(*1969)
Geboren als einziges Kind eines Sizilianers und einer Schweizerin, die beide in der Hotellerie tätig waren, wuchs Joseph Incardona in Lausanne, Genf, Frankreich und Italien auf. Nach dem Studium der Politikwissenschaften und längeren Aufenthalten in Paris und Bordeaux lebt er seit 2008 mit seinem kleinen Sohn in Genf und widmet sich ganz dem Schreiben von Romanen, Erzählungen, Drehbüchern, Theaterstücken und Comics. Neben bisher acht Kriminalromanen verfasste er die Trilogie über sein alter Ego André Pastrella, die sich mit der Geschichte der 1960er Secondo-Generation in der Schweiz auseinandersetzt.
‚One-Way-Ticket ins Paradies‘ ist die Geschichte der Genfer Familie Jensen – Paul der erfolgreiche Bankier, seine Frau Iris, die durch eine Fehlgeburt vor einem Jahr aus der Bahn geworfen wurde, die 14-jährige Tochter Lou im Sturm der Hormone und der verschlossene 9-jährige Sohn Stanislas -, die im Urlaub auf einer Karibikinsel zur Ruhe kommen möchte. Nach einigen Schwierigkeiten bei der Ankunft erreicht sie das traumhafte ‚Nomad Island Resort‘ – doch schnell zeigt sich, dass hier nicht alles mit rechten Dingen zugeht: Die Gäste, die sich als „Bewohner“ bezeichnen, sind alle gleich gekleidet; Männer, Frauen und Kinder werden für die sportlichen Aktivitäten streng getrennt; das Paradies wird durch einen Stacheldraht von der Umgebung abgegrenzt und mit Drohnen überwacht; furchterregende Rituale finden jede Nacht in der Anlage statt. Und dann bricht der Horror in das Leben der Familie Jensen ein. Raffiniert entwickelt der Autor seinen Noir – eine stimmige Mischung aus Psychothriller, Familienporträt und Horrorgeschichte mit satirischen Elementen und einer saftigen Überraschung auf der letzten Seite.
‘Asphaltdschungel’ erzählt von Menschen, die in einer kalten, kaputten Welt dem Verderben geweiht sind. Das prägnant skizzierte Personal, die immer wiederkehrenden Stakkato-Passagen und explizit-trostlosen Sexszenen – Verlorenheit, Trieb, Ventil, Mechanik, Säfte, aber keinesfalls Liebe – und die berührenden inneren Monologe machen den nachtschwarzen Roman zu einem besonderen Leseerlebnis. Die Geschichte spielt sich fast ausschliesslich in der anonymen Welt der französischen Autobahnraststätten ab. Sie handelt von drei Mädchen, acht, zehn und zwölf, die innerhalb eines Jahres entführt worden und seither verschwunden sind. Von Eltern, die darob den Verstand verloren haben, einem Vater, der nur noch Rache im Sinn hat, von Polizisten, die an ihrer Aufgabe zerbrechen – und von einem gefühllosen, tauben Killer, der in einer Raststätte als Koch arbeitet.
Anna, Ende dreissig, verwitwete, alleinerziehende Mutter des sanftmütigen dreizehnjährigen Léo, steht vor einem Scherbenhaufen. Ihr Grill-Kastenwagen wurde beim Zusammenprall mit einem Wildschwein zerstört, die Versicherung zahlt nicht, sodass sie ihren Brotberuf als Brathähnchen-Verkäuferin aufgeben muss. Dann wird Léo erwischt, als er in der Schule Annas für den Eigenkonsum angebauten Hanf verkauft, um ihre finanzielle Not zu lindern. Der Schuldenberg ist bereits bedenklich angewachsen, als Léo einen Ausweg findet: Seine Mutter soll an einem werbewirksam aufgezogenen und live übertragenen Fernsehspiel teilnehmen, bei dem als Preis ein Renault Alaskan im Wert von 50’000 Euro winkt. Zwanzig ausgewählte Personen nehmen teil. Sie müssen das Auto anfassen und nicht mehr loslassen, wer am längsten durchhält, gewinnt den Pick-up – „was ich berühre, gehört mir“. ‚Das Game‘ erzählt eine herzzerreissende Geschichte über das Heranwachsen ohne Vater und die kompromisslose Liebe zwischen Mutter und Sohn.
Bibliografie:
‘Remington’ (2008), ‘Lonely Betty’ (2010), ‘220 Volts’ (2011), ‘Trash Circus’ (2012), ‘Misty’ (2013), ‘Aller simple pour Nomad Island’ – ‚One -Way-Ticket ins Paradies (2014), ‘Derrière les panneaux il y a des hommes’ – ‚Asphaltdschungel‘ (2015), ‚Les corps solides‘ – ‚Das Game‘ (2022).
