(1926-2002; schrieb auch als James Munro und Patrick O. McGuire)

James Mitchell kam in der nordostenglischen Hafenstadt South Shields zur Welt. Nach einem Master-Abschluss an der Oxforder Saint Edmund Hall unterrichtete er fünfzehn Jahre an verschiedenen britischen Institutionen, unterbrochen durch Jobs als Bühnenschauspieler, Staatsdiener und in einer Schiffswerft. 1968 ging er nach London, um sich ganz dem Schreiben von Theaterstücken, TV-Drehbüchern (unter anderem für die BBC-Serien ‚When the Boat Comes In‘ und ‚Callan‘) sowie von Kriminalromanen und -geschichten zu widmen.

Seine ersten vier Krimis zeichnete Mitchell mit dem Pseudonym James Munro. Sie drehen sich um den Agenten John Craig – ein Mann mit exquisitem Lebenslauf und vielen Talenten. Aufgewachsen in einem scheusslichen Waisenhaus, beginnt er 1941 mit siebzehn seine fulminante Laufbahn als Marinesoldat. Er wird Offizier beim Special Boat Service mit Einsätzen in Nordafrika, Italien und Griechenland und gerät zweimal in Gefangenschaft, aus der er sich trickreich befreit. Nach dem Krieg arbeitet er in hoher Funktion bei einer Schiffgesellschaft, für die er Granaten und Maschinengewehre an arabische Truppen verschachert, getarnt als verheirateter Geschäftsmann, der seine Wucht und Härte hinter harmlosem Auftreten verbirgt. Er hat einen schwarzen Judogürtel, beherrscht die Karatekunst und Jiu-Jitsu, ist ein erstklassiger Schütze und spricht mehrere Sprachen. Zudem verfügt er über eine gehörige Portion Paranoia. Ideale Voraussetzungen für seine Stelle bei dem fetten, schäbig gekleideten Mister Loomis, Leiter des obskuren britischen Geheimdienstbüros „Departement K“, der ihm „nasse“ Aufträge erteilt. Aufträge, die anderen zu gefährlich sind. Oder zu dreckig. Der Routinier Grierson ist sein engster Mtarbeiter, bis er nach einem äusserst blutigen Einsatz einen psychischen Zusammenbruch erleidet.

Ein Kritiker bezeichnete die Craig-Romane als „wichtige Bindeglieder zwischen den romantischen Abenteuern eines James Bond und dem Realismus eines Len Deighton“. Munros Personal besteht – wie bei Ian Fleming – aus einem überlebensgrossen, unzerstörbaren Helden, dessen skrupellosem Chef, einem monströsen Bösewicht und einer unglaublich schönen Frau. Die Grundstimmung ist allerdings eine Spur dunkler, und die zugrunde liegenden Konflikte sind wohl etwas wirklichkeitsnäher als jene in Flemings Geschichten.

Craigs Gegner im ersten Band ‚Als nächster bis du dran‘ ist die OAS, vertreten durch ihren gefährlichsten Mann Colonel St. Briac, der mit seiner kleinen Gruppe fanatisch dafür kämpft, dass Algerien weiterhin zu Frankreich gehört. John Craig, seit seinen Waffenlieferungen an die Nordafrikaner auf St. Briacs schwarzer Liste, soll ihn aus dem Verkehr ziehen. Danach will der Spitzenagent seinen Job endgültig quittieren, um mit seiner grossen Liebe, der wunderbaren Tessa, den Rest seines Lebens an einem idyllischen Ort zu geniessen, doch daraus wird natürlich nichts.

Der Folgeband ‚Kühles Kobald – heisses Öl‘ führt Craig von einer griechischen Insel – dort leckt er seine Wunden und ersäuft seinen Weltschmerz im Schnaps, bis es Loomis gelingt, ihn für einen neuen Auftrag zu gewinnen – zum Karneval nach Venedig und zuletzt nach London. Es geht um eine riesige Menge Öl im Nahen Osten, das die Chinesen den Briten abknöpfen möchten. Das Zünglein an der Waage ist der hundert Millionen schwere griechische Reeder Aristides Naxos, den Craig um jeden Preis am Leben erhalten soll. Auf der Gegenseite stehen der abtrünnige englische Spion Dyton-Blease und der sadistische deutsche Killer Schiebel.

‚Stirb woanders, Johnny‘ dreht sich um den (durch den Autor modifizierten) sowjetisch-chinesischen Konflikt, der in den 60er-Jahren für Aufregung sorgte. Die Chinesen arbeiten fieberhaft an ihrem Raketenprogramm, und die Russen wissen, wo die Raketen stehen werden. Craig soll ihnen einen Gefallen tun – Unterstützung bei einem Banküberfall in Marokko -, damit der KGB den Westen mit entsprechenden Informationen versorgt. Doch dann tritt eine weitere Organisation auf den Plan: die Gruppe BK, bestehend aus reichen Fanatikern, denen die Russen ein Dorn im Auge sind, und die alles tun, was ihnen schadet. Als Craig dem teuflischen BK-Leiter in die Hände fällt, wird er von ihm mit Stromstössen durch den Penis gequält, bis er fast den Verstand verliert und erst nach langen Monaten intensiver Therapie wieder einigermassen einsatzfähig ist.

Im letzten (und besten) Band der Serie, ‚Eine Karte aus Kutsk‘, befasst sich Munro mit dem Kalten Krieg. Der renommierte jüdische Wissenschaftler Aaron Kaplan wurde auf aufgrund von „antirevolutionären Verhaltens“ in ein sibirisches Lager verbannt, doch ihm gelang die Flucht aus dieser Hölle. Seither ist er unauffindbar. Craig soll ihn finden und nach Israel schaffen. Die Spuren führen in die türkische Stadt Kutsk, wo Aaron offenbar als Schafhirt untergetaucht ist. Miriam Loman, eine junge, eng mit der Familie Kaplan liierte Frau, begleitet Craig dorthin. Doch auch russische und amerikanische Spione sind hinter dem Vermissten her, und Loomis scheint ein falsches Spiel mit seinem besten Mann zu treiben. Munro beendet die Geschichte mit einem eleganten Twist.

Die unter angestammtem Namen verfassten Krimis – vier Titel um den britischen Top-Spion David Callan, drei Titel um den anglo-italienischen Privatdetektiv Tommaso Ronald Hugget, die historische ‚When the Boat Comes In‘-Trilogie und zahlreiche Standalones – sind bisher nicht ins Deutsche übertragen worden.

Mitchell war zweimal verheiratet und hatte einen Sohn und eine Tochter. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er in Jesmond, Newcastle upon Tyne, wo er 76-jährig an Krebs verstarb.

Bibliografie:

Als James Mitchell:

Callan-Serie: ‚A Magnum for Schneider‘ (auch unter dem Titel ‚Red File for Callan‘, 1969), ‚Russian Roulette‘ (1973), ‚Death an Bright Water‘ (1974), ‚Smear Job‘ (1975), ‚Bonfire Night‘ (2002), ‚Callan Uncovered‘ (Stories, 2014), ‚Callan Uncovered: Volume 2‘ (Stories, 2015);

When the Boat Comes In-Trilogie: ‚When the Boat Comes in‘ (1976), ‚The Hungry Years‘ (1976), ‚Unwards and Onwards‘ (1977);

Ron Hoggett-Trilogie: ‚Sometimes You Could Die‘ (1985), ‚Dead Ernest‘ (1986), ‚Dying Day‘ (1988);

Standalones: ‚Here’s a Villain!‘ (auch unter dem Titel ‚The Lady Is Waiting‘, 1957), ‚A Way Back‘ (1959), ‚Steady, Boys, Steady‘ (1960), ‚Venus in Plastic‘ (auch unter dem Titel ‚Ilion Like a Mist‘ (1969), ‚The Winners‘ (1970), ‚Goodbye Darling‘ (1980), ‚The Evil Ones‘ (1982), ‚KGB Kill‘ (1987), ‚A Woman to Be Loved‘ 81990), ‚An Impossible Woman‘ (1992), ‚Leading Lady‘ (1993), ‚So Far from Home‘ (1995), ‚Indian Summer‘ (1996), ‚Dancing for Joy‘ (1997).

Als James Munro:

John Craig-Serie: ‚The Man Who Sold Death‘ – ‚Als nächster bist du dran‘ (1964), ‚Die Rich, Die Happy‘ – ‚Kühles Kobald – heisses Öl‘ (1965), ‚The Money That Money Can’t Buy‘ – ‚Stirb woanders, Johnny‘ (1967), ‚The Innocent Bystanders‘ – ‚Eine Katze aus Kutsk‘ (1969).

Als Patrick O. McGuire:

‚A Time for Murder‘ (1955), ‚Fiesta for Murder‘ (1962).