(*1961)
Geboren in der Pariser Banlieue Choisy-le-Roi als Sohn italienischer Emigranten, brach Tonino Benacquista sein Film- und Literaturstudium nach einigen Vorlesungen ab. Er bestritt seinen Lebensunterhalt mit Gelegenheitsjobs – Pizzalieferant, Schlafwagenbegleiter, Hilfskraft in einer Kunstgalerie -, die ihn mit Stoff für seine Bücher versorgten. Der Durchbruch als Autor gelang ihm 1991 mit dem Noir ‚La Commedia des ratés‘ (auf Deutsch: ‚Itakerblues)‘. Sein Werk enthält Krimis, andere Romane (u.a. die Mafiakomödie ‚Malavita‘), Erzählungen, Drehbücher, Theaterstücke, Comics und Kinderbücher. Sprachliche Virtuosität, fetzige, ironisch-sarkastische Erzählweise und originelle Einfälle sind seine Markenzeichen. Er lebt in Paris.
‚Liegewagentango‘ (im Original: ‚La Maldonne des sleepings‘, ein Verweis auf den Roman ‚La Madone des sleepings‘ des berühmten Reporters Maurice Dekobra), spielt auf der Bahnstrecke Paris-Venedig. Antoine, Mitte zwanzig, routiniert, bescheiden und meist etwas mürrisch, ist für das Wohlbefinden der nächtlichen Fahrgäste zuständig – dafür sorgen, dass es ihnen an nichts fehlt, Streithähne beruhigen, Taschendiebe entlarven usw. Mit Selbstgesprächen und gelegentlichen Nickerchen vertreibt er sich die Zeit. Doch diesmal ist alles anders. Antoine findet im Abteil einen blinden Passagier, der ihm eine wirre Story über eine international organisierte Bande, die hinter ihm her ist, auftischt. Als die bösen Buben dann tatsächlich auftauchen, setzt Antoine seine Existenz aufs Spiel, um dem verzweifelten Mann das Leben zu retten.
In seinem zweiten Krimi ‚Drei rote Vierecke auf schwarzem Grund‘ überschüttet Benacquista die selbstverliebte Pariser Kunstszene mit Hohn und Spott. Es ist die traurige Geschichte des sympathischen dreissigjährigen Antoine Audrieux, der als Handwerker in einer Pariser Galerie arbeitet und in der Freizeit höchst erfolgreich seiner Passion, dem Billardspiel, nachgeht. Die Ausstellung des längst gestorbenen Malers Etienne Morand – Schöpfer von 35 Gemälden, alle mit schwarzen Kratzspuren auf schwarzem Grund – steht unmittelbar bevor, als Antoine ein weiteres, aber aus dem Rahmen fallendes Bild, genannt „Essai 30“ – lebhaftes gelb mit einer Kirchturmspitze drauf – zum Verhängnis wird. Ein Typ stiehlt eines nachts das Bild, Antoine stellt sich ihm entgegen, wird im Kampf unter einer Metallskulptur begraben – und verliert unwiederbringlich seine rechte Hand. Schluss mit Job und Spiel. Er begibt sich auf die Suche nach dem Räuber, stösst auf „Essai 8“ – identisch mit „Essai 30“, aber rot -, das mit dem Namen der obskuren Künstlergruppe „Les Objectivistes“ gezeichnet ist. Dann überstürzen sich die Ereignisse. Antoine überlebt einen Mordanschlag nur knapp, die Polizei stösst auf die Leiche eines Kunsthändlers mit abgehackter rechter Hand, drängt Antoine in die Ecke. Doch der wächst jetzt über sich hinaus. Und findet am Ende sein Glück in einem neuen Beruf.
‚Itakerblues‘ wurde 1992 mit dem Prix de Littérature Policière und dem Prix Mystere de la Critique ausgezeichnet. Der tragikomische, mit einem aberwitzigen, verschlungenen Plot ausgestattete Roman handelt von Antonio Polsinelli, einem coolen, welt- und wortgewandten italienisch-stämmigen Pariser mit Leib und Seele, der anscheinend keiner geregelten Arbeit nachgeht. Sein Leben gewinnt an Fahrt, als ihn sein ebenfalls in Paris lebender Jugendfreund Dario überredet, für ihn einen Liebesbrief an seine Mätresse, eine ältere, verheiratete Dame, zu schreiben. Am nächsten Tag wird Dario erschossen, und kurz danach wird Antonio beinahe Opfer eines Attentats. Als er erfährt, dass sein Freund ihm in ihrem italienischen Heimatort Sora einen Weinberg hinterlassen hat, begibt er sich dorthin, um herauszufinden, welcher Fluch dem geerbten Grundstück anhaftet, beziehungsweise den Rebstöcken, aus denen der sagenumwobene „Wein von Sant’Angelo“ gewonnen wird. In Sora trifft er zuerst auf den falschen Blinden Marcello, der sich als Dorftrottel ausgibt, und auf die schöne, mit ihm schon bald das Bett teilende Bianca, dann auf rabiate Vertreter der Mafia und des Vatikans – und zu guter letzt auf seinen angereisten Vater, der noch Rechnungen aus alten Zeiten, als er mit den Partisanen gegen die Faschisten kämpfte, zu begleichen hat.
‚Die Absacker‘, eine freche, spritzige, im Pariser Nachtleben angesiedelte Geschichte, kreist um die „professionellen Parasiten“ Antoine (dies ist bereits Benacquistas vierter „Antoine“, und sein Vorname, Tonino, ist bekanntlich die Verkleinerungsform davon!) und Bertrand, beide mit Abitur und arbeitslos. Schmeicheln und Schnorren sind ihre Maschen, mit denen sie im Grossen und Ganzen gut über die Runden kommen. Bis sie eines Abends einem äusserst seltsamen Vogel begegnen. Er nennt sich Jordan, ist mit einer leichenblassen Frau unterwegs und schüttet literweise Bloody Mary in seinen Schlund. Am nächsten Tag verschleppt man die zwei Freunde gewaltsam zu einem alten Clubbesitzer, der Antoine dazu zwingt, besagten Jordan innert 48 Stunden aufzuspüren, und Bertrand bis dahin als Geisel behält. Mit einer gehörigen Portion schwarzen Humors schildert Benacquista Antoines Höllenritt durch das fiebrige Nachtleben der Metropole – eine Tour de Force, die mit einer hübschen Pointe ausklingt.
Bibliografie (nur Krimis):
‚La Maldonne des sleepings‘ – ‚Liegewagentango‘ (1989), ‚Trois carrés rouges sur fond noir‘ – ‚Drei rote Vierecke auf schwarzem Grund‘ (1990), ‚La Commedia des ratés‘ – ‚Itakerblues‘ (1991), Les Morsures de l’aube‘ – ‚Die Absacker‘ (1992).
