(Ursprünglich Georgiana Ann Randolph Craig, 1908-1957; schrieb auch als Daphne Sanders und Michael Venning)

Georgiana Craig kam 1908 in Chicago auf die Welt. Ihre reisefreudigen Eltern Mary und Harry „Bosco“ Craig waren verhinderte Künstler, und Georgiana wuchs vorwiegend bei Boscos Halbschwester und deren Mann auf, bei Nan und Elton Rice, die sie 1921 adoptierten – daher der Name Georgiana Craig Rice (den Vornamen liess sie später weg). Das kinderlose Ehepaar Rice lebte damals in Fort Atkinson, Wisconsin, später auf einer Ranch in Okanagon County, Washington, und in San Diego, Kalifornien, und kümmerte sich liebevoll um Georgina. Früh schon weckte Elton Georgianas Interesse für Kriminalliteratur, indem er ihr Geschichten von Edgar Allan Poe vorlas.

Nach dem Abschluss der Orowille High School, Washington State, im Jahr 1924 studierte Georgina kurz am State Teacher’s College in San Diego. Anschliessend, von 1926 bis 1930, hielt sie sich in Chicago auf, schrieb Lyrik und Prosa, spielte Klavier und arbeitete als Journalistin. Ihrer 1927 mit dem 16 Jahre älteren britischen Journalisten Arthur Follows geschlossenen Ehe entsprangen zwei Töchter, Nancy und Iris. Nach der Scheidung 1931 lebte sie mit dem 20 Jahre älteren Journalisten Bertie Ferguson in Evanston bei Chicago und hatte mit ihm einen Sohn, David. Ihr Brot verdiente sie bei einer Radiostation.

1939, im Jahr, in dem ihr erster Krimi erschien, erlag Ferguson einem Herzanfall, wenig später heiratete Rice den Beat-Poeten Lawrence „Larry“ Lipton, einen gewalttätigen Säufer, mit dem sie 1942 ins kalifornische Santa Monica zog. Die Scheidung folgte 1947, die nächste Heirat 1948, diesmal mit dem elf Jahre jüngeren Drehbuchautor Henry „Hank“ DeMott, doch nach einem Jahr war Schluss. Während eines längeren Aufenthalts in einer psychiatrischen Klinik (Rice litt vermutlich an einer bipolaren Störung, trank Unmengen Alkohol und beging mehrere Suizidversuche) lernte sie den Mit-Patienten Paul Bishop kennen, einen äusserst labilen Möchtegernautor und Schläger, mit dem sie sich 1950 in Chihuahua, Mexiko, vermählte, die Ehe wurde aber bald wieder aufgelöst.

1952 zog Rice nach New York City, um ihrer schriftstellerischen Laufbahn neuen Schwung zu verleihen – ein hoffnungsloses Unterfangen, denn der Alkohol und ihre unseligen Männergeschichten hatten Geist und Körper bereits zerstört. Fünf Jahre später starb sie 49-jährig in ihrer Wohnung in Los Angeles. Sie hinterliess drei Kinder, um die sie sich – nach dem Vorbild ihrer eigenen Eltern – nie gross gekümmert hatte. Eine umfassende Biografie der Autorin samt Würdigung ihres Werks kann im Internet abgerufen werden (Jeffrey A. Marks: ‚Who Was That Lady? Craig Rice: The Queen of the Screwball Mysteries‘, 2011).

In den 40er- und 50er-Jahren galt Rice als Königin der Kriminalkomödie, als „The Queen of the Screwball Mystery“. Ihr Bekanntheitsgrad erreichte damals beinahe jenen von Agatha Christie, und sie war die erste Krimiautorin, deren Konterfei (am 28. Januar 1946) auf dem Cover des ‚Times Magazine‘ prangte. Rices gefälligste – mit raffinierten Plots, verblüffenden Wendungen und wilden Szenen aufwartende – Bücher kamen zwischen 1942 und 1944 heraus. Den grössten Zuspruch erhielt die Autorin für ihre elfteilige Serie um den kleinen und dicklichen, überaus trinkfreudigen, aber auch mutigen, das Gesetz auf seine Weise auslegenden Chicagoer Strafverteidiger bzw. Privatermittler John J. Malone, dessen Anzüge aussehen, als ob er damit seit sechs Wochen unter einer Brücke genächtigt hätte, und seinen jungen Trinkkumpanen und Sidecicks – der grosse, dünne, rothaarige Ex-Reporter und aktuelle Presseagent Jake Justus und die schöne, etwas überspannte, durch eine Erbschaft reich gewordene Helene Brand, die im dritten Roman heiraten. Mit von der Partie sind oft auch Captain Daniel von Flanagan von der Mordkommission Chicago, Malones leidgeprüfte Sekretärin Maggie und Malones gut ausgelasteter Barkeeper Joe the Angel.

Von Rices Trilogie um die quer durch die USA reisenden Fotografen Bingo Riggs und Handsome Kusak, die immer wieder in Verbrechen verwickelt werden, liegen der erste und dritte (von Ed McBain zu Ende geschriebene) Titel auf Deutsch vor. Eine weitere Serienfigur ist der unscheinbare Privatdetektiv Melville Fairr aus New York City, Antiheld eines vergleichsweise düsteren, unter dem Pseudonym Michael Venning publizierten Dreiteilers.

Als Rices bestes Buch gilt der Standalone ‚To Catch a Thief‘ (1943 unter dem Pseudonym Daphne Sanders herausgekommen), von dem es keine deutsche Übersetzung gibt. Darüber hinaus veröffentlichte die ungemein fleissige, ja besessene Autorin mehrere Erzählbände (etwa ‚The Name is Malone‘ sowie ‚People vs. Withers and Malone‘, den sie gemeinsam mit ihrem Kollegen Stuart Palmer schrieb), Texte zu wahren Verbrechen und Filmdrehbücher. Zudem hatte sie Ende der 40er-Jahre ein eigenes Radioprogramm (‚Murder and Mr. Malone‘) und betätigte sich auch noch als Ghostwriter für die berühmte Stripperin Gypsy Rose Lee, mit der sie befreundet war, und den Schauspieler George Sanders.

In jedem ihrer Romane kommen Waisen vor; oder Kinder, die von den Eltern im Stich gelassen wurden.

Bibliografie:

John J. Malone-Serie: ‚Eight Faces at Three‘ (auch unter den Titeln ‚Death at Three‘ und ‚Murder Stops the Clock‘) – ‚Drei Stunden nach Mitternacht‘ (1939), ‚The Corpse Steps Out‘ (1940), ‚The Wrong Murder‘ (1940), ‚The Right Murder‘ (1941), ‚Trial by Fury‘ – ‚Mord im Gerichtshof‘ (auch unter dem Titel ‚Mr. Malone greift ein‘, 1941), ‚The Big Midget Murders‘ (1942), ‚Having a Wonderful Crime‘ – ‚Die vertauschten Köpfe‘ (1943), ‚The Lucky Stiff‘ (1945), ‚The Fourth Postman‘ – ‚Der Tod kam mit den Briefen‘ (1948), ‚My Kingdom for a Hearse‘ – ‚Die schöne Delora‘ (1956), ‚Knock for a Loop‘ (auch unter dem Titel ‚The Double Frame‘) – ‚Die Schlinge um Malone‘ (1957), ‚But the Doctor Died‘ (1967);

Riggs & Kusak-Trilogie: ‚The Sunday Pigeon Murders‘ – ‚Ein Mann namens Tauber‘ (auch unter dem Titel ‚Die grosse Verwirrung‘, 1942), ‚The Thursday Turkey Murders‘ (1943), ‚The April Robin Murders‘ – ‚Der Fall April Robin‘ (auch unter dem Titel ‚Mord in der Traumfabrik‘, 1958, beendet von Ed McBain);

Einzelwerke: ‚Telefair‘ (auch unter dem Titel ‚Yesterday’s Murder‘ (1942), ‚Home Sweet Homicide‘ – ‚Mutti hasst die Polizei‘, 1944), ‚Innocent Bystander‘ – ‚Sarg mit schöner Aussicht‘ (auch unter dem Titel ‚Zeugen gesucht‘, 1949), ‚Mrs. Schultz is Dead‘ (1955).

Unter dem Pseudonym Michael Venning: Melville Fairr-Trilogie: ‚The Man Who Slept All Day‘ (1942), ‚Murder Through the Looking Glass‘ (1943), ‚Jethro Hammer‘ (1944).
Unter dem Pseudonym Daphne Sanders: ‚To Catch a Thief‘ (1943).