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Morchio, Bruno

(1954)

Geboren in Genua als Sohn einer Schneiderin und eines Gewerkschafters, aufgewachsen in Brescia, studierte Bruno Morchio italienische Literatur und Psychologie an der Universita di Genova, Abschluss 1984. Ab 1988 arbeitete er als Familientherapeut in einer öffentlichen Institution. 2018 trat er in den Ruhestand, um sich ganz aufs Schreiben zu konzentrieren – mit Raymond Chandler, Manuel Vasquez Montalban und Jean-Claude Izzo als wichtigste Einflüsse. Morchio ist verheiratet und hat zwei Söhne.

Im Jahr 2004 brachte Morchio den einfachen Verhältnissen entstammenden Privatdetektiv Giovanni Battista „Bacci“ Pagano als Protagonist einer bisher fünfzehnteiligen Serie in die Kriminalliteratur, vier frühe Bände liegen auch auf Deutsch vor. Pagano, ein starrköpfiger, nostalgischer und schlagkräftiger Einzelgänger um die fünfzig, passionierter Pfeifenraucher und starker Trinker, ist geschieden, hat eine Tochter namens Aglaja, die er seit zehn Jahren nicht mehr gesehen hat, und braust mit einer uralten Vespa durch sein Revier, die kleinen Gassen der Altstadt von Genua, deren spezielles Ambiente Morchio auf jeder Seite zum Funkeln bringt. Er ist ein Skeptiker mit 68er-Vergangenheit und einer Vorliebe für Mozarts Kammermusik, gehobene Literatur, schöne Frauen und gutes Essen, das er am liebsten selbst zubereitet. Verdächtigt der terroristischen Aktivität, sass er als junger Mann fünf Jahre unschuldig in einem Hochsicherheitsgefängnis. Der kolossale Kommissar Toto Pertusiello, ein bekennender Linker, ist sein bester Freund. Für Bacci Pagano ist Italien ein Land, in dem Bilanzfälschung legal und Fremdenfeindlichkeit begünstigt ist und unbequeme Journalisten aus dem staatlichen Fernsehen rausgemobbt werden. Ein Land, in dem der aufblühende Neofaschismus und die organisierte Kriminalität eine zerstörerische Verbindung eingegangen sind.

‚Kalter Wind in Genua‘ spielt in der Vorweihnachtszeit 2002, im Jahr nach dem katastrophalen G8-Gipfel in Genua. Gleich zwei – sich teilweise überschneidende – Jobs werden Bacci Pagano zugetragen. Aus dem Studio seines Kumpels Lagrange, der einen linken Radiosender betreibt, wurde eine Präzisionswaffe entwendet, die offenbar für ein Attentat auf den italienischen (Berlusconi nachgezeichneten) Ministerpräsidenten eingesetzt werden soll. Der zweite Auftrag kommt von der Direktorin der mächtigen, alteingesessenen Reederfamilie Pellegrini, deren Sprössling demnächst eine unstandesgemässe Ehe eingehen wird – die hartgesottene Dame befürchtet nun, dass diese Verbindung ihren Geschäften unermesslichen Schaden zufügen könnte. Leider packt der Autor dann allzu viele Themen – von Industriespionage und Geldwäsche über illegale Einwanderung und Zwangsprostitution bis zu Terrorismus – in seinen gut gemeinten Romanerstling.

Im zweiten Band ‚Wölfe in Genua‘ wird Bacci Pagani von einer Versicherungsgesellschaft beauftragt, dem gewaltsamen Tod des 68-jährigen Mino Terenzi – stinkreicher Kredithai von zweifelhaftem Ruf – auf den Grund zu gehen. Dieser hat vor vier Jahren die junge panamaische Schönheit Julia geheiratet und danach eine Lebensversicherung über eine Million Euro abgeschlossen, sodass sie jetzt ganz oben auf der Verdächtigenliste steht. Doch Bacci stösst auf eine andere Spur, in der eine zwei Jahre zurückliegende Erpressung, Terenzis aus dem Nichts auftauchende Tochter Anna und ein abgerichteter Karpatenwolf entscheidende Rollen spielen. Exkurse über die ligurische Küche, Paganis Trinkgewohnheiten, meteorologische Phänomene und alte genuesische Sprichworte lockern die Erzählung auf.

‚Der Tod verhandelt nicht‘ ist auf Sardinien angesiedelt. Dort geschah im Sommer 1994 ein spektakulärer Raubüberfall auf einen Geldtransporter. Beute zehn Milliarden Lire, ein verletzter Sicherheitsmann und ein verletzter Verbrecher, Gabriele Sanna, der zu zwanzig Jahren Knast verurteilt wurde – und die Namen seiner geflohenen Komplizen nie preisgab. Sprung ins Jahr 2006: Bacci Pagano soll in Sardinien Sannas drogensüchtigen Sohn aufspüren, der dort offenbar den Anteil seines Vaters eintreiben will. Ein prima vista höchst erfreulicher Auftrag, denn auf der Insel trifft er seinen alten Freund Virgilio Loi, der ihm seinerzeit als Gefängnisaufseher das Leben gerettet hat. Zudem sieht Bacci seine inzwischen volljährige Tochter endlich wieder, die ohne Erlaubnis ihrer Mutter nach Sardinien gekommen ist. Diesen Begegnungen, aber auch eindrucksvollen Schilderungen der sardinischen Ostküste und der einheimischen Bevölkerung schenkt Morchio sehr viel Raum, während der Auflösung des Kriminalfalls vergleichsweise geringe Bedeutung zukommt.

Im sechsten Band ‚Bitteres Rot‘, springt Morchio zwischen den ersten Monaten des Jahres 1944 und der Gegenwart des Winters 2007/08 hin und her. Die Erzählung dreht sich um eine todesmutige neunzehnjährige Partisanin und ihre beiden durch verschiedene Väter, einen Wehrmachtsoffizier und einen italienischen Widerstandskämpfer, gezeugten Söhne. Der ältere von ihnen, der todkranke Kölner Professor Kurt Hessen, bittet Bacci Pagano um Hilfe: Gegen ein saftiges Honorar soll der Detektiv für ihn seinen Halbbruder, den er noch nie gesehen hat, und von dem er nicht einmal weiss, wie er heisst, aufspüren, damit er ihm sein Vermögen vererben kann. Obgleich Bacci seinem Klienten nicht so recht über den Weg traut, nimmt er den Auftrag an. Er redet mit den wenig kooperativen Veteranen des italienischen Freiheitskampfs – und enthüllt Schritt für Schritt eine erschütternde Geschichte um Freundschaft und Liebe, Rache und Verrat, die der Autor mit einer unerwarteten Pointe ausklingen lässt.

Bibliografie:

Bacci Pagano-Serie: ‚Bacci Pagano‘ – ‚Kalter Wind in Genua‘ (2004), ‚Maccaia‘ – ‚Wölfe in Genua‘ (2004), ‚La crêusa degli olivi‘ (2005), ‚Con la morte non si tratta‘ – ‚Der Tod verhandelt nicht‘ (2006), ‚Le cose che non ti ho detto‘ (2007), ‚Rossoamaro‘ – ‚Bitteres Rot‘ (2008), ‚Colpi di coda‘ (2010), ‚Lo spaventapasseri‘ (2013), ‚Un conto aperto con la morte‘ (2014), ‚Fragili verita‘ (2016), ‚Uni sporco lavoro‘ (2018), ‚Le sigarette del manager‘ (2019), ‚Voci nel silenzio‘ (2020), ‚Nel tempo sbagliato‘ (2021), ‚Le ombre della sera‘ (2023);

Einzelwerke: ‚Il profumo delle bugie‘ (2012), ‚Il testamento del Greco‘ (2015), ‚Un piede in due scarpe‘ (2017), ‚Dove crollano i sogni‘ (2020), ‚La fine ignota‘ (2023).

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