(1971)

Geboren in der südwestschottischen Küstenstadt Ayr, besuchte Charles Cumming die Ludgrowe School in der englischen Grafschaft Berkshire. Seine Ausbildung in Englischer Literatur absolvierte er am Eton College in Berkshire und an der University of Edinburgh mit einem Abschluss 1994. Ein Jahr später wollte ihn der Secret Intelligence Service MI6 anwerben, doch er lehnte ab und war in den folgenden fünfzehn Jahren stellvertretender Herausgeber des neugegründeten Londoner Nachrichtenmagazins ‚The Week‘. In dieser Zeit schrieb er zudem Literaturkritiken für den ‚Spectator‘ und debütierte 2001 als Romanautor. Vier seiner bisher neun Spannungsromane liegen auf Deutsch vor. Cumming lebt mit seiner Familie in London.

Der originale Titel des grossartigen Einzelwerks ‚Die Trinity Verschwörung‘ – ‚The Trinity Six‘ – weist auf Cummings Thema hin: Gab es im Trinity College neben den „Cambridge Five“ Kim Philby, Donald Maclean, Guy Burgess, Anthony Blunt und John Cairncross einen sechsten Studenten, den der russische Geheimdienst in den 30er-Jahren rekrutiert hatte? Sam Gaddis, geschiedener Vater einer kleinen Tochter, verschuldeter britischer Historiker und Sachbuchautor mit dem Spezialgebiet russische Geschichte, ein zäher, wenn auch etwas weltfremder Bursche Anfang vierzig, kommt in den Besitz unzähliger Dokumente, die sich mit dieser weit zurückliegenden Zeit befassen, und beginnt mit seinen Recherchen, in der Hoffnung, genügend Stoff für einen Bestseller zu erhalten – ein Projekt, das offenbar nicht überall gut ankommt, beginnt doch schon bald das Sterben in seiner nächsten Umgebung. Mit feiner Ironie erzählt der Autor seine schwungvolle, dialogreiche und hochrealistische Geschichte über den Kalten Krieg, über einfache, Doppel- und Tripelagenten, über das Leben dieser Männer als Balanceakt zwischen Ost und West – wussten sie überhaupt noch, für wen sie spionierten?

In den folgenden fünf Jahren veröffentlichte Cumming die Tom Kell-Trilogie, die in der unübersichtlichen, globaliserten Zeit nach Beendigung des Kalten Krieges angesiedelt ist. Tom ist ein charmanter und trickreicher, aber auch empfindsamer und gebildeter Geheimagent Anfang vierzig, dessen kinderlose Ehe mit Claire keine Zukunft hat. Aufgrund eines Zwischenfalls in Kabul nach 9/11 (ein CIA-Agent folterte vor seinen Augen den britischen Staatsbürger Yassin Gharani, doch Kell intervenierte nicht) fiel er acht Monate vor Beginn der Reihe in Ungnade und verlor seinen Job, dem er stets kritisch gegenüberstand („Unter Kriminellen gibt es ein gewisses Ehrgefühl, unter Spionen nicht“).

Amelia Levene, angehende Chefin des britischen Geheimdienstes MI6, verschwindet im ersten Band ‚Die Tunis Affäre‘ wenige Wochen vor Amtsantritt während einem Aufenthalt in Südfrankreich. In der Not reaktiviert der MI6 Tom Kell, der die Vermisste seit Jahren bestens kennt und mit ihr befreundet ist. Die Spur führt nach Tunesien, wo Amelia Ende der 70er als Au-pair arbeitete, sich mit ihrem Arbeitgeber auf eine Affäre einliess, einen Sohn zur Welt brachte, um ihn gleich nach der Geburt zur Adoption freizugeben. Kaum in Tunesien angekommen, sieht Kell die Spionin an der Seite eines jungen Franzosen – ist er ihr Sohn? Auch der französische Auslandsgeheimdienst DGSE, der sich seit dem Arabischen Frühling mit dem MI6 um die Vormacht in den nordafrikanischen Staaten streitet, interessiert sich augenscheinlich brennend für das Paar, worauf Kell beschliesst, den Hintergründen der geheimdienstlichen Ränkespiele im Alleingang auf den Grund zu gehen. Die komplexe, raffiniert gebaute Geschichte steuert auf ein fulminantes Finale zu.

Der Tod des in Istanbul stationierten Meisterspions Paul Wallinger bildet den Ausgangspunkt des Nachfolgeromans ‚Das Istanbul Komplott‘ – der erfahrene Pilot ist mit seinem Flugzeug abgestürzt, doch seine gelegentliche Geliebte, die MI6-Chefin Amelia Levene, glaubt nicht an einen Unfall: Mehrere verbockte britische Operationen im Nahen Osten, an denen auch die CIA beteiligt war, schüren den Verdacht, dass es in Ankara eine undichte Stelle gibt – Pauls Freund Tom Kell soll den Maulwurf aus dem Verkehr ziehen. Seine ohnehin schon äusserst heikle Mission, den wahrscheinlich auf der Lohnliste der CIA stehenden Verräter zu enttarnen, ohne den amerikanischen Vettern allzu sehr auf die Füsse zu treten, wird noch viel komplizierter, als er sich in Istanbul Hals über Kopf in Wallingers Tochter Rachel verliebt.

‚Die London Connection‘ besteht aus zwei Hauptsträngen, die der Autor im letzten Viertel des Erzählung miteinander verknüpft: Tom Kell, der den MI6 vor einem Jahr angeekelt verlassen hat, begibt sich auf einen persönlich motivierten Rachefeldzug gegen den russischen Ausland-Geheimdienst SWR; und ein junger Brite, der in Syrien für den ISIS gekämpf hat, kehrt mit neuer Identität und finsteren Absichten nach England zurück. Mehr sei hier nicht verraten, weil sonst die Spannung des vorangegangenen Bandes entscheidend geschmälert würde. Mit weiteren Auftritten von Tom Kell ist nicht zu rechnen.

Charles Cumming, ein Meister des Tempowechsels, des Cliffhangers, der Erfindung faszinierender, zerrissener Figuren und der knappen Schilderung von Schauplätzen, befördert den Spionageroman unangestrengt und kenntnisreich in die Gegenwart und wartet immer wieder mit unerwarteten Wendungen auf.

Bibliografie: ‚A Spy By Nature‘ (2001), ‚The Hidden Man‘ (2003), ‚The Spanish Game‘ (2006), ‚Typhoon‘ (2008), ‚The Trinity Six‘ – ‚Die Trinity Verschwörung‘ (2011), ‚The Man Between‘ (auch unter dem Titel ‚The Moroccan Girl‘, 2018);

Tom Kell-Trilogie: ‚A Foreign Country‘ – ‚Die Tunis Affäre‘ (2012), ‚A Colder War‘ – ‚Das Istanbul Komplott‘ (2014), ‚A Divided Spy‘ – ‚Die London Connection‘ (2016).