(Pseudonym für Mohammed Moulessehoul, *1955; schreibt auch als Commissaire Llob)

Mohammed Moulessehoul wurde als Sohn eines Krankenpflegers und einer Nomadin im algerischen Wüstenstädtchen Kenadsa geboren. Sein Vater, seit 1959 Offizier in der Nationalen Befreiungsarmee ALN, steckte den neunjährigen Mohammed in die Kadettenschule El Mechouar. Dieser blieb dort bis zum Abitur und schlug danach eine Militärkarriere ein, um als Offizier den islamischen Terrorismus zu bekämpfen. Parallel dazu, bis zum Ausbruch des algerischen Bürgerkriegs im Jahr 1991 unter seinem richtigen Namen, später unter dem Pseudonym Yasmina Khadra – den beiden Vornamen seiner Frau -, machte er als systemkritischer Schriftsteller von sich reden. Nach über fünfundzwanzig Jahren Dienst liess er sich 2001 mit seiner Frau und den drei Kindern in Frankreich nieder, in Aix-en-Provence, und lüftete sein Pseudonym in einer Fernsehsendung. Seine Romane zeichnete er aber weiterhin mit Yasmina Khadra – aus Respekt vor dem Mut der algerischen Frauen. Sein Werk umfasst rund vierzig Romane, darunter fünfzehn Krimis.

Sechs Romane sehen Kommissar Brahim Llob aus Algier als Ich-Erzähler im Brennpunkt des Geschehens – eine facettenreiche Figur: Praktizierender Muslim und integrer Patriot, desillusionierter, zu gewalttätigen Handlungen neigender, unbeugsamer Polizist, fürsorglicher Familienvater – und angesehener Autor. In der harten, realistischen, mit grimmigem Humor erzählten Serie entwirft der Autor das Sittengemälde eines zerrissenen Landes, in dem Machtmissbrauch, Folter, Korruption und Attentate seit vielen Jahren alltäglich sind. Die ersten beiden Bände sind ursprünglich unter dem Pseudonym Commissaire Llob erschienen.

In ’Morituri’, dem dritten Teil der 1990 gestarteten Reihe, killt der islamische Terrorist mit dem Nom de Guerre Abou Kalybse auf grauenhafte Weise mehrere prominente Intellektuelle sowie einen von Llobs Mitarbeitern und die Tochter des mächtigen Ex-Politikers Ghoul Malek. Mit unzimperlichen Methoden, assistiert durch seinen jungen Partner Lino, durchdringt Llob ein Dickicht aus Korruption, Politik und Betrug, kommt dem Drahtzieher der Mordserie immer näher – und legt ihn am Ende um.

Der Nachfolgeroman ‚Doppelweiss‘ dreht sich um den gewaltsamen Tod des angesehenen Diplomaten und selbsternannten Literaten Ben Ouda. Im Laufe seiner – von zahlreichen weiteren Morden begleiteten – Ermittlungen stösst Llob auf ein illegales Finanzimperium, auf skrupellose Kriegsgewinnler – und schliesslich auf einen gewissen Monsieur Kaak, einen zum einflussreichen Geschäftsmann aufgestiegenen Kleinkriminellen, der aus purer Habgier eine tödliche Intrige angezettelt hat.

Im chronologisch letzten Band, ‚Die Nacht der Chimären’, muss Kommissar Llob von Beginn an schwer unten durch: Er wird nach fündunddreissig Jahren aus dem Polizeidienst entfernt, weil er einen systemkritischen Roman mit dem Titel ’Morituri’ veröffentlichte, man verwüstet seine Wohnung, verübt ein Bombenanschlag auf ihn, doch Llob lehnt die vorgeschlagene Rehabilitierung ab und zieht sich in ein ländliches Dorf zurück. Ein Kollege findet schliesslich Llobs von Schüssen zerfetzten Leichnam am Strassenrand.

Das Prequel ’Nacht über Algier’, erschienen im Jahr 2004, spielt 1988, drei Jahre vor Beginn des Bürgerkriegs und sechsundzwanzig Jahre nach Ende des Unabhängigkeitskriegs gegen Frankreich. Der einflussreiche Politiker Haj Thobane wird um ein Haar Opfer eines Attentats, und fast gleichzeitig kommt ein Serienmörder, genannt der Namenlose, nach langen Jahren auf freien Fuss. Kommissar Llob ermittelt die Hintergründe des Anschlags, als dessen Urheber sein Untergebener, der Herzensbrecher Lino, verdächtigt wird, und kommt einer weit zurückliegenden Tragödie auf die Spur: Im August 1962, in den letzten Tagen des Kriegs gegen die französische Kolonialmacht, ist im algerischen Hinterland eine ganze Familie abgeschlachtet worden – einzig der Namenlose kam mit dem Leben davon, und auch Thobane war damals dort zugegen.

Khadra hat die Tragödie Algeriens auf den Punkt gebracht: „Die Geschichte wird die Erinnerung an eine Affenhorde bewahren, welche, die Gunst der Stunde nutzend, sich mangels eines Stammbaums auf Brotbäume und Galgen spezialisierte“. Und: „Algeriens Kriege zeichnet jene unergründliche Besonderheit aus, dass sich die Krieger immer darin täuschen, wer ihre eigentlichen Feinde sind’.

Ausgangspunkt des Einzelwerks ‚Die Attentäterin‘ ist der Augenblick, in dem die Welt des arabischen Israelis Dr. Amin Jaafari zerschellt: Bombenexplosion in einem Restaurant im Zentrum Tel Avivs, zahlreiche Tote und Verletzte, unter ihnen Kinder, Mütter und natürlich auch die Attentäterin. Bis zur Erschöpfung operiert der renommierte Arzt die Überlebenden – und wird danach von der Polizei festgenommen, denn bei der Terroristin handelte es sich um die Frau, mit der er seit fünfzehn Jahren glücklich verheiratet war. Was trieb sie dazu? Die hastig auf einem Zettel hingekrizzelten Zeilen „Was nützt das Glück, wenn man es nicht teilen kann, Amin, mein Geliebter? Meine Freude erstarb immer dann, wenn deine nicht mithielt. Du wolltest Kinder. Ich wollte ihrer würdig sein. Kein Kind ist je wirklich in Sicherheit, wenn es kein Vaterland hat … Sei mit nicht böse. Sihem.“ lassen Amin fassungslos zurück. Besessen von dem Gedanken, dass Sihem ihm einen „fundamentalistischen Guru“ vorgezogen hat, begibt er sich auf Spurensuche, in die Zentren des palästinensischen Widerstands, in der vagen Hoffnung, die wahren Schuldigen an der Tat zu finden. In dem psychologisch ausgefeilten Roman ist Khadra das Kunststück gelungen, aus unterschiedlichen Perspektiven, ohne zu werten, den Wahnsinn und das Grauen des Nahostkonflikts darzustellen.

Bibliografie:

Kommissar Llob-Serie: ‚Le Dingue aus bistouri‘ (1990), ‚La Foire des enfoirés‘ (1993), ‚Morituri‘ – ‚Morituri‘ (1997), ‚Double Blanc‘ – ‚Doppelweiss‘ (1997), ‚L‘ Automne des chimères‘ – ‚Der Herbst der Chimären‘ (1998), ‚La Part du mort‘ – ’Nacht über Algier’ (2004);

Einzelwerke: ‚Les Agneaux du Seigneur‘ – ‚Die Lämmer des Herrn‘ (1998), ‚A quoi rêvent les loups‘ – ‚Wovon die Wölfe träumen‘ (1999), ‚Cousine K‘ (2003), ‚L‘ Attentat’ – ‚Die Attentäterin’ (2005), ‚L’ Equation africaine‘ (2011), ‚Q’ attendent les singes‘ (2014), ‚Khalil‘ (2018), ‚L‘ Ôutrage fait à Sarah Ikker‘ (2019), ‚Pour l’ amour d’ Elena‘ (2021).