(1931 – 2018; schrieb auch als Harry Longbaugh und Simon Morgenstern)

Geboren und aufgewachsen in Highland Park bei Chicago als Spross einer jüdischen Familie (der Vater brachte sich um, als sein Sohn fünfzehn war), studierte William Goldman am Oberlin College, Ohio, und dann an der Columbia University, New York, mit einem Master-Abschluss 1956. Er hatte bereits fünf Romane sowie – gemeinsam mit seinem älteren Bruder, dem Bühnenautor James Goldman – drei Broadwaystücke verfasst, als ihm 1969 mit dem oscarprämierten Drehbuch für ‚Butch Cassidy and the Sundance Kid‘ der grosse Durchbruch in Hollywood gelang.

Neben seinen Drehbüchern (jenes zum Watergate-Film ‚All the President’s Man‘ wurde ebenfalls mit einem Oscar ausgezeichnet) und vier Krimis schrieb Goldman ein Kinderbuch, Essays, Sachbücher, höchst einflussreiche Hollywood-Memoiren (‚Adventures in the Screen Trade‘, 1983), Sciencefiction-, Fantasy- und andere Romane, teilweise unter den Pseudonymen Simon Morgenstern und Harry Longbaugh (dem angestammten Namen des legendären Sundance Kid). Der Vater von zwei Töchtern aus geschiedener Ehe mit der Fotografin Ilene Jones starb 87-jährig in seinem Haus in Manhattan. Er hinterliess seine Partnerin Susan Burden, seine Tochter Jenny – die andere Tochter, Susanna, war bereits 2015 gestorben – und einen Enkel.

‚Der Marathonmann‘, ein rasanter Thriller mit überraschenden Wendungen, erzählt die Geschichte des Historikers Thomas Babington „Babe“ Levy, der in New York an seiner Doktorarbeit arbeitet und jeden Tag für seinen Traum, einen Sieg in einem Marathonlauf, trainiert. Unter tragischen Umständen verwaist, vergöttert er seinen zehn Jahre älteren Bruder Henry, den er „Doc“ nennt, und von dem er glaubt, er sei im Öl-Business reich geworden. Doch dann wird Doc von einem kahlen, stiernackigen Mann mit dem Messer aufgeschlitzt – und verblutet kurz danach in Babes Armen. Der Täter ist ein hochintelligenter und brandgefährlicher Nazi-Zahnarzt namens Szell, der in Auschwitz als Mengeles Protegé jüdische Gefangene um ihre Diamanten brachte, nach dem Krieg in Lateinamerika untertauchte, die Diamanten jedoch in einem New Yorker Schliessfach zurückliess und jetzt in die USA zurückgekehrt ist, um seine Beute in Bargeld umzuwandeln. Und Szell vermutet, dass der sterbende Doc seinen Bruder noch über die Bedeutung der Diamanten aufklären konnte, denn Doc war nicht Geschäftsmann, sondern, unter dem Decknamen Scylla, Mitglied einer amerikanischen Geheimorganisation, der „Division“, die für Szell Kurierdienste leistete und dafür mit Informationen über den Verbleib gesuchter Nazi-Schergen entschädigt wurde. Babe wird in die Enge getrieben und gefoltert, weiss nicht mehr, wem er trauen kann – und entwickelt ungeahnte Lauf- und Kampfkräfte. Die Verfilmung durch John Schlesinger mit Dustin Hoffman als „Babe“, Lawrence Oliver als Szell und Roy Scheider als „Doc“, zu der Goldman auch das Drehbuch beisteuerte, kam 1976 in die Kinos.

Zwölf Jahre später überraschte Goldman seine Leser mit ‚Die Brüder‘, einer Art Fortsetzung seines Erfolgsromans (die beiden Bücher haben jedoch nur wenig miteinander zu tun) – und Scylla weilt wieder unter den Lebenden: Er konnte nach der Messerattacke des Nazis in letzter Sekunde gerettet werden, und die Chirurgen formten ihn zu einem perfekten Instrument der Geheimdienste: Sie entfernten seine Fingerkuppen, veränderten seine Stimmbänder und verpasstem ihm ein neues Gesicht. Danach versteckte ihn die „Division“ jahrelang auf einer einsamen Insel, doch jetzt wird er reaktiviert, um den Dritten Weltkrieg zu verhindern. Babe Levy, inzwischen glücklich mit der schönen und hochbegabten Forscherin Melissa verheirateter Geschichtsprofessor an der Columbia University, ist diesmal nur in einer peripheren Rolle involviert. ‚Die Brüder‘ ist ein geschickt gebauter, aus vielen Perspektiven erzählter und an gewalttätigen Szenen reicher Krimi, in dem eine Gruppe von fanatischen Geheimagenten und Wissenschaftlern eine neue, von Grossbritannien beherrschte Weltordnung anstrebt – ein doch eher wirklichkeitsfernes Szenario (oder nimmt Goldman das Genre des Superagententhrillers auf die Schippe?). Eine schockierende Pointe beschliesst den Roman.

Bibliografie:

‚No Way to Treat a Lady‘ – ‚So behandelt man keine Dame‘ (1964), ‚Heat‘ (auch unter dem Titel ‚Edged Weapons‘) – ‚Fieber‘ (1985);

Babe & Doc-Romane: ‚Marathon Man‘ – ‚Der Marathon-Mann‘ (1974), ‚Brothers‘ – ‚Die Brüder‘ (1986).