(*1958)
Gary Victor wurde in Port-au-Prince, Haiti, geboren und wuchs auch dort auf. Nach Abschluss seines Agronomiestudiums arbeitete er beim Planungsministerium, bis er sich auf den Journalismus (‚Le Nouvelliste‘ und andere Printmedien) und die Schriftstellerei verlegte. Von 1990 bis 2004 war er Chefredakteur der Tageszeitung ‚Le Matin‘, von 1996 bis 2000 zudem Generalsekretär des haitianischen Senats. Sein Werk enthält sechs Theaterstücke, drei Drehbücher sowie zahlreiche Erzählungen und Romane, darunter die fünf so genannten Voodoo-Krimis. Zudem sorgt er mit kritischen Kolumnen und Radiobeiträgen zu sozialpolitischen Themen für Aufsehen.
Victors Krimiheld ist der Ex-Eliteschütze Inspektor Dieuswalwe Azémar, der „Dirty Harry von Port-au-Prince“, ein schmächtiger, durch exzessiven Konsum von aromatisiertem Zuckerrohrschnaps (Tranpe, Soro) auffallender Flic, der in der haitianischen Hauptstadt so gut es geht für Recht und Ordnung sorgt. Beziehungsweise, da es keine Justiz gibt, die Schwerverbrecher mittels Kopfschusses gleich selbst unschädlich macht. Er ist der beste Polizist des Landes. Materielle Güter bedeuten ihm nichts. Die wichtigste Person in seinem Leben ist Mireya, die von ihm adoptierte Tochter seiner verstorbenen Geliebten. Kommissar Solon ist sein Vorgesetzter und einziger Freund. Dieuswalwe ist wütend auf sein Land, wütend auch auf sich selbst. „Wäre es nur nach ihm gegangen, hätte er sich wie die meisten seiner Kollegen auf eine fette Schutzgelderpressung oder eine andere illegale Tätigkeit verlegt.“ Er fragt sich: „Was hättest du verloren, wenn du es wie anderen gemacht und dich im Dreck gesuhlt hättest? Deine Seele?“ Doch wozu braucht man eine Seele in diesem gottverdammten Land, in dem jahrzehntelange Ausbeutung und Misswirtschaft, Naturkatastrophen, politische Umstürze, Willkür und Killerkommandos ein unfassbares Chaos angerichtet haben? Oder, in Dieuswalwes Worten: „Dieses Land wird immer in der Scheisse stecken“.
‚Schweinezeiten‘ beginnt fulminant: Dieuswalwe richtet mit seiner Beretta ein Blutbad an, als er die schwer erkrankte Tochter seiner Freundin Marie-Marthe aus den Fängen des skrupellosen Voodoo-Zauberers Marasa befreit. Einige Tage später bittet ihn sein abtrünniger früherer Mitarbeiter Colin um Hilfe: Sein vorgesetzter Kommissar ist ermordet worden, nachdem er sich auf einen Deal mit amerikanischen Geschäftsmännern eingelassen hatte. Dann sorgen Männer, die sich in Schweine verwandeln, für Tumulte auf der Strasse, Vertreter der amerikanischen – offenbar einen illegalen Organhandel treibenden – „Kirche vom Blut der Apostel“ treiben sich in der Hauptstadt rum – und ausgerechnet Mireya ist eines der ungezählten Kinder, die zur Organspende ausgewählt worden sind. Wie von der Tarantel gestochen, ohne Rücksicht auf Verluste, rast Dieuswalwe an den Ort des Grauens.
Port-au-Prince, 12. Januar 2010: Dieuswalwe vögelt in einem Hotelzimmer mit der voluminösen Gattin seines Freundes und Vorgesetzten Kommissar Solon, als die Stadt durch das grosse Erdbeben zertrümmert wird – und die herunterstürzende Decke die reitende Frau zermalmt. Er kommt mit dem Leben davon, doch seine Selbstachtung ist zerstört. Am nächsten Tag beaufragt ihn der Kommissar, den Ehebrecher zu ermitteln, damit er ihm eine Kugel in den Kopf jagen kann… Der einzige Hotelangestellte, der ihn identifizieren könnte, liegt zurzeit im Koma. Gleichentags hat auch Marie-Marthe ein dringendes Anliegen: Ihr neuer Liebhaber, der bekannte Künstler Philostène, kam offenbar beim Erdbeben ums Leben, doch in der folgenden Nacht hatte sie noch einmal Sex mit ihm. Sex mit seinem Geist? Für Dieuswalwe ist klar, dass mehr dahinter steckt. Auch wenn ihm sein Gewissen keine Ruhe lässt und mit seinem titelgebenden Lieblingsschnaps „Soro“ etwas nicht zu stimmen scheint, verbeisst er sich in den Fall. Die um Geldgier, Freundschaft und Loyalität kreisende Geschichte nimmt ein schlimmes Ende, wie es in diesem Land nicht anders zu erwarten ist.
Im dritten Band ‚Suff und Sühne‘ hat der Polizeiinspektor mit Kommissar Dulourd einen neuen Vorgesetzten. Dieser fordert von ihm eine Schnaps-Entziehungskur, sofern er seinen Job behalten will. Seiner Tochter zuliebe hält Dieuswalwe trotz Flashblacks und Halluzinationen durch. Da erscheint eine unbekannte junge Frau mit geladener Pistole und mit (gefälschten?) Fotos, auf denen er ihren Vater, einen brasilianischen General der allmächtigen UNO-Truppe MINUSTAH, erschiesst. Bevor sie auf den Abzug drückt, stürmen mehrere Männer ins Zimmer und blasen ihr kurzerhand das Licht aus. Mit knapper Not gelingt dem vom mörderischen Entzug geschwächten Flic die Flucht. Tatkräftig unterstützt durch den mutigen, mit ihm befreundeten Informatiker Michel, unter Einsatz seines Lebens, kommt Dieuswalwe schliesslich einem von höchsten Polit- und Wirtschaftskreisen angezettelten Komplott auf die Spur.
‚Im Namen des Katers‘ stellt Dieuswalwe vor drei miteinander verknüpfte Probleme: Er soll den verschwundenen „verdammten Kater Georges“ der stinkreichen Dame Mademoiselle Rose Marie Adeline Lebrenier wiederfinden, dafür die Prämie von dreissigtausend (!) Dollar kassieren, mit der er die Ausbildung seiner aus Sicherheitsgründen in den USA untergebrachten Tochter Mireya bezahlen könnte, sowie den Mörder von bereits dreissig sich fast nur von Katzenfleisch und Zuckerrohrschnaps ernährenden Männern aus dem Verkehr ziehen. Seine – ihn zu zahlreichen Exekutionen zwingenden – Ermittlungen konfrontieren ihn mit Voodoo-Zauber, fiesen Magiern, einem grotesken Wettsaufen und wilden Bandenkriegen, bis er seine Fälle doch noch einer höchst befriedigenden Lösung zuführen kann.
Bibliografie:
Voodoo-Krimis: ‚Saison de porcs‘ – ‚Schweinezeiten‘ (2009), ‚Soro‘ – ‚Soro‘ (2011), ‚Cures et Châtiments‘ – ‚Suff und Sühne‘ (2013), ‚W AP KONN GEORGES‘ – ‚Im Namen des Katers‘ (2018), ‚Sakad‘ – ‚Erschütterungen‘ (2024);
Einzelwerk: ‚Le Violon d’Adrien‘ – ‚Eine Violine für Adrien‘ (2023).
