(Pseudonym für Mariko Hashioka, *1951; schreibt auch als Noemi Nobara)

Natsuo Kirino kam in der japanischen Stadt Kanazawa, Präfektur Ishikawa, als Tochter eines Architekten zur Welt und wuchs mit ihren zwei Brüdern in Tokio auf. Nach dem Jurastudium an der Elite-Universität Seikei in Musashino arbeitete sie im ‚Iwanami Hall Movie Theater‘ in Tokio, in der Marktforschung und als Zeitschriftenredakteurin, bevor sie zu schreiben begann. Zunächst Jugendbücher und Liebesromane, seit Anfang der 90er-Jahre hauptsächlich Kurzgeschichten und gesellschaftskritische Noir-Romane mit weiblichen Hauptpersonen. 1993 brachte sie die erste Privatdetektivin japanischer Zunge in die Kriminalliteratur: Murano Miro aus Tokio, eine unabhängige, lebenslustige Frau Anfang dreissig, die in vier Romanen und einem Geschichtenband zum Einsatz kommt (keine deutschen Übersetzungen). Die mehrfach prämierte, ihr Land als „Bubblonia“, als Reich der Seifenblasen, des grenzenlosen, zerstörerischen Materialismus bezeichnende Mutter einer 1981 geborenen Tochter lebt in einem ruhigen Tokioter Vorort und trägt aufgrund ihrer radikal-feministischen Haltung und ihrer subversiven Prosa den Spitznamen „Streitlustige Kirino“.

Kirinos berühmtester und erfolgreichster Krimi, ‚Die Umarmung des Todes‘, kam 2002 unter dem Titel ‚OUT‘ in die japanischen Kinos. Yayoi Yamamoto, Mutter von zwei kleinen Söhnen, leistet harte Nachtschichten am Fliessband einer Lunchpaketfabrik, damit die Familie über die Runden kommt. Eines Abends erwürgt sie im Affekt ihren treulosen, trunksüchtigen und gewalttätigen Ehemann Kenji, nachdem dieser beim Bakkarat die gesamten Ersparnisse verspielt hat. Masako, Kuniko und Yoshie, ihre Kolleginnen aus der Nachtschicht, alle verschuldet und in bescheidenen Verhältnissen gefangen, helfen ihr dabei, den kalten Körper zu zerstückeln und fachgerecht zu entsorgen. Die Polizei tappt im Dunkeln, doch ein kleiner Ganove aus der Kreditbranche kommt ihnen auf die Schlichte und zwingt sie dazu, die Beseitigung von Leichen professionell zu betreiben. Das Projekt lässt sich gut an, bis der Nachtclubbesitzer Satake, ein zerrissener Mann mit schlimmer Vergangenheit, ihnen die Hölle heiss macht – die Kameradschaft der Komplizinnen beginnt zu zerbröckeln. Die unterhaltsame, mit makabren und schwarzhumorigen Szenen durchsetzte Geschichte folgt den differenziert gezeichneten, abwechselnd zu Wort kommenden Frauen, die verzweifelt versuchen ihrem Elend ein Ende zu setzen.

‚Das Teufelskind‘ erzählt aus wechselnden Perspektiven die desolate Lebensgeschichte der monströsen Aiko Matsushima. Geboren als Tochter einer spurlos verschwundenen Prostituierten und eines unbekannten Vaters, verbringt sie ihre ersten Lebensjahre im Wandschrank eines Tokioter Bordells. Mit acht reisst sie von dort aus, worauf die Behörden sie in dem scheusslichen Waisenhaus „Sternenkinderhaus“ unterbringen. Vor zwanzig Jahren hat Aiko das Erwachsenenalter erreicht. Seither schlägt sie sich in ihrer kalten Umgebung als Fabrikarbeiterin, Hure, Kellnerin, Kindermädchen und Masseuse durch, stets auf der Suche nach ihrer Herkunft, nach ihrer Mutter, von der ihr nur ein Paar weisse Schuhe geblieben ist. Als sie eines Tages realisiert, dass der Tod anderer Menschen ihre Freiheit bedeutet, beginnt sie zu morden. Dies sind die Eckdaten des grausamen, an abstossenden Szenen reichen „Yellow-Trash“-Thrillers, in dem die Autorin die Schattenseiten des hoch technologisierten, vorwiegend auf Profit und Statussymbole ausgerichteten Wohlstandslandes an den Pranger stellt. Abgerundet wird der Roman durch ein lesenswertes, von Elke Kreil verfasstes Porträt der Autorin.

Bibliografie (nur auf Deutsch vorliegende Titel, Erscheinungsjahr des Originals):

‚Die Umarmung des Todes‘ (1997), ‚Grotesk‘ (2003), ‚Teufelskind‘ (2004).