(1921-1995; schrieb auch als Jack Ripley)

John Wainwright wurde in der englischen Industriestadt Leeds, Yorkshire, geboren. Er verliess die Schule mit fünfzehn und war danach im Baugewerbe tätig. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges trat er der Royal Air Force bei, für die er über siebzig Einsätze in feindlichen Gebieten flog. 1947 wurde er Polizeibeamter in der Yorkshirer West Riding Constabulary. Nebenbei absolvierte er ein Jurastudium an der London University, das er 1956 abschloss. 1965 veröffentlichte er seinen ersten Roman. 1967 quittierte er den Polizeidienst, um sich ganz dem Schreiben zu widmen – und den modernen britischen Police Procedural zu begründen.

In seiner produktivsten Zeit, 1966 bis 1985, schrieb Wainwright täglich etwa zweitausend Wörter. Er arbeitete an sieben Tagen pro Woche, woraus bis zu sechs Romane pro Jahr (insgesamt über achtzig) resultierten. Darüber hinaus verfasste er sieben Hörspiele, ungezählte Artikel und Kolumnen für Zeitungen und Magazine, eine Handvoll Kurzgeschichten, zwei Sachbücher sowie zwei autobiografische Werke, ‚Tail-End Charlie‘ und ‚Wainwright’s Beat: Twenty Years with the West Yorkshire Police Force‘, in denen er Kriegserlebnisse bzw. seine Zeit als Polizeibeamter aufarbeitete.

John Wainwright, ein Liebhaber der Jazzmusik, der Raymond Chandler und Ed McBain als bevorzugte Autoren angegeben har, scheute die Öffentlichkeit. Mit seiner Frau Avis, die er 1942 geheiratet hatte, verbrachte er die meiste Zeit seines Lebens in einem Bungalow in Ripon im Norden Yorkshires. Nach seinem erst viele Jahre später zur Kenntnis genommenen Tod geriet sein Werk rasch in Vergessenheit.

Wainwright war ein vielseitiger und sprachgewandter, mit allen Facetten der menschlichen Psyche vertrauter Autor. In seinen sorgfältig gebauten, aus den Blickwinkeln von Streifenpolizisten, hochrangigen Polizeibeamten, Tätern und Opferangehörigen erzählten Romanen zeichnet er ein scharfes Bild der von Monotonie, sozialer Isolation, Frustration, Schlafmangel, Zynismus und Gewalt geprägten Polizeiarbeit. Anders als Ed McBain behandelt er pro Buch nur einen einzigen Kriminalfall; und schickt immer wieder neue Polizisten ins Gefecht.

Charles Ripley von der fiktiven Kriminalaussenstelle Beechwood Brook, eine dickköpfige, zerrissene Persönlichkeit, ein erstklassiger, legendenumwobener Bulle, steht zwischen 1967 (damals noch als Chief Inspector) und 1975 neunmal im Brennpunkt des Geschehens, zuletzt als Chief Superintendent ausser Dienst, an den Rollstuhl gefesselt, nachdem eine Kugel ihm das Rückgrat zerfetzt hat – was ihn jedoch nicht daran hindert, zusammen mit zwei pensionierten Kollegen dem kaltblütigen Gangsterboss und Polizistenmörder Paul Gunter endgültig das Handwerk zu legen, bevor er selbst den Löffel abgibt; beschrieben in ‚Der Tod des alten Hasen‘, einer von Wainwrights faszinierendsten Geschichten. Elf Jahre später liess der Autor mit ‚Portrait of Shadows‘ eine Sammlung von Charles Ripley-Stories folgen.

Wainwrights Werk wird überstrahlt von der unbedingt chronologisch zu lesenden Reihe um den einfachen Yorkshirer Dorfpolizisten Johnny George Davis, einen hasserfüllten, habgierigen Mann mittleren Alters, der die Fronten wechselt, als er von seinen Vorgesetzten fallen gelassen wird (‚Die Leiche vor der Tür‘); und der in ‚Das Gesetz der Unterwelt‘, in dem zunächst die beiden Gangster und Erzfeinde Zimmerman und Kerr sowie Kriminalinspektor Liddell, dem Zimmerman einst die Frau ausgespannt hat, im Rampenlicht stehen, nur scheinbar eine Nebenrolle innehat, denn am Schluss ist Kerr tot, Zimmerman sitzt im Knast – und Davis hat sich den Weg zu einer grossen Gangsterkarriere freigeschaufelt. In den nachfolgenden Romanen ‚Die Abrechnung‘, ‚Das Geheimnis der schwarzen Messe‘ und ‚Teuflische Rache‘ kämpft Davis mit härtesten Bandagen gegen amerikanische Mafiatypen, korrupte Bullen und die lokale Konkurrenz, um seine Stellung in der englischen Unterwelt zu halten. ‚Treffpunkt Marseille‘ bildet den wuchtigen Abschluss der sechsteiligen Serie: Johnny George Davis, nunmehr stolzer Besitzer eines exklusiven Nachtlokals in Leeds, wird von der CIA als Lockvogel benutzt, um einem internationalen Drogenring zu zerschlagen. Johnny überlebt.

Weitere Höhepunkte in Wainwrights breit gefächertem Werk: die Policeman-on-the-Run-Story ‚Rache in zwei Minuten‘ (mit Charles Ripley in einer kleinen Nebenrolle); ‚Ein folgenschwerer Plan‘, die düstere, in den Slums von Leeds angesiedelte Geschichte des allseits geachteten Polizisten Robert Woolley, der eines Tages die Linie überschreitet und zu morden beginnt; ‚Das Empfangskomitee‘ und ‚Joey‘, zwei Titel aus der Superintendent Lennox-Serie, in denen jeweils ein unschuldig verurteilter Mann nach langen Jahren im Gefängnis wieder auf die Menschheit losgelassen wird; ‚Gehirnwäsche‘, der erste Titel der kleinen Reihe um den raffinierten Verhörspezialisten Detective Inspector Lyle, der einen mutmasslichen Kindermörder eine Nacht lang ausquetscht, in die Ecke drängt, „mit Worten erdrosselt“; der Spionagethriller ‚Agenten unter sich‘ mit dem ehemaligen Polizisten Johnny Pewter in der Hauptrolle; die an Georges Simenons ‚Romans durs‘ erinnernde Familiendramen ‚Schlafen Sie gut, Mr. Grantley‘ und ‚Faktor Feminin‘; der Gerichtskrimi ‚Kopf oder Zahl‘; der Geheimdienstroman ‚Mörder kennen keine Reue‘; ‚Das falsche Geständnis‘, ein Polizeithriller, in dem ein homosexueller Cop als Mörder entlarvt wird; sowie ‚In einer einzigen Nacht‘, eine unerhört dichte Darstellung der Ereignisse während einer achtstündigen Nachtschicht in der nordenglischen Kleinstadt Radholm, aufgezeichnet von einfachen Polizisten, hohen Polizeioffizieren, kleinen Gaunern, Durchschnittsbürgern und Angehörigen von Polizisten.

Und dann gibt es noch einen gewissen David Raff, der immer wieder in kleineren Rollen zum Zug kommt – ein Polizist, der sich gelegentlich einen Fehler leistet; ein Polizist, der noch Schuldgefühle empfinden und weinen kann; ein Polizist, der den seelischen Belastungen eines Tages nicht mehr standhält und in einer psychiatrischen Klinik landet – Wainwrights alter Ego?

Wainwrights bekanntester Krimi ‚Brainwash‘ (‚Gehirnwäsche‘) wurde 1981 durch Claude Miller unter dem Titel ‚Garde à vue‘ mit Lino Venturo, Michel Serrault und Romy Schneider in den Hauptrollen grossartig verfilmt und später auch für die Bühne und das Radio adaptiert.  Eine zweite Verfilmung im Jahr 2000 (‚Under Suspicion‘ mit Morgan Freeman, Gene Hackman und Monica) hatte dann nicht mehr viel mit der Vorlage gemein.

Bibliografie:

Johnny Pewter-Serie: The Crystallised Carbon Pig‘ – ‚Die Juwelenbande‘ 1966), ‚Web of Silence‘ – ‚Agenten unter sich‘ (1968), ‚Take-over Men‘ – ‚Der organisierte Mord‘ (1969);

Charles Ripley-Serie: ‚Evil Intent‘ (1966), ‚The Worms Must Wait‘ – ‚Die Würmer müssen warten‘ (1967), ‚The Darkening Glass‘ – ‚Der schwarze Himmel‘ (1968), ‚Freeze the Blood Less Coldly‘ – ‚In einer Nacht des Grauens‘ (1970), ‚Dig the Grave and Let Him Die‘ – ‚Acht Gewehre und kein Mörder‘ (1971), ‚Night Is a Time to Die‘ – ‚Nachts stirbt man schneller‘ (1972), ‚A Touch of Malice‘ – ‚Vorsatz gehört zum Mord‘ (1973), ‚The Hard Hit‘ (1974), ‚Death of a Big Man‘ – ‚Der Tod des alten Hasen‘ (1975), ‚Portrait in Shadows‘ (Stories, 1986);

Richard Sullivan-Serie: ‚Talent for Murder‘ – ‚Talent zum Morden‘ (1967), ‚The Big Tickle‘ – ‚Ein folgenschwerer Plan‘ (1969), ‚Requiem for a Loser‘ – ‚Requiem für einen Verlierer‘ (1972), ‚High Class Kill‘ – ‚Mord in der besten Gesellschaft‘ (1973), ‚Kill the Girls and Make Them Cry‘ – ‚Die ganz besondere Nacht‘ (1974);

Johnny George Davis-Serie (die vier ersten Titel erschienen zuerst unter dem Pseudonym Jack Ripley): ‚Davis Doesn’t Live Here Any More‘ – ‚Die Leiche vor der Tür‘ (1971), ‚The Pig Got Up and Slowly Walked Away‘ – ‚Das Gesetz der Unterwelt‘ (1971), ‚My Word, You Should Have Seen Us‘ – ‚Die Abrechnung‘ (1972), ‚My God How the Money Runs In‘ – ‚Das Geheimnis der schwarzen Messe‘ (1972), ‚The Devil You Don’t‘ – ‚Teuflische Rache‘ (1973), ‚Cause For a Killing‘ – ‚Treffpunkt Marseille‘ (1974);

Lennox-Serie: ‚Landscape With Violence‘ – ‚Gegend mit Gewalt‘ (1975), ‚Square Dance‘ – ‚Das Empfangskomitee‘ (1975), ‚The Day of the Pepercorn Kill‘ – ‚Joey‘ (1977);

Lyle-Romane: ‚Brainwash‘ – ‚Gehirnwäsche‘ (1979), ‚The Tenth Interview‘ – ‚Schlafen Sie gut, Mr. Grantley‘ (1986);

Robert Blayde-Trilogie: ‚All on a Summer’s Day‘ (1981), ‚An Urge for Justice‘ (1981), ‚Blayde R.I.P.‘ (1982);

Einzelwerke: ‚Death in a Sleeping City‘ – ‚Die schwarze Gräfin‘ (1965), ‚Ten Steps to the Gallow‘ – ‚Rache in zwei Minuten‘ (1965), ‚Prynter’s Devil‘ – ‚Jedes Mittel ist erlaubt‘ (1970), ‚Coppers don’t Cry‘ (1975), ‚Acquittal‘ – ‚Der Preis der Freiheit‘ (1976), ‚The Bastard‘ – ‚Das Messer an der Kehle‘ (1976), ‚Pool of Tears‘ – ‚Sechs Richtige und ein Toter‘ (1977), ‚Thief of Time‘ – ‚Gutschein für Mord‘ (1978), ‚Man of Law‘ – ‚Kopf oder Zahl‘ (1980), ‚The Distaff Factor‘ – ‚Faktor Feminin‘ (1982), ‚Heroes No More‘ – ‚Mörder kennen keine Reue‘ (1983), ‚Cul-de-Sac‘ – ‚Ein Schritt zuviel‘ (1984), ‚The Forest‘ (1984), ‚Clouds of Guilt‘ – ‚Das falsche Geständnis‘ (1984), ‚All Through the Nicht‘ – ‚In einer einzigen Nacht‘ (1985), ‚The Tenth Interview‘ (1986), ‚The Forgotten Murders‘ (1987), ‚Blind Brag‘ (1988), ‚A Very Parochial Murder‘ (1988), ‚The Gauntley Incident‘ (1990), ‚Sabbath Morn‘ (1993), ‚Murder Story‘ (1994), ‚The Life an Times of Christmas Calvert. Assassin‘ (1995).