(1946-2020)

Der Lebenskünstler, Buddhist und Weltenbummler Walter „Cool Walt“ Satterthwait kam in Philadelphia, Pennsylvania, zur Welt und blieb ohne College-Abschluss. Er lebte in New York City, Portland (Oregon), Kenia, Thailand, Griechenland, später auch in Holland, England und Frankreich und arbeitete unter anderem als Lexikonvertreter, Barkeeper, Restaurant-Manager und Korrektor. 1979 veröffentlichte er seinen ersten Roman ‚Cocaine Blues‘, dem ‚Das Gold von Mayani‘, ein Band mit sechs in Kenia spielenden Kriminalstories um den jungen Constable Andrew M’butu folgte. Mit der 1987 gestarteten Joshua Croft & Rita Mondragon-Serie wurde Satterthwait in Europa, nicht aber den USA, einem grösseren Publikum bekannt. Nach langen Aufenthalten in Santa Fe, der Hauptstadt New Mexicos, und Florida starb er 73-jährig in einer Pflegeinstitution bei Seattle an den Folgen einer langwierigen Lungenkrankheit. Er war zweimal verheiratet und hatte eine Tochter, Jennifer, der er mehrere Romane gewidmet hat.

Joshua Croft und Rita Mondragon betreiben in der multikulturellen Stadt Santa Fe eine Detektei und sind auch privat ein Paar, wobei ihre Beziehung lange Zeit platonisch bleibt. Rita ist eine charismatische, blitzgescheite Spezialistin für Online-Datenbeschaffung und eine erstklassige Schützin. Seit einer Schiesserei, bei der ihr Mann William, ein Ex-Cop, ums Leben kam, ist sie zunächst noch an den Rollstuhl gefesselt. Die Laufarbeit erledigt Ich-Erzähler Joshua, ein harter, schlagfertiger, aber auch empfindsamer und selbstkritischer Mann, der selten um einen ironischen Spruch verlegen ist („Rita arbeitet mit Computern, ich fange die Gangster in Seitenstrassen und schlage sie zusammen“). Er hat einen guten Freund bei der Mordkommission des Santa Fe Police Departments, Sergeant Hector Ramirez, doch seine Ermittlungen führen ihn oft auch in andere Bundesstaaten. Die fünf fein konstruierten Krimis sind gespickt mit plastischen Natur-, Milieu- und Personenschilderungen, kleinen Beobachtungen und musikalischen und literarischen Anspielungen.

‚Wand aus Glas‘ ist der konventionellste Band der Reihe. Er dreht sich um ein 30’000-Dollar-Collier, das dem reichen, extravaganten Ehepaar Felice und Derek Leighton, Eltern der halbwüchsigen Kinder Kevin und Miranda, gestohlen wurde, eine Tat die mehrere Morde zur Folge hat. Im Auftrag der zuständigen Versicherung verbeisst sich Joshua in den Fall, man schiesst auf ihn, schlägt ihn zusammen, doch er bleibt dran und enthüllt eine Familientragödie von ungewissem Ausgang.

‚Mit den Toten in Frieden‘ beschert Joshua einen besonders schwierigen Job: Im Auftrag des ausgekochten Navajo-Indianers Daniel Begay soll er das Skelett des 1866 gestorbenen Häuptlings Ganado aufspüren. Dessen Gebeine sind 1925 in einem texanischen Canyon aufgetaucht, als der Archäologe David Bedford und sein Freund Dennis Lessing, ein Geologe, dort nach Ölquellen buddelten. Lessing nahm das Skelett nach hause, um es seiner vifen Tochter Alice zu schenken, doch eine Woche nach seiner Rückkehr von der Expedition wurde er in seinem Haus erschlagen, das Skelett verschwand, und Joshua soll es jetzt in seine gebührende Grabstätte zurückführen. Im Zuge seiner Ermittlungen kommen weitere Menschen gewaltsam ums Leben, unter ihnen Lessings nunmehr über 70-jährige Tochter. Der Detektiv lässt sich indes nicht beirren und enthüllt ein weit zurückreichendes Geflecht von Habgier, Erpressung und Korruption mit Erdöl als Objekt der Begierde. Und ganz am Schluss kann Rita ihre Zehen bewegen.

Im dritten Roman ‚Eine Blume in der Wüste‘ wird Joshua Croft von Norman Montoya, dem buddhistischen Don der organisierten Kriminalität im Norden New Mexicos und Onkel des TV-Stars Roy Alonzo, beauftragt, dessen Ex-Frau Melissa und die gemeinsame sechsjährige Tochter ausfindig zu machen. Melissa hatte Roy beschuldigt, das Mädchen missbraucht zu haben, wurde jedoch freigesprochen. Kurz danach sind Mutter und Tochter spurlos verschwunden. Bei seinen Recherchen stellt Joshua fest, dass Melissa bis vor kurzem Teil einer Organisation war, die sich auf vielfältige Weise für illegale lateinamerikanische Einwanderer einsetzt. Der Autor nimmt dies zum Anlass, im zweiten Teil der Geschichte auf eindringliche Weise Amerikas schmutzige Rolle im blutigen Bürgerkrieg in El Salvador zu behandeln – und fügt die beiden Handlungsstränge geschickt zusammen.

‚Der Gehängte‘, eine Art „Locked Room Mystery“, handelt von einen Zirkel von dreizehn mehr oder weniger durchgeknallten New-Age-Anhängern. Als binnen Wochenfrist zwei von ihnen unsanft ins Jenseits befördert werden, sind Joshuas und Ritas Dienste gefragt. Das erste Oper ist der mutmassliche Satanist Quentin Bouvier, der auf einer Party eine Tarotkarte, die eine halbe Million Dollar wert sein soll, entwendet und am nächsten Morgen tot aufgefunden wird, erhängt mit dem Schal seines Intimfeindes, des Tarotkartenlesers Giacomo Bernardi, der daraufhin ins Gefängnis wandert. Joshua befragt die elf verstreut in New Mexico wohnenden Überlebenden, denn nur jemand von ihnen kommt als Täter in Frage. Dabei stösst er auf Geldgier, Eifersucht, Ehebruch und Betrug und bringt allmählich die gesamte New-Age-Gesellschaft gegen sich auf.

‚Ans Dunkel gewöhnt‘, in dem der Autor immer wieder Abschnitte über die Vergangenheit der beiden Protagonisten einschiebt, bildet den würdigen Abschluss der Serie. Der Gangster Ernie Martinez, der vor sechs Jahren Rita in den Rollstuhl befördert hat, bricht aus dem Staatsgefängnis von Santa Fé aus und begibt sich mit seinem Knastkumpel, dem psychopathischen Drogendealer Luiz Lucero, und der ein Doppelleben führenden Gangsterbraut Sylvia Miller auf Rachetour – Rita steht zuoberst auf seiner Liste. Als er sie mittels Kopfschuss lebensgefährlich verletzt, begibt sich Joshua quer durch die Vereinigten Staaten auf die Jagd nach ihm bis zum Showdown, der sich in den Sümpfen Floridas abspielt.

In Satterthwaits kurz nach dem Ersten Weltkrieg spielender Trilogie um das britisch-amerikanische Pinkerton-Detektivpaar Phil Beaumont und Jane Turner kommen auch authentische Personen wie Ernest Hemingway, Gertrude Stein, Arthur Conan Doyle und Harry Houdini zu eindrucksvollen Auftritten. Die aus den Perspektiven der beiden Hauptfiguren erzählten Romane spielen in England, Paris bzw. Deutschland.

‚Miss Lizzie‘ spielt sich 1921 am Ufer des Atlantiks in der Nähe von Boston ab und wird aus der Sicht der 13-jährigen Amanda Burton erzählt. Das aufgeweckte Mädchen verbringt hier die Sommermonate mit ihrem Vater, einem Börsenbroker, ihrer widerwärtigen Stiefmutter Audrey und ihrem älteren Bruder William und freundet sich sogleich mit der warmherzigen und willensstarken Nachbarin Lizzie Borden an, einer realen Figur, die 1892 ihre Eltern mit einem Beil zerstückelt haben soll („Lizzie Borden took an axe, And gave her mother forty whacks, When she saw what she had done, She gave her father forty-one“), von den Geschworenen jedoch überraschend freigesprochen wurde. Als Audrey drei Monate nach ihrer Ankunft mit einer Axt zerschmettert und zerhackt wird, fällt der Verdacht natürlich auf Miss Lizzie, zumal Polizeichef Da Silva mit ihr noch eine Rechnung offen hat. Doch Lizzie weiss sich zu helfen, findet Unterstützung bei dem jungen, smarten Anwalt Darryl Slocum, in den sich Amanda sofort verknallt, und dem Pinkerton-Detektiv Harry Slocum – und erweist sich selbst als talentierte Ermittlerin. Das fulminante Finale ist nichts für schwache Nerven.

Die funkensprühende Humoreske ‚Oscar Wilde im Wilden Westen‘ – eine aus ständig wechselnden Perspektiven erzählte Mischung aus Kriminal- und Westernroman mit farbenfrohen amourösen Verwicklungen – ist im Jahr 1882 angesiedelt. Oscar Wilde, begleitet von seinem Manager Jack Vail und einem Tross von schillernden, teilweise recht zwielichtigen Figuren, befindet sich auf einer Vortragsreise kreuz und quer durch den gesetzlosen Wilden Westen. In San Francisco trifft er unter anderem auf den legendären Outlaw John „Doc“ Holliday, der ihm später zweimal das Leben rettet. Als ein bestialischer Prostituiertenkiller, der sich in Oscar Wildes eigenen Reihen befinden muss, in Denver zum vierten Mal zuschlägt, gerät der extravagante Autor unter Mordverdacht und beginnt nun selbst zu ermitteln. Sein Kontrahent ist Federal Marshal Bob Grigsby, ein starker Trinker, seit ihn seine Frau samt Kindern verlassen hat, der mit der örtlichen Polizei heillos zerstritten ist und den Killer um jeden Preis zur Strecke bringen will. Ein trostreiches Ende rundet die wilde Geschichte ab.

In dem unappetitlichen Serienkillerthriller ‚Scherenschnitte‘, 2001 fertig gestellt, 2003 in deutscher Sprache, 2006 im Original erschienen, geht es fettleibigen Frauen an den Kragen. ‚Dead Horse‘ aus dem Jahr 2006 befasst sich mit dem bis heute nicht schlüssig geklärten, offiziell als Suizid deklarierten Tod von Emily Thayer, der Ehefrau des in den 20er-Jahren bekannten Pulp-Autors Raoul Whitfield, die im Mai 1935, drei Monate nach der Trennung von ihrem Mann, auf ihrer Ranch in New Mexico erschossen aufgefunden worden ist.

Bibliografie:

Joshua Croft & Rita Mondragon-Serie: ‚Wall of Glass‘ – ‚Wand aus Glas‘ (1987), ‚At Ease with the Dead‘ – ‚Mit den Toten in Frieden‘ (1990), ‚A Flower in the Desert‘ – ‚Eine Blume in der Wüste‘ (1992), ‚The Hanged Man‘ – ‚Der Gehängte‘ (1993), ‚Accustomed to the Dark‘ – ‚Ans Dunkel gewöhnt‘ (1996);

Phil Beaumont & Jane Turner-Serie: ‚Escapade‘ – ‚Eskapaden‘ (1995), ‚Masquerade‘ – Maskeraden‘ (1998), ‚Cavalcade‘ – ‚Scharaden‘ (2005);

Einzelwerke: ‚Cocaine Blues‘ (1980), ‚The Aegean Affair‘ (1982), ‚Miss Lizzie‘ – ‚Miss Lizzie‘ (1989), ‚Wilde West‘ – ‚Oscar Wilde im Wilden Westen‘ (1991), ‚Perfection‘ – ‚Scherenschnitte‘ (2001), ‚New York Nocturne‘ – ‚Miss Lizzie kehrt zurück‘ (deutsche Übersetzung 2006, Original in stark überarbeiteter Form erst 2016 erschienen), ‚Dead Horse‘ (2006).