(*1955)
Im Jahr 1995 erschien Richard Rayners autobiografisches Buch ‚The Blue Suit. A Memoir of Crime‘, in dem er seine Jugendzeit aufarbeitet. Geboren und aufgewachsen in Bradford, Yorkshire, als Sohn eines von ihm verherrlichten kriminellen Vaters und einer lasterhaften Mutter, geriet er als Teenager auf die schiefe Bahn – Checkfälschung, Ladendiebstähle und Einbrüche gehörten zu seinem Alltag, doch glückliche Umstände verhinderten ein endgültiges Abgleiten in die Kriminalität. Stattdessen studierte er Philosophie und Jura an der University of Cambridge mit einem Abschluss 1977. Danach war er journalistisch tätig, unter anderem als Redakteur der Magazine ‚Time Out‘ und ‚Granta‘.
Ende der 80er-Jahre übersiedelte Rayner mit seiner Frau, der Finnin Paivi Suvilehto, und den beiden Söhnen nach Los Angeles und begann zu schreiben. Sein Werk enthält Kurzgeschichten, die in renommierten Zeitschriften abgedruckt wurden, Kolumnen, Reportagen über Themen wie rassistische Polizeigewalt (Fall Rodney King) und Immigration, ein Porträt des Schauspielers Robert Redford, historische Sachbücher und Romane. Zuletzt war er an der Entwicklung der TV-Serien ‚Knightfall‘ über die Verfolgung und Hinrichtung der Tempelritter im 14. Jahrhundert (2017) und ‚Amazing Stories‘ (2020) beteiligt. Darüber hinaus unterrichtet er Theater, Film und Fernsehen an der University of California, Los Angeles.
Der Polizeiroman ‚Der Sinn der Rache‘ ist im Los Angeles der 90er-Jahre angesiedelt. Im Mittelpunkt steht Detective Billy McGrath, Leiter der Mordkommission Southeast, eine faszinierende Figur mit vielen Facetten. Gebildet, lebensklug und hartgesotten, zählt er zu den besten Cops der Stadt, doch er hat auch eine grüblerische Seite und wird immer wieder von Scham- und Schuldgefühlen übermannt. Seine Ehe ist gescheitert, seine querschnittgelähmte Ex-Frau liebt er aber immer noch, und für seine elfjährige Tochter würde er durchs Feuer gehen. Zwei Fälle bereiten ihm schlaflose Nächte: Zum einen ist der zweifellos zurecht der Ermordung seiner Frau angeklagte Schauspieler Charlie Corcoran soeben freigesprochen worden. Zum anderen ist die Mutter des gefürchteten Crack-Dealers Ricky Lee Richards einem ausserordentlich brutalen Sexualmord zum Opfer gefallen, und Ricky offeriert ihm 500’000 Dollar, falls er ihm den Täter liefert. In dieser verzwickten Lage hat Billy einen Geistesblitz: Er konstruiert eine Story, die Ricky weismacht, dass Charlie die Tat begangen hat, worauf Ricky ihm das Licht ausbläst – verspätete Gerechtigkeit. Er selber streicht die Kohle ein – und übergibt sie seiner Ex-Frau, um ihr und seiner Tochter etwas Gutes zu tun. So lautet der Plan. Doch hält sich Ricky ans Drehbuch? Harte Actionszenen im Wechsel mit besinnlichen, von tiefgründigen inneren Monologen des Protagonisten durchdrungenen Passagen, sprachliche Ausdruckskraft, messerscharfe Dialoge und atmosphärische Dichte – mit seinem dritten Roman ist Richard Rayner ein grosser Wurf gelungen.
Senator Joe McCarthy treibt sein Unwesen, Mao ist in China an die Macht gekommen, die Russen zünden ihre ersten Atombomben, die Nordkoreaner sind in Südkorea eingefallen, und Präsident Harry Truman hat in Nevada, hundert Kilometer nördlich von Las Vegas, zur Abschreckung ein Atomwaffentestgelände eingerichtet. In dieser kritischen Zeit spielt ‚Das dunkle Herz der Wüste‘ – ein grandioser Noir mit komplexen Charakteren und eindrucksvoller Darstellung der boomenden Glücksspiel-Metropole Las Vegas. Im Brennpunkt des Geschehens befinden sich der eitle, geld- und machtgierige, mit der Mafia verbandelte kalifornische Stararchitekt Maurice Valentine und eine schöne, junge Frau, die sich Mallory Walker nennt, eigentlich aber Beth Dyer heisst. Zwei ambivalente Figuren, die 1956 in Las Vegas aufeinanderprallen. Die Wurzeln dieses Treffens liegen in der fünf Jahre zurückliegenden Ermordung des magischen schwarzen (Wardell Gray nachgezeichneten) Saxophonisten Wardell Wade durch den Clan des allmächtigen Mobsters Paul Mantilini. Beth Dyer, die Wardell über alles liebte und damals von ihm schwanger war, sieht jetzt endlich einen Weg, sich an denen zu rächen, die vor fünf Jahren ihr Leben zerstört haben – mit Maurice Valentine als Mittel zum Zweck. Wichtige Rollen in Rayners um politische Intrigen, falsche Identitäten, Leidenschaft und Verrat kreisendem Roman spielen auch Mantilinis hinterfotziger Sohn Nick, Valentines kühle Gattin, ihr Vater Senator Joe Nelson, Valentines alter Geschäftspartner Luis Barragan – und die Jazzmusik der 40er- und 50er-Jahre.
Bibliografie (nur Kriminalromane):
‚Murder Book‘ – ‚Der Sinn der Rache‘ (1998), ‚The Devil’s Wind‘ – ‚Das dunkle Herz der Wüste‘ (2005).
