Website-Icon Krimiautoren von Abel bis Zeltserman

Taylor, Andrew

(*1951; schreibt auch als Andrew Saville)

Andrew Taylor wurde als Sohn einer Physiotherapeutin und eines Lehrers/Politikers in der südostenglischen Stadt Stevenage, Hertfordshire, geboren und wuchs in East Anglia auf. Nach dem Studium in Cambridge und London arbeitete er unter anderem als Bibliothekar, Lehrer, Buchhalter und Schiffsbauer, bis er sich 1981 auf das Schreiben verlegte. Von seinen frühen Krimis (William Dougal-Serie, Blaines-Trilogie und Sergeant Jim Bergerac-Serie) und der historischen Reihe um James Marwood & Cat Lovett gibt es keine deutschen Übersetzungen. Taylor lebt mit seiner Frau, einer Buchhändlerin, im Forest of Dean an der englisch-walisischen Grenze und hat zwei erwachsene Kinder.

Den internationalen Durchbruch schaffte Andrew Taylor Ende der 90er-Jahre mit der Roth-Trilogie. Roth ist ein fiktives Dorf am westlichen Rand von London: „Die meisten Bewohner führten ihr eigentliches Leben anderswo. In Roth befriedigten sie lediglich ihre körperlichen Bedürfnisse, sahen fern und spielten am Sonntag Golf oder wuschen ihren Ford Cortina.“ Die Trilogie ist ein rückwärts erzähltes, sich über vier Jahrzehnte erstreckendes Epos. ’Die vier letzten Dinge’ spielt in den 90ern, ’Das Recht des Fremdlings’ in den 70ern und ’Eine Messe für die Toten’ in den 50ern. Der im Original mit ’Requiem for an Angel’ betitelte Zyklus befasst sich mit den alteingesessene Familien Appleyard und Byfield, deren Lebensläufe miteinander verwoben sind; er handelt von versteckten Leidenschaften, Missgunst, Eifersucht und Bigotterie, von „verbotenen Früchte“, Sex und Gewalt; von religiösen und gesellschaftlichen Fesseln und von weit zurückliegenden Geschehnissen, die tiefe Schatten auf die Gegenwart werfen. Eine eigentümliche, faszinierende Mischung aus Gesellschaftsroman, Psychothriller und Rätselkrimi, wobei sich die drei Bände als eigene, in sich abgeschlossene Geschichten in beliebiger Reihenfolge lesen lassen. Der mittlere Band, ‚Das Recht des Fremdlings‘, ragt heraus.

Die 1994 gestartete Lydmouth-Serie spielt in den 1950er- Jahren. Sie enthält acht Tüftelkrimis, die in der fiktiven Kleinstadt Lydmouth in der englischen Provinz, an der Grenze zu Wales, angesiedelt sind. Im Mittelpunkt stehen der (unglücklich mit Edith) verheiratete zweifache Familienvater Detective Inspector Richard Thornhill, ein gründlicher, sorgfältig arbeitender Ermittler, und die aus London zugezogene junge Reporterin Jill Francis: zwei gegensätzliche Figuren, die schon bald mehr als nur berufliche Interessen verbindet.

Anfang des dritten Bandes ‚Erste Krokusse‘ baumelt der Lehrer Mervyn Carrick mit herungergelassener Hose am so genannten Galgenbaum – eine alte Eiche, an der einst Schwerverbrecher hingerichtet und später Selbstmorde verübt worden sind. Unmöglich zu sagen, ob es Selbstmord, Mord oder ein Unfall gewesen war. Oder ob jemand Carrick tot gefunden und an diesen besser geeigneten Ort brachte. Aufsehen erregt in diesen Tagen auch die Ankunft des Filmstars Larry Gordon, der im Dorf einst tiefe Spuren hinterlassen hat. Gibt es einen Zusammenhang zwischen diesen zeitlich sich überschneidenden Ereignissen? ‚Erste Krokusse‘ überzeugt mit einem geschmeidigen Plot, eindrucksvoll charakterisierten Figuren und einem verblüffenden Twist auf den letzten Seiten.

Der vierte Band ‚Am dunklen Ende der Nacht‘ spielt vor dem Hintergrund des Koreakriegs und der Kommunisten-Hysterie während des Kalten Kriegs. In Lydmouth haben obdachlose Familien die Baracken des leerstehenden Militärstützpunktes Farnock illegal besetzt, um wenigstens ein Dach über dem Kopf zu haben. Der heruntergekommene Londoner Journalist Cameron Rowse, ein reaktionärer, arroganter Widerling, wittert eine heisse Story. Er fährt ins Dorf, schnüffelt herum – und wird wenige Stunden später erstochen aufgefunden. Gleichentags taucht auch der Abgeordnete Oliver Yateley in Lydmouth auf. Ein weiterer Erzählstrang dreht sich um das drei Jahre zurückliegende Verschwinden der Tochter einer wohlhabenden einheimischen Familie. Richard und Jill, zwischen denen es gerade heftig knistert. Thornhill und Frances gehen den womöglich ineinander verschlungenen Fällen auf den Grund.

Zu Taylors besten Romanen gehört das Einzelwerk ‚Im Zeichen des Raben‘. Es befasst sich mit den Familien Redburn, Salperton und Molland, deren Wege sich im Sommer 1964 schicksalsschwer kreuzen, und die 25 Jahre später noch einmal aufeinanderprallen. Der 40-jährige Schriftsteller Peter Redburn, der seinen Vater früh verloren hat, kehrt 25 Jahre später, nach dem Tod seiner Mutter, zur Regelung ihres Nachlasses ins Elternhaus zurück. Dies weckt verdrängte Erinnerungen an die Jugendzeit, als er mit seinem Busenfreund Richard, Sohn von Pfarrer Molland und Zwillingsbruder von Kate, eine durch Rituale und Schwüre geprägte Phantasiewelt erfand. Diese wurde durch Richards ungeklärt gebliebenen Tod jäh zerstört, und Peter will jetzt herausfinden, was damals wirklich geschah. Die hinterlassenen Dokumente seiner Mutter stellen ihn vor ein weiteres Rätsel: Offenbar ist der Affäre seines Vaters mit Mary Salperton ein Kind entsprungen, entweder Ginny oder James, die im Sommer 1964 zu seinem Freundeskreis gehörten und immer noch im Dorf leben. wobei James inzwischen Kate geheiratet hat. Feinfühlig, raffiniert und atmosphärisch dicht erzählt Andrew Taylor die tragische, um Eifersucht, Verrat und Betrug kreisende Geschichte.

Der glücklich mit Nicky verheiratete vierzigjährige Bauingenieur Jamie fungiert als Ich-Erzähler des psychologisch ausgefeilten, zwischen den Zeiten hin und her springenden Einzelwerks ‚Die Wahrheit, die wir den Toten schulden‘. Die Geschichte beginnt damit, dass Jamies wesentlich ältere Jugendliebe Lily, die im Sterben liegende Stiefmutter seines damals besten Freundes Carlo, sich erstmals wieder bei ihm meldet: Er sei der Vater ihrer vor 24 Jahren geborenen, derzeit schwangeren Tochter Kate, die in einen Mordfall verwickelt sei und dringend seiner Hilfe bedürfe. Ihre Forderung unterstreicht sie mit der Drohung, andernfalls ein finsteres Geheimnis aus seiner Vergangenheit zu enthüllen – ein Geheimnis, das seine Ehe und sein Berufsleben zerstören könnte. Jamie nimmt die Sache ernst, unternimmt Ausflüge in die Vergangenheit, verliert sich in quälenden Erinnerungen. Sein bizarres Verhalten führt dazu, dass Nicky ihn kurz entschlossen verlässt. Da steht auf einmal Carlo vor der Tür, ein stämmiger, wütender Mann in mittleren Jahren – ein „Fremder“. Dann brechen alle Dämme.

Bibliografie:

Dougal-Serie: ‚Caroline Minuscule‘ (1982), ‚Waiting for the Ende of the World‘ (1984), ‚Our Father’s Lies‘ (1985), ‚An Old School Tie‘ (1986), ‚Freelance Death‘ (1987), ‚Blood Relation‘ (1990), ‚The Sleeping Policeman‘ (1992), ‚Odd Man Out‘ 1993);

Blaines-Trilogie: ‚The Secret Midnight‘ (1987), ‚Blacklist‘ (1988), ‚Toyshop‘ (1990);

Roth-Trilogie: ‚The Four Last Things‘ – ‚Die vier letzten Dinge‘ (1997), ‚The Judgement of Strangers‘ – ‚Das Recht des Fremdlings‘ (1998), ‚The Office of the Dead‘ – ‚Eine Messe für die Toten‘ (2000);

Lydmouth-Serie: ‚An Air That Kills‘ – ‚Dunkle Verhältnisse‘ (1994), ‚The Moral Thickness‘ – ‚Finsterer Mächte Hand‘ (1995), ‚The Lover of the Grave‘ – ‚Erste Krokusse‘ (1997), ‚The Suffocating Night‘ – ‚Am dunklen Ende der Nacht‘ (1998), ‚Where Roses Fade‘ – ‚Verblühte Rosen‘ (2000), ‚Death’s Own Door‘ – ‚Die Pforten des Todes‘ (2001), ‚Call the Dying‘ – ’Wen die Toten rufen’ (2004), ‚Naked to the Hangman‘ – ‚Der Ruf des Henkers‘ (2006);

James Marwood & Cat Lovett-Serie: ‚The Ashes 0f London‘ (2016), ‚The Fire Court‘ (2018), ‚The King’s Evil‘ (2019), ‚The Last Protector‘ (2020), ‚The Royal Secret‘ (2021), ‚The Shadows of London‘ (2023);

‚Standalones: ‚The Private Nose‘ (1989), ‚Snapshot‘ (1989), ‚Double Exposure‘ (1990), ‚The Raven on the Water‘ – ‚Im Zeichen des Raben‘ (1991), ‚Negative Image‘ (1992), ‚The Barred Window‘ – ‚Das verriegelte Fenster‘ (1993), ‚The Invader‘ (1994), ‚The American Boy‘ (auch unter dem Titel ‚An Unpardonable Crime‘) – ’Der Schlaf der Toten’ (2003), ‚A Stain of the Silence‘ – ’Die Wahrheit, die wir den Toten schulden’ (2006), ‚Bleading Heart Square‘ – ‚Das tote Herz‘ (2008), ‚The Anatomy of Ghosts‘ (2010), ‚The Scent of Death‘ (2013), ‚The Silent Boy‘ (2014), ‚A Schooling in Murder‘ (2025.

Als Andrew Saville:

Sergeant Jim Bergerac-Serie: ‚Bergerac Is Back‘ (1985), ‚Crimes of the Season‘ (1985), ‚Bergerac and the Fatal Weakness‘ (1988), ‚Bergerac and the Jersey Rose‘ (1988), ‚Bergerac and the Traitor’s Child‘ 1889), ‚Bergeac and the Moving Fever‘ (1990).

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