(1892-1977)

James Mallahan Cain wurde als ältestes von fünf Kindern (drei Mädchen und zwei Knaben) des irisch-katholischen Englischlehrers James William Cain und der Opernsängerin Rose Mallahan, auch sie irischer Herkunft, in Annapolis, Maryland, geboren. Den Versuch, in die Fussstapfen seiner Mutter zu treten und eine Gesangskarriere zu verfolgen, brach er schweren Herzens ab. Stattdessen liess er sich bis 1910 am Washington College in Chesterton, Maryland, ausbilden, wo sein Vater damals Rektor war. In den folgenden Jahren verrichtete er verschiedene Jobs, unter anderem als Englisch- und Mathematiklehrer an einer Vorbereitungsschule für das College. 1917 machte er einen Master-Abschluss in Drama an der Johns Hopkins University in Baltimore.

Cain begann seine journalistische Karriere 1917 als Polizeireporter des ‚Baltimore American‘. Im letzten Jahr des Ersten Weltkriegs betreute er in Frankreich das Divisionsblatt ‚Lorraine Cross‘. Daraufhin schrieb er während vier Jahren Artikel und Kolumnen für die ‚Baltimore Sun‘. Nachdem er knapp zwei Jahre am St. John’s College in Annapolis Journalismus unterrichtet hatte, zog er 1924 nach New York City, wo er bis 1931 als Kolumnist und Redakteur für die Zeitung ‚New York World‘ tätig war. Darüber hinaus verfasste er politische Texte und Essays für die Periodika ‚Atlantic Monthly‘ und ‚The Nation‘, aber auch Stories und Stücke für ‚The American Mercury‘. 1932 erhielt er ein gut dotiertes Angebot von den Paramount Studios, worauf er sich in Hollywood niederliess und ein paar (nicht sonderlich erfolgreiche) Drehbücher schrieb.

Während seiner Zeit in Hollywood, im Jahre 1934, veröffentlichte James M. Cain seinen millionenfach verkauften Geniestreich ‚The Postman Always Rings Twice‘ (auf Deutsch mit dem törichten Titel ‚Wenn der Postmann zweimal klingelt‘ verunstaltet), einen bahnbrechenden – für die Bühne adaptierten und mehrmals verfilmten – Noir-Roman, der dazu führte, dass der Autor in einem Atemzug mit Dashiell Hammett und Raymond Chandler genannt wurde. Das schlanke Werk erzählt die Geschichte einer unseligen Leidenschaft. Nick Papadakis, Besitzer einer Tankstelle und eines kleinen Restaurants in Kalifornien, heuert den jungen, abgebrannten Herumtreiber Frank Chambers als Hilfskraft an. Frank landet schon bald mit Nicks attraktiver Frau Cora im Bett, und Cora bittet Frank, Nick umzulegen. Frank erfüllt ihren Wunsch – und wird dann mangels Beweisen vor Gericht freigesprochen. Dem Liebesglück, versüsst durch eine hübsche Summe aus Nicks Lebensversicherung, scheint nun nichts mehr im Weg zu stehen – doch bald schon vergiften Misstrauen, Eifersucht und Geldgier die Beziehung des skrupellosen Paars, das Desaster ist nicht mehr fern. Ganz am Schluss schlägt Cain einen Purzelbaum…

Cains nachfolgende, von der Grossen Depression geprägte Romane – unter ihnen ‚Double Indemnity‘, ‚Serenade‘ und ‚Mildred Pierce‘, um nur die bekanntesten und erfolgreichsten zu nennen – sind nach einem ähnlichen Muster gestrickt. Sie kreisen um Habsucht, Betrug und Gewalt, um Dreiecksbeziehungen, Ehebruch, Inzest und Sex in allen Schattierungen, um verzweifelte Menschen, die in ihrer Not auf die schiefe Bahn geraten, und sind mehrheitlich aus der Perspektive des Verbrechers erzählt. Den Erfolg seines Erstlings konnte der Autor freilich nicht mehr ganz wiederholen.

Neben seinen siebzehn Krimis veröffentlichte Cain den historischen Roman ‚Mignon‘, ein Kinderbuch, zahlreiche Short Stories für verschiedene Magazine sowie – in jungen Jahren – etliche Theaterstücke, die indes nur wenig Zuspruch fanden. Seine Autobiografie konnte er nicht fertig stellen.

Im Jahr 2012 wurde ‚The Cocktail Waitress‘ in Charles Ardais Reihe ‚Hard Case Crime‘ erstmals aufgelegt – Cains Vermächtnis und eines seiner feinsten Werke, an dem der Autor in den letzten Jahren seines Lebens intensiv gearbeitet hatte, und dessen Ausgrabung und Rekonstruktion Ardai in einem spannenden Nachwort beschreibt. Ein Jahr später kam die deutschsprachige Version (‚Abserviert‘) in einer vorzüglichen Übersetzung heraus.

Joan Medford, jung, temperamentvoll und ungemein attraktiv, hat gerade ihren gewalttätigen Ehemann beerdigt – er ist im Suff mit hundert Sachen in eine Mauer gekracht. Schweren Herzens gibt sie ihren vierjährigen Sohn bei ihrer kinderlosen Schwägerin in Obhut, um finanziell über die Runden zu kommen, und diese setzt nun alles daran, der Mutter den Buben endgültig wegzunehmen. Ihrem Mann nicht lange nachtrauernd, ergattert Joan schon bald einen lukrativen Job als Kellnerin in einer Cocktailbar – und kommt damit in engen Kontakt mit lüsternen Männern, etwa dem stinkreichen, schwer herzkranken Witwer Earl White, der ihr hoffnungslos verfällt, und dem rotzfrechen und charismatischen, jedoch mittellosen Rumtreiber Tom Barclay, der ihre Hormone in Aufruhr bringt – die Grundlage für eine schnörkellos-raffinierte Dreiecksgeschichte Cain’scher Prägung ist gelegt. Am Schluss des gut 300 Seiten langen Romans bleibt indes die kapitale Frage unbeantwortet: Ist die Ich-Erzählerin Joan Medford ein unglückseliges Opfer der Umstände oder eine mordende femme fatale?

James Cain war viermal kinderlos verheiratet: Von 1920 bis 1927 mit seiner Jugendliebe Mary Rebecca Clough, einer Lehrerin, von 1927 bis 1942 mit der Finnin Elina Sjösted Tyszecka, deren zwei Kinder er adoptierte, von 1944 bis 1947 mit der ehemaligen Stummfilm-Schauspielerin Aileen Pringle und schliesslich von 1947 bis 1966, dem Jahr ihres Todes, mit der Opernsängerin Florence Macbeth Whitwell – dies war seine glücklichste Zeit als Ehemann. Er verbrachte die letzten dreissig Jahre seines Lebens in Hyattsville, Maryland, wo er 85-jährig starb. Fünf Jahre später brachte Roy Hoopes eine Biografie des Autors (‚The Biography of James M.Cain‘) zu Papier.

Bibliografie:

‚The Postman Always Rings Twice‘ – ‚Wenn der Postmann zweimal klingelt‘ (auch unter dem Titel ‚Die Rechnung ohne den Wirt‘, 1934), ‚Double Indemnity‘ – ‚Doppelte Abfindung‘ (auch unter dem Titel ‚Den Haien zum Frass‘, 1936), ‚Serenade‘ – ‚Serenade in Mexiko‘ (1937), ‚The Embezzler‘ (auch unter dem Titel ‚Money and the Woman‘ – ‚Das Geld und die Frauen‘ (auch unter dem Titel ‚Der Defraudant‘, 1940), ‚Mildred Pierce‘ – ‚Mildred Pierce‘ (auch unter dem Titel ‚Der Hass kann nicht schlafen‘, 1941), ‚Love’s Lovely Counterfeit‘ – ‚Die falsche Seite der Liebe‘ (auch unter dem Titel ‚Die andere Macht‘, 1942), ‚Past All Dishonour‘ – ‚Es begann am Sacramento‘ (1946), ‚Sinful Women‘ – ‚Das sündige Mädchen‘ (auch unter dem Titel ‚Engelsgesicht‘, 1947), ‚Butterfly‘ – ‚Blutiger Schmetterling‘ (1947), ‚The Moth‘ – ‚Der hellgrüne Falter‘ (1948), ‚Jealous Women‘ – ‚Mord in Reno‘ (1950), ‚The Root of His Evil‘ (auch unter dem Titel ‚Shameless‘, 1951), ‚Galatea‘ – ‚Im Dunkel jener Nacht‘ (1953), ‚The Magician’s Wife‘ – ‚Die Frau des Magiers‘ (auch unter dem Titel ‚Tödliche Begierde‘, 1965), ‚Rainbow’s Ende‘ – ‚Das Mädchen, das vom Himmel fiel‘ (1975), ‚The Institute‘ – ‚Zarte Hände hat der Tod‘ (1976), ‚The Cocktail Waitress‘ – ‚Abserviert‘ (2012).