(Kürzel für Leonard Cyril Deighton, 1929-2026)

Len Deighton kam in London als Sohn englisch-irischer Eltern zur Welt. Sein Vater arbeitete als Chauffeur und Mechaniker, seine Mutter als Köchin und Haushälterin einer Familie. Nach der Schulzeit an der Marylebone Grammar School in London wurde er bei der Royal Air Force als Fotograf ausgebildet. Von 1949 bis 1952 ging er an die St. Martin’s School of Art in London, anschliessend an das Royal College of Art, Abschluss 1955. Nach dem Studium arbeitete er als Kellner, in einer Konditorei, als Steward der British Overseas Airways Corporation, als Illustrator, Pressefotograf und Art Director.

Im Jahr 1960 heiratete Deighton die Illustratorin Shirley Thompson und liess sich mit ihr in Südfrankreich nieder, um an seinem ersten Roman ‚The IPCRESS File‘ zu arbeiten. In dieser Zeit schrieb er auch Kochrezepte für den Londoner ‚Observer‘, und 1965 veröffentlichte er sein erstes Kochbuch ‚Action Cockbook‘, das vor allem bei Junggesellen beliebt war. 1969 verliess er England und lebte unter anderem in Kalifornien, Österreich, Portugal, Frankreich und wiederum in Irland, wo er 1980 seine zweite Frau, die niederländischen Diplomatentochter Ysabele de Ranitz, heiratete und mit ihr zwei Söhne hatte. Er lebte nie längere Zeit in Deutschland, verbrachte aber viel Zeit im geteilten Berlin und war zeitlebens fasziniert von der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Von 1962 bis 1996 verfasste Deighton 27 Spionageromane. Der Durchbruch gelang ihm mit der sechsteiligen Serie um einen anonymen, der Arbeiterschicht entstammenden britischen Geheimagenten aus Burnley, der in den Verfilmungen den Namen Harry Palmer erhielt. Im zweiten Band ‚Fische reden nicht‘ wollen Harry Palmer und seine Freundin Charlie in einem malerischen portugiesischen Fischerdorf ein wenig ausspannen; doch dann wird eine Leiche nach der anderen an Land gespült, die Anschläge auf sein Leben häufen sich – Harry muss zum Rechten schauen. ‚Das Milliarden-Dollar-Gehirn‘, der vierte Teil der Harry Palmer-Serie, eine kunstvoll gebaute Geschichte mit fein gezeichneten Haupt- und Nebenfiguren, handelt von einer haarsträubenden neofaschistischen, von einem alten texanischen General angezettelten Verschwörung.

‚Berliner Spiel‘ (aka ‚Brahms Vier‘) und ‚Geködert‘ sind die herausragenden Titel der drei in den letzten Jahren des Kalten Krieges spielenden Trilogien um Bernard „Bernie“ Samson, Agent des britischen Auslandsgeheimdiensts MI6. Sein Vater Brian, auch er ein britischer Spion, war nach dem Zweiten Weltkrieg, den er undercover in Deutschland verbracht hatte, in Berlin stationiert, sodass Bernie an deutschen Schulen ausgebildet wurde und perfekt Deutsch spricht, jedoch ohne Hochschulabschluss geblieben ist. Den Kommunismus hasst er in gleichem Masse wie die arroganten Oxford-Absolventen. Er ist ein abgebrühter, desillusionierter Proletarier, der stets einen sarkastischen Spruch auf den Lippen hat. Weil er sich immer wieder mit seinen Vorgesetzten anlegt, ist er bei Beförderungen meist übergangen worden. Bernie ist mit der klugen, aus reichem Haus stammenden, ebenfalls beim MI6 arbeitenden Fiona verheiratet und hat mit ihr zwei Kinder, Sally und Billy. Die komplizierten familiären Verhältnisse spielen in allen Romanen eine wichtige Rolle – mehr soll hier nicht verraten werden.

‚Berliner Spiel‘, Teil eins der ersten Trilogie, spielt im Ostberlin der frühen 80er-Jahre. Bernie Samson wird beauftragt, dem äusserst wervollen, hinter dem Eisernen Vorhang unter dem Decknamen „Brahms Vier“ operierenden Informanten des britischen Geheimdiensts die Flucht in den Westen zu ermöglichen, bevor dieser durch den KGB aus dem Verkehr gezogen wird. Samson reist in die DDR, trifft sich mit alten Bekannten – und muss schon bald die bittere Pille schlucken, dass ein Maulwurf in der Zentrale des MI6 sitzt. Und dass der Maulwurf sich in seiner unmittelbaren Nähe aufhält…

In ‚Geködert‘, dem ersten Band der zweiten Trilogie, ist eine halbe Million Pfund Serling aus der Kasse des MI6 verschwunden. Bernie Samson soll sich der Sache annehmen. Er hat kaum mit mit den Ermittlungen begonnen, als ein wichtiger Informant ermordet wird. Dann mehren sich die Hinweise, dass seine Frau Fiona mit dem Verschwinden des Geldes etwas zu tun hat. Benutzt man Bernie bloss als Köder? Oder soll er selbst geködert werden?

Die drei Bernie Samson-Trilogien bilden eine in sich geschlossene Geschichte des Kalten Krieges und dessen seelenlosen Protagonisten mit ihren von Machtgier, Überlebenskampf und Paranoia getriebenen Ränkespielen. Eindrucksvoll bringen sie die Stärken des stilistisch brillanten Autors zur Geltung: Liebe zum Detail, kenntnisreiche Darstellung des in der Regel nicht besonders spannenden Alltags von Geheimdienstleuten, feine Ironie, grandiose Dialoge und Konstruktion verschlungener Plots um authentische, vorwiegend der englischen Unterschicht entstammende Figuren.

Deighton veröffentlichte zudem zehn Standalones (darunter mehrere im Zweiten Weltkrieg spielende Bücher) sowie etliche Kurzgeschichten, Reisebücher und Sachbücher über das Kochen und den Zweiten Weltkrieg.

Der äusserst medienscheue Autor, dessen letzte Story 2006 herauskam, verbrachte seinen Lebensabend in Portugal und auf der Kanalinsel Guernsey, wo er im Alter von 97 Jahren starb. Eine Fülle von Informationen über sein Leben und Werk findet sich in der von Rob Mallows betreuten Seite ‚The Deighton Dossier‘.

Bibliografie:

„Harry Palmer“-Serie: ‚The IPCRESS File‘ – ‚Ipcress – Streng geheim‘ (1962), ‚Horse Under Water‘ – ‚Fische reden nicht‘ (1963), ‚Funeral in Berlin‘ – ‚Finale in Berlin‘ (1964), ‚Billion-Dollar Brain‘ – ‚Das Milliarden-Dollar-Gehirn‘ (1966), ‚An Expensive Place to Die‘ – ‚Tod auf teurem Pflaster‘ (1967), ‚Spy Story‘ – ‚Eiskalt‘ (1974);

Bernard Samson-Serie: Erste Trilogie: ‚Berlin Game‘ – ‚Brahms Vier‘ (auch unter dem Titel ‚Berliner Spiel,1983), ‚Mexico Set‘ – ‚Mexiko Poker‘, ‚London Match‘ – ‚London Match‘ (1985); zweite Trilogie: ‚Spy Hook‘ – ‚Geködert‘ (1988), ‚Spy Line‘ – ‚Gedrillt‘ (1989), ‚Spy Sinker‘ – ‚Gelinkt‘ (1990); dritte Trilogie: ‚Faith‘ (1994), ‚Hope‘ (1995), ‚Charity‘ (1996);

Standalones: ‚Only When I Larf‘ – ‚Komm schon Baby, lach dich tot‘ (1967), ‚Bomber‘ – ‚Bomber‘ (1970), ‚Close-Up‘ – ‚Nahaufnahme‘ (1972), ‚Yesterday’s Spy‘ – ‚Nagelprobe‘ (1975), ‚SS-GB‘ – ‚SS-GB‘ (1978), ‚Twinkle, Twinkle, Little Spy‘ (auch unter dem Titel ‚Catch a Falling Spy‘) – ‚Sahara-Duell‘ (1976), ‚XPD‘ – ‚XPD – das Hitler-Protokoll‘ (1981), ‚Goodbye Mickey Mouse‘ – ‚Goodbye für einen Helden‘ (1982), ‚Winter‘ – ‚In Treu und Glauben‘ (1987), ‚MAMista‘ – ‚MaMista‘ (1991), ‚City of Gold‘ – ‚Kairo‘ (1992), ‚Violent Ward‘ (1993).