(*1952, schreibt auch als J.M. Smyth)

Seamus Smyth wurde im Belfaster Stadtteil Falls Road geboren, einem der Hauptschauplätze des nordirischen Bürgerkriegs. Mit fünfzehn zog es ihn nach London, wo er obdachlos auf der Strasse rumhing. Später hielt er sich als Pferdezüchter, Sattelmacher und Restaurator über Wasser, bis er zu schreiben begann und 1999 den Krimi ‚Quint‘ herausgab. Seinen zweiten Roman beendete er 2010 und gab dem Manuskript den Titel ‚Red Dock‘. Fünf Jahre danach veröffentlichte Frank Nowatzki das Buch in seinem Verlag pulp master (‚Spielarten der Rache‘), ein Jahr später erschien es auch im Original, diesmal betitelt mit ‚Blood for Blood‘ und gezeichnet mit J.M. Smyth. Smyths dritter Roman ‚The Mole’s Cage‘ hat bisher keinen Verleger gefunden.

‚Spielarten der Rache‘ beruht auf einem ungeheurerlichen Missbrauchsskandal, den die irische Fernsehserie ‚States of Fear‘ im Frühjahr 1999 dokumentiert hat: Ungezählte Kinder und Jugendliche beiderlei Geschlechts, Durchschnittsalter acht Jahre, wurden zwischen den 1930ern und den 1970ern in durch den Staat finanzierten und die Katholische Kirche geführten irischen Waisenhäusern, Arbeitsschulen und Besserungsanstalten seelisch, körperlich und sexuell missbraucht – und, sofern sie die Folter überlebten, zu monströsen Erwachsenen geformt. Smyths fiktive Hauptperson Robert „Red“ Dock und sein zu Tode geprügelter Zwillingsbruder Sean gehörten diesen gequälten Seelen an.

Mit achtzehn verlässt Red Rock den „irischen Gulag“. Er geht in die Unterwelt Dublins, baut sich mit kriminellen Mitteln ein kleines Imperium und leitet seine zynische Rachetour in die Wege. Zuerst entführt er den Säugling Lucille – das Töchterchen des Polizisten, der ihn damals aus dem Leben gerissen hat – und befördert es trickreich in eine Anstalt. Der Arzt, der ihn und seinen Bruder entbunden und danach im Stich gelassen hat, dient ihm dabei als Werkzeug. Und wird aus dem Weg geräumt, als sein Job erledigt ist. Viele Jahre später – Lucille ist inzwischen Anfang zwanzig – macht sich Dock daran, seinen raffinierten Plan endgültig in die Tat umzusetzen. Selbst das Auftauchen des Serienkillers Cornelius „Picasso“ Hockler – auch er ein Abfallprodukt der katholischen Kirche -, der junge Frauen filettiert und als „Modell“ für seine Gemälde verwendet, bringt ihn nicht aus der Ruhe, ja, es gelingt ihm sogar, ihn für seine Zwecke einzuspannen.

‚Spielarten der Rache‘, abwechslungsweise aus der Sicht der seelischen Krüppel Dock, Lucille und Picasso erzählt, ist ein erschütternder, stilistisch und kompositorisch brillianter, auf reisserisch-blutrünstige Szenen verzichtender Roman, in dem auch rührende Szenen ein wenig Platz erhalten.

Bibliografie:

‚Quint‘ (1999), ‚Red Dock‘ (2010; 2016 veröffentlicht unter dem Titel ‚Blood for Blood‘) – ‚Spielarten der Rache‘ (2015).