(1930-2006)

Dorothy Uhnak, geborene Goldstein, kam als Tochter eines deutschstämmigen Juden – eines Filmvorführers, der hin und wieder für die Polizei arbeitete – und einer irischen Katholikin in der New Yorker Bronx auf die Welt und wuchs auch dort auf. Sie besuchte das City College in New York und arbeitete danach von 1953 bis 1967 (zwei Jahre als Officer und zwölf Jahre als Detective) bei der New York City Transit Police, zuletzt in der Sonderabteilung des District Attorney. Anschliessend schloss sie ihr Kriminologie-Studium am John Jay College of Criminal Justice in New York ab. Drei Jahre vor ihrem Ausscheiden aus dem Polizeidienst gab sie ihr erstes, stark autobiografisch geprägtes Buch ‚Policewoman‘ heraus. 1968 debütierte sie als Krimiautorin.

Detective Christie Opara ist 26-jährig, verwitwet (ihr Mann Mike, ein NYPD-Cop, wurde vor fünf Jahren von jugendlichen Rauschgiftsüchtigen umgebracht) und Mutter eines kleinen Sohnes, für dessen Betreuung ihre Schwiegermutter zuständig ist. Als einziges weibliches Mitglied der 17-köpfigen Sonderabteilung des Staatsanwaltschaft Manhattan hat sie Tag für Tag um Anerkennung durch ihre Kollegen zu kämpfen. Sie steht im Mittelpunkt einer Ende der 60er-Jahre spielenden Trilogie, die aufgrund der geschickten Handlungsführung, der intelligenten Behandlung von Themen  wie Rassenunruhen und organisierte Kriminalität, der plastischen Figurenzeichnung und der schnörkellos-realistischen Darstellung von Polizeiarbeit unter die bedeutendsten Beiträge zum Police-Procedural-Genre einzureihen ist.

Uhnaks nachfolgendes Einzelwerk ‚Gesetz und Ordnung‘ ist ein Meilenstein des amerikanischen Polizeiromans. Die Autorin zeichnet darin das Schicksal dreier Generationen der stolzen irisch-stämmigen Familie O’Malley in einer namenlos bleibenden amerikanischen Grossstadt. Die O’Malleys sind Polizisten. Der alte, rücksichtslos seine Macht ausübende Patriarch Sergeant Brian O’Malley, der im Dienst von einer Prostituierten getötet wird; sein aufbrausender Sohn Brian, der es bis ganz nach oben schafft, derweil seine Familie zerbricht; und sein Enkel Patrick, ein Vietnamveteran, der ein ehrlicher Cop werden will. Die Autorin schildert den schwierigen Alltag der Polizeibeamten in all seinen Facetten, gibt aber auch den in ständiger Angst um ihre Männer und Söhne lebenden Frauen eine Stimme.

‚Das Geständnis‘ aus dem Jahr 1977 sieht Dorothy Uhnak auf der Höhe ihrer Kunst. Als Ich-Erzähler fungiert der kurz vor der Pensionierung stehende New Yorker Detective Joe Peters von der staatsanwaltschaftlichen Untersuchungskommission in Queens, ein verheirateter (derzeit nicht mit seiner Frau zusammenlebender) Vater zweier erwachsener Kinder, der über einen stark ausgeprägten Gerechtigkeitssinn verfügt. Die düstere, vielschichtige Erzählung befasst sich mit einem Aufsehen erregenden – locker auf reale Geschehnisse zurückgreifenden – Fall: Kitty Keeler, eine bildschöne, lebensfrohe Frau um die dreissig, und ihr etwas behäbig wirkender, über zwanzig Jahre älterer Mann und Beschützer, der Kneipier und Koreaveteran George, führen eine komplizierte Ehe und verbringen ihre Nächte oft getrennt. Als ihre beiden kleinen Söhne ermordet werden, gerät die Beziehung aus den Fugen – erst recht, als der Presse und der Polizei Kittys rosa Telefonbuch in die Hände fällt, in dem die Namen von mehr als hundert Männern stehen, viele von ihnen mit kriminellem Hintergrund. Für die meisten Beteiligten steht von Anfang an fest, dass Kitty die beiden Buben getötet hat – aus welchen Gründen auch immer. Joe Peters hingegen sieht hinter der Maske der eiskalten Frau eine verzweifelte Mutter und gequälte Seele – und läuft Gefahr, den Reizen einer möglichen Verbrecherin zu verfallen. Als jedoch George Keeler Selbstmord begeht und ein Geständnis hinterlässt, und kurz danach der Belastungszeuge Martucci, ein Mafioso, gewaltsam ums Leben kommt, werden die Karten neu gemischt. Uhnaks ungemein realistische und detaillierte Darstellung von Polizeiarbeit und ihr feines Gespür für Charaktere, Milieus und psychosoziale Wechselwirkungen bereichern den virtuos gebauten Roman.

Zwischen 1981 und 1997 publizierte Uhnak vier weitere Standalones, die jedoch nicht auf Deutsch vorliegen. Nach mehreren Unfällen gesundheitlich schwer angeschlagen, schied sie im Juli 2006 in Greenpoint, New York City, freiwillig aus dem Leben. Sie hinterliess ihre Tochter Tracy, ihre Schwester Mildred und ihren Mann Anthony, mit dem sie die meiste Zeit in Shelter Island, New York State, verbracht hatte.

Bibliografie:

 Christie Opara-Trilogie: ‚The Bait‘ – ‚Mädchenmord mit Voranmeldung‘ (1968), ‚The Witness‘ – ‚Die hartnäckige Zeugin‘ (1969), ‚The Ledger‘ – ‚Was zu beweisen war…‘ (1970);

 Einzelwerke: ‚Law and Order‘ – ‚Gesetz und Ordnung‘ (auch unter dem Titel ‚Denn sie fürchten sich nicht‘, 1973), ‚The Investigation‘ – ‚Das Geständnis‘ (auch unter dem Titel ‚Ein abgekartetes Spiel‘, 1977), ‚False Witness‘ (1981), ‚Victims‘ (1985), ‚The Ryer Avenue Story‘ (1993), ‚Codes of Betrayal‘ (1997).