(Pseudonym für Ronald Gutberlet, *1959; schreibt auch als Virginia Doyle)
Robert Brack, geboren als Ronald Gutberlet in der hessischen Stadt Fulda, studierte Soziologie, spielte Bassgitarre in verschiedenen Kombos und lebt seit 1981 als Feuilletonist, Essayist, Übersetzer aus dem Englischen (u.a. Robert B. Parker, Anthony J. Quinn, Matthew F. Jones und Jerry Oster), Krimi- und Restaurantkritiker und freier Schriftsteller in Hamburg. Wie er in einem Interview festhielt, verzichtet er weitgehend auf Recherchen, sondern denkt ein Jahr lang über ein Buch nach und schreibt es dann in drei Monaten. (Ausnahme: ‚Und das Meer gab seine Toten wieder‘, ein Roman über einen realen Kriminalfall, an dem er sechs Jahre lang gearbeitet hat.)
Ende der 80er-Jahre verfasste Brack die „Polnische Kriminaltrilogie“, die von 1983 bis 1989, in der wirren, von Korruption, organisierter Kriminalität, Schmuggel und Devisenjagd geprägten Zeit des grossen osteuropäischen Umbruchs, angesiedelt ist. Die Hauptrollen spielen – in wechselnder Besetzung – der coole Exil-Pole Jerzy „Joschi“ Pakula – einst in Bonn als Auslandkorrespondent für die polnische Nachrichtenagentur und als Doppelagent für den BND im Einsatz -, der jetzt in Hamburg einen kleinen Buchladen betreibt; der kluge, integre Warschauer Kriminalpolizist Major Kronstadt; und der polnische Anarchist Tadeusz Estreicher.
Parallel dazu startete Brack die spritzige, respektlose Tolonen-Trilogie. Tolonen („Wie der Jazzrockgitarrist aus Finnland“), ein abgeklärter freischaffenden Hamburger Journalist und undogmatischer Linker, und sein schwergewichtiger Kompagnon Kreissberg werden auf ihrer Jagd nach heissen Stories in Mordfälle, Komplotte sowie – im letzten Band ‚Psychofieber‘ – lokalpolitische, durch eine aufstrebende rechtspopulistischer Partei ausgelöste Ränkespiele verwickelt. Am Ende des Dreiteilers sitzt Tolonen im Gefängnis, und seine Agentur steht vor dem Abgrund.
1992 folgte ‚Das Mädchen mit der Taschenlampe‘, ein „Nouveau roman noir“, eine „Art Antikrimi“ (Brack konstruiert darin ein Rätsel, löst es aber nicht auf) , der in der Hamburger Werbeszene angesiedelt ist. Der kontrovers diskutierte Roman wurde 1993 mit dem „Marlowe“ der Raymond-Chandler-Gesellschaft ausgezeichnet.
Im Jahr 1994 schrieb sich Brack mit dem Geniestreich ‚Das Gangsterbüro‘ in die erste Reihe der deutschen Krimiautoren. Originelle Figuren, die man leicht ins Herz schliesst, lakonische Dialoge, freche Sprüche und gradlinige Handlungsführung sind die wichtigsten Ingredienzien des mit Sarkasmus und Humor nicht geizenden Thrillers, dem Brack vier Jahre danach den mit praktisch identischem Personal bevölkerten Halbwelt-Roman ‚Nachtkommando’ folgen liess.
‚Das Gangsterbüro‘ beginnt und endet im Berlin nach der Wende, wo der verdienstvolle russische Ex-Geheimagent Malakoff sich in einer Dachwohnung mit grosser Terrasse eingerichtet hat, doch er ist abgebrannt und lebensüberdrüssig. Da kommt er auf die Idee, ein Gangsterbüro aufzumachen, um aus den veränderten Ost-West-Verhältnissen in grossem Stil Kapital zu schlagen. Kumpels aus den alten Tagen und ein paar Nachwuchskräfte sollen für ihn die Laufarbeit erledigen. Der erste Job der Firma besteht darin, für den Rumänen Stancu ein wertvolles Bild, das nach Ausbruch der Nelkenrevolution in Lissabon entwendet wurde, gegen ein Honorar von 250’000 DM zu besorgen. Der zwanzigjährige schwarze Rumtreiber Bourjaily, den Malakoff vor einiger Zeit von der Strasse geholt hat, die junge Prostituierte Lis Lisenfeld, der ostdeutsche Söldner Anton Ruger und die französische Barbesitzerin Cathérine Sellier machen sich auf den Weg in die portugiesische Hauptstadt, dann weiter nach Paris, müssen jedoch bald erfahren, dass weitere – vor nichts zurückschreckende – Parteien hinter dem Gemälde her sind. Die blutige Endabrechnung findet in Berlin statt.
In ‚Lenina kämpft‘ erweckt Brack mit der jungen, schlagfertigen, in der alternativen Szene Hamburgs verwurzelten Lenina Rabe eine neue Heldin zum Leben. Ihr Vater, ein alter Revoluzzer und Privatdetektiv aus Hamburg, wird tot aus dem Hafenbecken gefischt. Die Polizei hakt den Tod als Unfall ab, nur Lenina glaubt an Mord. Sie übernimmt die väterliche Detektei, beginnt zu ermitteln und stösst auf betrügerische Geschäftspraktiken einer grossen Fleischhandelsfirma, die mit der aufstrebenden rechtsextremen Partei ‚Deutsche Partei für Ordnung‘ (gemeint ist die als Schill-Partei bezeichnete ‚Partei Rechtsstaatlicher Ordnung‘) in Verbindung steht.
‚Und das Meer gab seine Toten wieder‘ beruht auf Tatsachen, die der Autor in jahrelanger Arbeit mühsam recherchiert hat. Am 2. Juli 1931 verschwinden die Polizistinnen Dopfer und Fischer nach Auseinandersetzungen an ihrem Arbeitsplatz, der Ende der 20er in Hamburg gegründeten Dienststelle „Weibliche Kriminalpolizei“ WKP. Eine Woche später werden die Leichen der zwei Frauen auf der Nordseeinsel Pellworm gefunden. Eine Autopsie bleibt aus, der Abschiedsbrief wird unter Verschluss gehalten. Man beurteilt den Fall als Suizid aufgrund von unerträglichen Arbeitsbedingungen, löst die ganze Abteilung auf und ermittelt gegen die international renommierte WKP-Leiterin Josephine Erkens. Am 29. Februar 1932 schickt die International Policewomen’s Association I.P.A. die junge britische Polizistin Jennifer Stevensen nach Hamburg, damit sie Licht in die vom Polizeipräsidium unter den Teppich gekehrte Affäre bringt. Der Empfang in Hamburg ist kühl, die Polizeibeamtin Berta Winter wird ihr als „Wachhund“ an die Seite gestellt, und ein Treffen mit Erkens, die sich seit einem Tag im Hungerstreik befindet, kommt nicht zustande. Die explosive, von Misstrauen und Machtspielen geprägte politische Situation – die sozialistische Regierungspartei wird hart bedrängt von der NSDAP und der KPD – erschwert ihren Job zusätzlich. Einziger Lichtblick ist die mutige kommunistische Reporterin Klara Schindler von der ‚Hamburger Volkszeitung‘, die sie bei ihren Ermittlungen tatkräftig unterstützt. Nach einem nur knapp gescheiterten Anschlag auf ihr Leben bringt Stevenson schliesslich ein bis in höchste Politkreise reichendes Komplott an den Tag.
‚Die Toten von St. Pauli‘, Teil Eins der Alfred Weber-Trilogie, spielt im Hamburg des Spätherbsts 1920, als nach dem Ersten Weltkrieg und der damit verknüpften „Hamburger Revolution“ die Wirschaftskrise zu Hungeraufständen führte. Brack erzählt die düstere, stimmungsvolle Geschichte in der dritten Person aus der Perspektive von zwei sich abwechselnden Hauptpersonen: Kriminal-Oberwachmeister Alfred Weber, ein mutiger und rebellischer, mit seinen reaktionären Vorgesetzten zerstrittener Sozialdemokrat, der zurzeit einen scheusslichen Fall von Säuglingsmorden ermittelt. Und die neunzehnjährige Greta aus Magdeburg, die in eine Irrenanstalt kam, nachdem sie ihrer besten Freundin bei einer illegalen Entbindung geholfen hatte, wobei die Mutter im Gegensatz zum Baby den Eingriff nicht überlebte. Nach schlimmen Monaten gelingt Greta die Flucht. Sie begibt sich auf die Suche nach dem Kleinkind und landet schliesslich im zwielichtigen Milieu von St. Pauli. Als Weber im letzten Viertel des Buches mit der jungen – der Säuglingsmorde verdächtigten – Frau zusammentrifft, enthüllen sich ihm (nicht zuletzt dank seiner Kenntnisse der Psychoanalyse nach Dr. Freud, dessen Werke er während der endlosen Tage im Schützengraben eingehend studiert hat) die tragischen Hintergründe der Verbrechen.
‚Blizzard‘ – der Titel des harten, schnörkellosen Thrillers bezieht sich auf das verheerende Unwetter, das zum Jahreswechsel 1978/79 den Nordosten Deutschlands heimsuchte, aber auch auf das legendäre Diamanten-Collier „Blizzard“, dessen Besitzer, ein jüdischer Juwelier, von den Nazis ermordet wurde. Das jahrelang verschollene Schmuckstück soll jetzt in Hamburg versteigert werden. Der Gangsterbande um das Liebespaar Frieden und Gisela gelingt es, den „Blizzard“ aus dem Safe zu entwenden, doch der Schneesturm macht ihnen einen Strich durch die Rechnung – ihre Flucht endet in einem einsamen Wochenendhaus, dessen Stromversorgung durch die Naturgewalt unterbrochen ist. Zwischen den Komplizen entbrennt ein Kampf auf Biegen und Brechen um die unschätzbar wertvolle Beute, auf die, da es sich um Raubkunst handelt, auch eine Mossad-Agentin angesetzt ist. Die Schneemassen färben sich rot. „Roter Puder, rote Punkte, roter Flecken, ein roter See im Schnee.“ Ein apokalyptischer Showdown. Die Natur, die sich gegen den Menschen wendet. „Denn überall da, wo der Mensch sich einmischt, wird es schnell laut, brutal und zerstörerisch.“
Unter dem Pseudonym Virginia Doyle veröffentlichte der Autor die achtbändige Sherlock Holmes-Pastiche-Reihe um Jacques Pistoux, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Meisterkoch und Amateurdetektiv mit seinem Küchenjungen unter anderem auf dem Mittelmeer, in Wien, im Elsass und in Hamburg tätig ist. Sowie drei zwischen 1895 und 1945 auf St. Pauli spielende Krimis, die sogenannte St. Pauli-Trilogie – Mixturen aus Coming-of-Age-Geschichte, Sittengemälde und Police Procedural -, in der Heinrich Hansen nach sechs Jahren auf hoher See nach Hamburg zurückkommt, um sich dem Polizeikorps der berühmt-berüchtigten Davidwache am Spielbudenplatz anzuschliessen.
‚Die rote Katze‘ (Band 1 der St. Pauli-Trilogie) beginnt mit dem Mord an der rot gekleideten Revuetänzerin Olga und der fast gleichzeitigen Heimkehr von Heinrich Hansen in den Stadtteil, der um die Jahrhundertwende einen unerhörten Aufschwung erlebt hat – doch „am Morgen war St. Pauli eine blasse, übernächtigte Schönheit, deren Reize im grellen Licht abgeschmackt wirkten“. Hansen, Sohn eines gewalttätigen Alkoholikers, verliess das Viertel um die Reeperbahn im Jahr 1895, nachdem seine Eltern bei einem ungeklärt gebliebenen Brand ums Leben gekommen waren. Nicht nur St. Pauli, sondern auch seine alten Freunde aus der Bande „die Kaperfahrer“ haben sich seither verändert. Dies gilt vor allem für Jan, Besitzer des Lokals „Die rote Katze“, in dem Olga uns Leben kam, aber auch für Friedrich und Hansens grosse Jugendliebe Lola, die sich zusammen im Milieu rumtreiben. Die Mordermittlungen an der Seite seines väterlichen Partners Alfred Lehmann gestalten sich zunächst äusserst zäh, erst recht, als es den Anschein macht, dass letzterer ebenfalls in den Fall verwickelt ist. Die gerade eingeführte Daktyloskopie (Fingerabdrucklehre) führt Hansen schliesslich auf die richtige Spur.
Bibliografie:
Als Robert Brack:
Polnische Kriminaltrilogie: ‚Blauer Mohn‘ (1988), ‚Die Spur des Raben‘ (1988), ‚Die siebte Hölle‘ (1990);
Tolonen-Trilogie: ‚Rechnung mit einer Unbekannten‘ (1989), ‚Schwere Kaliber‘ (1991), ‚Psychofieber‘ (1993);
Einzelwerke: ‚Das Mädchen mit der Taschenlampe‘ (1992), ‚Das Gangsterbüro‘ (1994), ‚Nachtkommando‘ (1998), ‚Dammbruch‘ (2020), ‚Blizzard‘ (2021), ‚Die nackte Haut‘ (2026);
Lenina Rabe-Serie: ‚Lenina kämpft‘ (2003), ’Haie zu Fischstäbchen’ (2005), ’Schneewittchens Sarg’ (2007), ‚Die drei Leben des Feng Yun-Fat‘ (2015);
Klara Schindler-Serie: ‚Und das Meer gab seine Toten wieder‘ (2008), ‚Blutsonntag‘ (2010), ‚Unter dem Schatten des Todes‘ (2012), ‚Schwarzer Oktober‘ (2023);
Oberwachtmeister/Kommissar Alfred Weber‘-Trilogie: ‚Die Toten von St. Pauli‘ (2016), ‚Die Morde von St. Pauli‘ (2016), ‚Der Kommissar von St. Pauli‘ (2018).
Als Virginia Doyle:
Jacques Pistoux-Serie: ‚Die schwarze Nonne‘ (1999), ‚Das Blut des Sizilianers‘ (1999), ‚Kreuzfahrt ohne Wiederkehr‘ (1999), ‚Tod im Einspänner‘ (2000), ‚Das giftige Herz‘ (2000), ‚Die Burg der Geier‘ (2000), ‚Das Totenschiff von Altona‘ (2002), ‚Der Fluch der schönen Insel‘ (2008);
St. Pauli-Trilogie: ‚Die rote Katze‘ (2004), ’Der gestreifte Affe’ (2005), ’Die schwarze Schlange’ (2006).
Einzelwerk: ‚Die Ernte der Nicolosi‘ (2010).
Als Ronald Gutberlet:
’Das Fenster zum Fleet’ (2002), ’Der Schatz der Störtebeker’ (2002), ’Die Morde der Mary Stuart’ (2005).