“, dem auch Agatha Christie, Dorothy Sayers und andere Grössen angehörten.

Cox war zweimal kinderlos verheiratet: von 1917 bis 1931 mit Margaret Fearnley Farrar, von 1932 bis Ende der 40er-Jahre mit Helen Peters-MacGregor – beide Ehen wurden geschieden. Nach dem Ersten Weltkrieg lebte er kurze Zeit in Kent und in seinem Geburtsort Watford, bevor er sich Anfang der 20er-Jahre in St. John’s Wood, London, niederliess. 1930 erwarb er einen zweiten Wohnsitz auf dem Lande an der Grenze zwischen Devon und Cornwall. Er starb im Alter von 77 Jahren.

Weit herum bekannt wurde der Autor dank seinem mit Anthony Berkeley gezeichneten Zehnteiler um Roger Sheringham, einen anfänglich recht rüpelhaft und nicht besonders scharfsinnig wirkenden, sich immer wieder arg überschätzenden Hobbydetektiv und Bestsellerautor, der im Verlauf der Reihe allerdings an Format gewinnt. (Wie Edmund Bentleys Detektiv Philip Trent ist Sheringham ein Gegenentwurf zum Superhirn Sherlock Holmes.)

‚Der Fall mit den Pralinen‘, der bekannteste Titel der Serie, dreht sich um einen rätselhaften Giftmord. Im exklusiven Rainbow Club am Piccadilly Circus wird eine Schachtel Pralinen für Sir Eustace Pennefather abgeben. Der Baronet, ein lasterhafter und cholerischer, kurz vor der Scheidung stehender Schürzenjäger, schenkt das Konfekt einem anderen Clubmitglied, dessen Ehefrau isst davon – und stirbt. Als die von Chief Inspector Moresby geleiteten polizeilichen Ermittlungen im Sand verlaufen, übernehmen die sechs Mitglieder des erlauchten, von Sheringham ins Leben gerufenen „Kriminalzirkels“ (gemeint ist der erwähnte „Detection Club“) den Fall – Sheringham selbst sowie der berühmte Anwalt Sir Charles Wildman, die schöne Romanautorin Alicia Dammers, die Dramatikerin Mabel Fielder-Flemming, der Krimiautor Percy Robinson und der schüchterne, unscheinbare Amateurermittler Ambrose Chitterwick -, um nach einer Woche ihre mehr oder weniger originellen Interpretationen vorzutragen. Eine überraschende Lösung, auf die wie erwartet Chitterwick kommt, rundet die vergnügliche Erzählung ab.

Chief Inspector Moresby, ein anständiger, stets solide Arbeit verrichtender Scotland Yard-Beamte, kommt in weiteren Sheringham-Krimis zum Zuge, und auch Chitterwick hat noch zwei Auftritte, als Hauptperson in ‚Ich könnte schwören, dass…‘ und als Nebenfigur in ‚Der verschenkte Mord‘.

Der Standalone ‚Der verschenkte Mord‘ gehört zu Berkeleys stärksten Büchern. Lawrence Todhunter, ein sympathischer Gentleman, der nur noch wenige Monate zu leben hat, will der Gesellschaft einen letzten Dienst erweisen, indem er die hassenswerteste Person der Gegenwart um die Ecke bringt. Nicht Hitler soll das Opfer sein (er würde sofort durch einen anderen Schweinehund ersetzt), nein, das Miststück Jean Norwood, eine Schauspielerin, muss daran glauben. Doch dann gerät ein Unschuldiger unter Mordverdacht, und Mr. Todhunter versucht die Polizei davon überzeugen, dass er selbst der Täter ist – ein schier aussichtsloses Unterfangen.

Drei Romane – so genannte „Inverted Novels“, d.h., der Täter ist von Anfang an bekannt, und der Fall wird von hinten her aufgerollt – veröffentlichte Cox als Francis Iles (dies ist der Name eines seiner Vorfahren, der seinen Lebensunterhalt als Schmuggler bestritt), unter ihnen ‚Vor der Tat‘, der als einer der wichtigsten Vorläufer der modernen psychologischen Spannungsliteratur gilt. Die aus der Sicht des Opfers erzählte Geschichte kreist um Lina McLaidlaw, eine naive, etwas spröde, aus reichem Hause kommende Frau mit schwach ausgeprägtem Selbstwertgefühl, die sich auf eine Ehe mit dem charmanten Verführer Johnnie Aysgarth einlässt. Obwohl der sich schon bald als spielsüchtiger und betrügerischer Nichtsnutz entpuppt, kann Lina nicht von ihm lassen – mit verhängnisvollen Folgen.

Darüber hinaus schrieb Cox unter seinem angestammten Namen eine Reihe von Sketchen sowie komische Opern, fantastische Geschichten und politische Essays. Auch war er einer von zwei Direktoren der obskuren Londoner Firma ‚A.B. Cox Ltd‘. Er galt als exzentrische und hoch intelligente, enormen Wert auf den Schutz seiner Privatsphäre legende Persönlichkeit.

1996 veröffentlichte Malcolm J. Turnbull die lesenswerte Cox-Biografie ‚Elusion Aforethought: the Life & Writing of Anthony Berkeley Cox‘, die im Internet abrufbar ist.

Bibliografie:

Als Anthony Berkeley:

Roger Sheringham-Serie: ‚The Layton Court Mystery (anonym veröffentlicht 1925), ‚The Wychford Poisoning Case‘ (1926), ‚The Vane Mystery‘ (auch unter den Titeln ‚Roger Sheringham and the Vane Mystery‘ und ‚The Mystery of Lover’s Cave‘, 1927), ‚The Silk Stocking Murders‘ (1928), ‚The Poisoned Chocolates‘ – ‚Der Fall mit den Pralinen‘ (auch unter den Titeln ‚Der Detektiv-Club‘ und ‚Die vergifteten Pralinen, 1929), ‚The Second Shot‘ – ‚Der zweite Schuss‘ (1930), ‚Top Storey Murder‘ (auch unter dem Titel ‚Top Story Murder‘) – ‚Der Mord unter dem Dach‘ (auch unter dem Titel ‚Mord in der Mansarde‘, 1931), ‚Murder in the Basement‘ – ‚Der Kellermord‘ (1932), ‚Jumping Jenny‘ (auch unter dem Titel ‚Dead Mrs. Stratton‘) – ‚Galgenvögel‘ (1933), ‚Panic Party‘ (auch unter dem Titel ‚Mr. Pidgeon’s Island‘) – ‚Spiel mit dem Feuer‘ (1934);

Einzelwerke: ‚The Picadelly Murder‘ – ‚Ich könnte schwören, dass…‘ (1929), ‚Trial and Error‘ – ‚Der verschenkte Mord‘ (1937), ‚Not to Be Taken‘ (auch unter dem Titel ‚A Puzzle in Poison‘ (1938), ‚Death in the House‘ (1939).

Als Francis Iles: ‚Malice Aforethought‘ – ‚Vorsätzlich…‘ (1931), ‚Before the Fact‘ (auch unter dem Titel ‚Murder Story for Ladies‘) – ‚Vor der Tat‘ (1932), ‚As for the Women‘ (1939).

Als A.B. Cox: ‚The Wintringham Mystery‘ (1926), ‚Mr. Priestey’s Problem‘ (auch unter dem Titel ‚The Amateur Crime‘, 1927).

Als A. Monmouth Platts: ‚Cicely Disappears‘ (1927).