(*1946; schreibt auch als Hyde Harris)
Timothy „Tim“ Harris wurde in Los Angeles als jüngerer von zwei Söhnen einer Künstlerin geboren. Die Ehe seiner Eltern wurde früh geschieden. Er lebte daraufhin bei der Mutter und ihrem zweiten Mann, einem international tätigen Architekten, und wurde in Marokko, Italien, Holland, England, den USA und schliesslich bis 1963 in Portugal, an der St. Julien’s School, ausgebildet. Von 1963 bis 1965 besuchte er die noble Charterhouse School in Surrey.
Nach dem 1969 abgeschlossenen Anglistikstudium in Cambridge (im selben Jahr publizierte er seinen ersten Roman ‚Kronski/McSmash‘, eine Satire auf das Hippieleben) und einem Zwischenhalt im nordkalifornischen Big Sur kehrte er 1972 nach Los Angeles zurück, wo er weitere Texte schrieb – zuerst ein paar unveröffentlichte Romane, dann zwei durch Raymond Chandler beeinflusste Krimis – und anschliessend, nach der Heirat mit der Regisseurin Mary Bess Walker im Jahr 1980, höchst erfolgreich als Drehbuchautor und nebenbei als Haus-Anstreicher tätig war. Zwischendurch „novellisierte“ er Filme wie ‚Stellyard Blues‘, ‚American Gigolo‘ und ‚Heat Wave‘. Heute ist Harris in zweiter Ehe mit der Engländerin Fiona verheiratet. Er hat zwei Söhne, Nicholas und Blake, und pendelt zwischen London und Los Angeles.
Im Mittelpunkt seiner in den späten 70ern publizierten Krimis steht ein verwitweter, von seinen Kriegserlebnissen schwer traumatisierter Vietnamveteran mit einem Berkeley-Abschluss, der seit seiner Heimkehr aus Asien eine Karriere als Privatdetektiv verfolgt. Der gross gewachsene und abgebrannte Mann hat nicht genügend Schlaf, raucht unzählige Gauloises und trinkt zu viel Gin; und ist hart gesotten, desillusioniert, melancholisch und immer für eine sarkastische Bemerkung gut. Er heisst Thomas Kyd und betreibt im schäbigsten Teil Hollywoods eine Privatdetektei – Spezialgebiet: Hoffnungslose Fälle.
In ‚Kyd in feiner Gesellschaft‘ beauftragt der Möbel-Tycoon Joe Elevel Thomas Kyd, seine Tochter Charlotte aufzuspüren, die vor zwei Tagen, in der Nacht, als ihre Mutter Selbstmord beging, das Weite suchte. Der Abschiedsbrief der Mutter ist ebenso kurz wie ominös: „Charlotte weiss es. Bald werden es alle wissen. Es ist unsagbar.“ Die Spuren führen weit zurück in die Vergangenheit der Familie Elevel, und jeder, der etwas über den Fall weiss, kommt gewaltsam ums Leben.
Zu Beginn von ‚Kyd und die Dame in Weiss‘ wird Thomas Kyd Zeuge eines äusserst spektakulären, aber auch folgenschweren Zwischenfalls: Kurz vor Morgengrauen braust eine junge, betrunkene Frau mit einem splitternackten Mann auf der Kühlerhaube ihres roten Volkswagens aus einer Tiefgarage in die Strassen von Los Angeles – Kyd hilft ihr aus der Klemme. Die Frau, Laura Cassidy, ist gespalten zwischen ihren Rollen als genusssüchtige femme fatale und trauriges, hilfloses Mädchen, das von seiner Vergangenheit erdrückt wird. Der Detektiv verliebt sich in Laura, obwohl er weiss, dass diese Beziehung kein gutes Ende nehmen wird. Als kurz danach Lauras frisch gebackener Gatte, ein widerlicher Drehbuchautor, um die Ecke gebracht wird und gleichzeitig ein bedeutendes Filmskript abhandenkommt, gerät Kyd bös unter die Räder, bevor er die Lösung des dreckigen Falls ans Licht bringt.
Harris‘ feines Gespür für Charakterzeichnung, direkte Rede und zwischenmenschliche Beziehungen, seine schonungslosen Schilderungen der verdorbenen Metropole Los Angeles, die lakonisch-schwarzhumorige Erzählweise und natürlich die facettenreiche Hauptfigur machen ‚Kyd in feiner Gesellschaft‘ und erst recht ‚Kyd und die Dame in Weiss‘ (im Original mit dem chandleresken Titel ‚Goodnight and Goodbye‘, eine Hommage an Harris‘ grosses Vorbild) zu zwei herausragenden Privatdetektivromane der 70er-Jahre. Auf Deutsch sind sie 1986 in einem scheusslich gestalteten Doppelband bei Heyne erschienen.
2004, nach 25 Jahren Unterbruch, ist ein gealterter, vom Schnaps gezeichneter Thomas Kyd in ‚Unfaithful Servant‘ zu einem eindrucksvollen, leider kaum beachteten Comeback als immer noch im Süden Kaliforniens arbeitender Privatdetektiv gekommen – im Auftrag eines 14-jährigen Jungen geht er einer undurchsichtigen Familientragödie auf den Grund.
Bibliografie:
Thomas Kyd-Serie: ‚Kyd For Hire‘ – ‚Kyd in feiner Gesellschaft‘ (1977), ‚Goodnight and Goodbye‘ – ‚Kyd und die Dame in Weiss‘ (1979), ‚Unfaithful Servant‘ (2004).
Ungefähr zu der Zeit, da Timothy Harris seine Krimis in den späteren 1970ern schrieb, war ich Schüler der Mittelstufe, und mein Deutschlehrer teilte eine große Kiste voller Kriminalromane (aus seinem privaten Bücherregal) aus und brachte damit fast die gesamte Klasse zum Bücherlesen.
Auch bisher an Literatur völlig Desinteressierte arbeiteten die psychologischen Handlungsmotive von Sex, Drugs & Crime ihrer Krimihelden in Schulaufsätzen aus, benannten den Unterschied zum klassischen Rätselkrimi, machten sich fit in Fragen der Sozialkritik und konnten sauber herausarbeiten, warum das Komasaufen des Privatdetektivs alleine noch keine Literatur ausmachen kann.
Auf diese Weise kultivierte ich zusammen mit anderen jugendlichen Krimifans meine Kenntnis der klassischen ‚hard boiled‘ Noir-Autoren, Hammet & Chandler sowie Woolrich, Ross MacDonald, Latimer und wie sie alle heißen. Aus dieser Sicht fand ich, als junger Erwachsener, das in den 1980ern einsetzende Dauer-Recycling des Noir – mit immer mehr Design, immer mehr als Werbeumfeld platzierten Konsumprodukten und immer weiter verschwindender Sozialkritik – ermüdend. Auch war mir die zweite (und wie ich finde, wichtigere) Hauptrichtung der Kriminalliteratur stets präsent: die auf Georges Simenon zurückgehende psychologische Richtung, die in der vielseitigen Kultur der Arbeiter (statt der Prekären und Marginalisierten) zuhause ist.
Lange Rede, kurzes Finale: Timothy Harris lohnt sich!
Seine Storys fußen auf den abgeschmacktesten Klischees: So das reiche Sex-Modell („die Dame in Weiß“), welches plötzlich schutzsuchend auf der Couch des Privatdetektivs liegt. Indessen entsprangen seine Schreibweise und sein Denken direkt der kulturellen Rebellion der 1970er Jahre – wie in der folgenden Leseprobe („in feiner Gesellschaft“, Kap. 18):
„Als ich nach Pasadena fuhr, waren die Straßen verstopft. … In allen vier Windrichtungen konnte man nichts sehen als diese gelbe Wolke, die sich wie in Teppich über die Hügel, das Flachland und die Gebäude der Stadt [Los Angeles] legte. Die Fahrer um mich herum blickten genauso verbraucht und teilnahmslos wie ein Patient, der an einer eisernen Lunge hängt. Jeder war in seiner eigenen, mühsam dahinkriechenden eisernen Burg isoliert. Die einzige Möglichkeit, zu einem menschlichen Kontakt zu kommen, war ein Autounfall.“