(1945-2000)

Jean-Claude Izzo wurde als Sohn eines süditalienischen Barmanns und einer halb-spanischen Schneiderin in Marseille geboren und blieb ohne Hochschulabschluss. Seinen Militärdienst leistete er in Toulon, bis er aufgrund eines Hungerstreiks, bei dem er 15 Kilo abnahm, nach Dschibuti strafversetzt wurde. 1966 kehrte er in seine Heimatstadt zurück. Er arbeitete in einer Buchhandlung und wurde Mitglied der PSU (Parti Socialiste Unifié). 1969 heiratete er die politisch gleichgesinnte Marie Hélène Bastianelli. Ein Jahr später liess er sich mit ihr in der südfranzösischen Ortschaft Saint Mitre les Remparts nieder, wo er als Bibliothekar arbeitete, seinen ersten Gedichtband veröffentlichte und für das linke Blatt ‚La Marseillaise‘ Artikel schrieb. 1972 kam sein Sohn Sébastien zur Welt.

Im Jahr 1980, zwei Jahre nach dem Austritt aus der Partei und der Trennung von seiner Frau, wechselte Izzo zur Zeitung ’La Vie Mutualiste’. 1987 ging er nach Paris, um als Chefredakteur des Magazins ’Viva’ zu arbeiten, demissionierte jedoch noch im selben Jahr wegen politischen Differenzen. Daraufhin intensivierte er seine schriftstellerischen Aktivitäten. Er verfasste Kurzgeschichten, Essays, Liedtexte, Drehbücher und Romane, unter ihnen drei Krimis in der Tradition des Néo-Polar. Es folgten längere Aufenthalte in dem bretonischen Ferienort Saint Malo und dem Provence-Städtchen Ceyreste. Frisch verheiratet mit der Fotografin Catherine Bouretz, kehrte er im Herbst 1999 nach Marseille zurück, wo er im Januar 2000 an einer Krebserkrankung starb. Kurz vor seinem Tod konnte er noch das aufwühlende Kleinod ‚Die Sonne der Sterbenden‘ beenden, die Lebensgeschichte des Pariser Clochards Rico, der nach dem Kältetod seines besten Freundes in den warmen Süden flüchtet, nach Marseille, wo er vor langer Zeit seine besten Jahre verbracht hatte.

Izzos Kriminaltrilogie, eine leidenschaftliche Schilderung der durch Gewalt, Fremdenhass, organisierte Kriminalität, Arbeitslosigkeit und Bausünden verseuchten Hafenstadt Marseille, erzählt anhand von Rückblenden und Erinnerungsfetzen die Lebensgeschichte des einer neapolitanischen Familie entstammenden Polizisten (erstes Buch) bzw. ehemaligen Polizisten (zweites und drittes Buch) Fabio Montale, eines zerrissenen Einzelgängers mit einer Vorliebe für die regionale Küche, alkoholische Getränke (Lagavulin!), schöne Frauen und die internationale Jazzmusik. Als 18-Jähriger verübte er mit seinen Jugendfreunden Manu und Ugo ein paar Überfälle, doch dabei ging etwas schrecklich schief. Um Busse zu tun, verpflichtete er sich daraufhin bei der Kolonialarmee und verbrachte fünf scheussliche Jahre in Dschibuti. Danach ging er in seine Geburtsstadt zurück und wurde Polizist.

Seit ihn seine grosse Liebe Lole für einen anderen Mann verlassen hat, lebt er allein in einer kleinen Wohnung in Les Goudes, einem Quartier im 8. Arrondissement mit kleinem Hafen und spektakulärem Blick auf die Calanques. Sein Fischerboot Trémolino ist seine Zuflucht, der Ort, an dem er wieder zu sich findet, ‚La Samaritaine‘ am alten Hafen sein bevorzugtes Lokal. Mit Marseille verbindet ihn eine Hassliebe – es ist die Stadt mit dem Gesicht zum Wasser, zum Orient, die er liebt, aber auch die Stadt mit dem Gesicht zur Einkaufsmeile Canabière, die er verabscheut.

Im Verlauf der Jahre wird Fabio Montale immer einsamer, trauriger, desillusionierter und zorniger bei seiner vergeblichen Suche nach Gerechtigkeit und Solidarität mit Aussenseitern, während die, die ihm nahe stehen, von einer korrupten und sadistischen Umgebung (Mafiosi, militante Rechtsextremisten, islamische Fundamentalisten, verkorkste Bullen) gemeuchelt werden. Und am Ende ist auch er tot. Ein Tod, der einem nahegeht. Als ob man einen Freund verloren hätte.

Abgerundet wird die wunderbare (chronologisch zu lesende) Trilogie durch Worterklärungen und eine Aufstellung von Fabios bevorzugten Musikstücken. ‚Total Khéops‘ etwa, ein Lied der Marseiller Rapper IAM, bedeutet „Knietief in der Scheisse stehen“, ‚Chourmo‘, ein Titel der Reggae/Rapp-Combo Massila Sound Systems, auch sie aus Marseille, meint „Ruderer der Galeerenschiffe“, und ‚Solea‘ ist ein trauriges Kleinod von Miles Davis.

Der erste Roman kam 2002 mit Richard Bohringer und Marie Trintignant in den Hauptrollen in die Kinos. In der 2001 für das französische Fernsehen unter dem Titel ‚Fabio Montale‘ verfilmten Trilogie spielte Alain Delon die Hauptrolle, was wegen der rechtspopulistischen Einstellung des Schauspielers für Empärung bei Izzos Hinterbliebenen sorgte.

Es lohnt sich, Izzos schön gestalteter, von seinem Sohn Sébastien betreuter Homepage „jeanclaude-izzo.com“ einen Besuch abzustatten.

Bibliografie:

Marseille-Trilogie: ‘Total Khéops’ – ‚Total Cheops‘ (1995), ‘Chourmo’ – ‚Chourmo‘ (1996), ‘Soléa‘ – ‚Solea‘ (1998).