(1940-2025)
Barry „Baz“ Fantoni kam als Sohn einer jüdischen Musikerin französisch-niederländischer Abstammung und eines italienischen Künstlers in Epping, Essex, zur Welt und wuchs in South London auf. Er ging an die Highschool der Archbishop Temple Church of England in Preston, Lancashire, bis er an die Camberwell College of Arts in South-East London wechselte. Wegen ungebührlichen Verhaltens wurde er mit achtzehn von dieser Schule verwiesen. Während der darauffolgenden Reisen in Frankreich erkrankte er an Tuberkulose, was einen langen Aufenthalt in einem englischen Krankenhaus zur Folge hatte. Nach der Genesung setzte er seine Ausbildung an der Londoner Slade School of Fine Art in London fort – der Durchbruch als Künstler liess dann nicht lange auf sich warten.
In den folgenden Jahrzehnten bestritt er seinen Lebensunterhalt als Dozent am Croydon College of Art, als Kunstkritiker für ‚The Times‘ und, während fünfzig Jahren, als Redakteur und Cartoonist des britischen Satire-Magazins ‚Private Eye‘. Darüber hinaus schrieb er Skripts für das satirische BBC-Programm ‚That Was The Week That Was‘ und machte als Illustrator, Karikaturist, Jazzmusiker, Schauspieler und Bühnenautor von sich reden.
Baz Fantoni war in erster, 1972 geschlossener Ehe kinderlos mit Tessa Reidy verheiratet. Die Verbindung zerbrach, als er in den 90ern die Kunst- und Design-Journalistin Katie Dominy kennenlernte. Mit ihr übersiedelte er 2012 nach Calais und vier Jahre später nach Turin, wo er weiterhin künstlerisch tätig war, Gedichte und die Erinnerungen ‚A Whole Scene Going On: My Story of Private Eye, the Pop Revolution and Swinging Sixties London‘ herausgab – und 85-jährig in seinem Haus an einer Herzerkrankung starb. Er hinterliess seine Lebensgefährtin Katie.
Anfang der 80er-Jahre verfasste Fantoni die Ende der 40er-Jahre spielenden Philip-Marlowe-Parodien ‚Mike Dime‘ und ‚Stockman‘, deren deutsche Ausgaben (Übersetzung: Sepp Leeb) in der Reihe Blaue Krimis bei Heyne erschienen sind. Der alleinstehende D-Day-Veteran Mike Dime ist in Philadelphia als hard-boilded Gumshoe in einem Packard-Cabrio, Baujahr 1939, mit kaputtem Getriebe unterwegs, ausgerüstet mit einer 38er Detective Special, einer Luger und einer vollen Flasche Jim Beam. Er hat eine blühende Fantasie – und eine Schwäche für Frauen jeglichen Alters zwischen siebzehn und fünfundvierzig.
Der erste Band ‚In einer langen Regennacht‘ beginnt mit einem Anruf in einer regnerischen Winternacht. Die abgehalfterte Trinkerin Norma Summers tischt Mike folgende Geschichte auf: Vor einigen Tagen kam ihr Gatte Frank erst spät nach Hause, nachdem er offenbar eine fremde Aktentasche mitgenommen hatte, die vollgestopft mit Dollarnoten war. Er schärfte Norma ein, das Haus nicht zu verlassen und mit niemandem über das Geld zu reden. Dann verschwand er wieder, und sie hörte nichts mehr von ihm, bis er sich aus einem Hotel meldete und ihr befahl, auf der Stelle zu ihm zu kommen. Von Angst gepackt, hat sie stattdessen mit Mike den erstbesten Detektiv zu Hilfe geholt. Im Hotelzimmer angekommen, stolpert Mike über Frank Summers, der mit einem Messer in der Kehle tot am Boden liegt. Als er in Normas inzwischen durch Unbekannte verwüstete Wohnung zurückkehrt, wird er von zwei irren Typen brutal zusammengeschlagen. Was mit der ominösen Aktentasche geschehen ist, weiss niemand. Auf der Suche nach der Tasche begegnet Mike der verführerische Schönheit Elaine Damone. Als sich die beiden näherkommen, bittet sie ihn darum, ihren kleinen Bruder aus den Fängen einer Erpresserbande zu befreien. Damit hat der Detektiv jetzt zwei Aufträge, die, wie sich bald zeigt, fest miteinander verbunden sind.
Die Mike Dime-Krimis zeichnen sich aus durch verwickelte, actiongeladene Plots, falsche Fährten, verblüffende Twists – und nicht zuletzt durch Fantonis launige Darstellung seiner Figuren, etwa von Mikes bevorzugtem Barmann, dem früheren Schwergewichtsboxer Charlie: „Das waren zwei recht kompakte Zentner in einem fleckenlosen weissen T-Shirt, mit einer knielangen Schürze, stramm um die behäbige Mitte gebunden. Seine Ohren waren kleine, fleischige, rosafarbene Klümpchen, und seine lange Nase änderte drei- oder viermal die Richtung, bevor sie zu seiner permanent geschwollenen Oberlippe abfiel.
Dreissig Jahre später veröffentlichte Baz Fantoni zwei nicht ins Deutsche übersetzte Krimis um den 87-jährigen jüdischen Schnüffler Harry Lipkin aus dem fiktiven Ort Warmheart bei Miami. Spezialisiert auf Fälle, mit denen sich die Bullen lieber nicht abgeben, ist er vermutlich nicht der beste, aber zweifellos der älteste Privatdetektiv in Südflorida.
Bibliografie:
Mike Dime-Krimis: ‚Mike Dime‘ – ‚In einer langen Regennacht‘ (1980), ‚Stickman‘ – ‚Ein Schlag zuviel‘ (1982);
Harry Lipkin-Krimis: ‚Harry Lipkin, Private Eye‘ (2012), ‚The Last Tomorrow‘ (2016).
