(Kürzel für Milutin Doroslovac, 1923-2005; schrieb auch als Alex Lutin und Alexander Dormann)

Milo Dor wurde als Sohn eines serbischen Arztes und einer Mutter, die einen Kosmetiksalon führte, in Budapest geboren und wuchs in Gross-Betscherek, Serbien, und in verschiedenen Dörfern der südosteuropäischen Regionen Banat und Batschka auf, bis die Familie 1933 nach Belgrad übersiedelte. Weil er einen Schulstreik organisiert hatte, wurde Milo mit siebzehn Jahren vom Gymnasium verwiesen, konnte jedoch als Externer sein Abitur ein Jahr später nachholen.

Nach der Besatzung Belgrads durch die Nationalsozialisten nahm Milo Dor an der Widerstandsbewegung teil. 1942 wurde er verhaftet und ein Jahr später als Zwangsarbeiter nach Wien deportiert. Nach dem Krieg blieb er in Österreich und studierte bis 1949 Theaterwissenschaft und Romanistik an der Universität Wien. Ab 1951 war er Mitglied der „Gruppe 47“ um Günter Grass.

Milo Dor, der bereits als Teenager seine ersten Gedichte verfasst hatte und 1945 anfing, in deutscher Sprache zu schreiben, war ab 1949 hauptberuflich als freier Autor und Publizist tätig. Darüber hinaus übersetzte er aus dem Serbischen und Kroatischen. Er lebte mit seiner zweiten Frau bis zu deren Tod im Jahr 2002, dann allein, vorwiegend in Wien, aber auch in Rovinj auf der kroatischen Halbinsel Istrien, und starb 82-jährig in einem Wiener Krankenhaus. Sein Sohn aus erster Ehe ist der 1947 geborene Filmemacher Milan Dor.

Milo Dors Werk besteht aus Romanen (sein Hauptwerk, die Raikow-Trilogie, kreist um einen serbischen Widerstandskämpfer), Erzählungen, Essays, Sachbüchern, Kinder- und Jugendbüchern, Hörspielen, einem Trauerspiel, etlichen Drehbüchern und Anthologien und der 1988 erschienenen Autobiografie ‚Auf dem falschen Dampfer‘. In Gemeinschaft mit dem gleichaltrigen (1976 verstorbenen) Wiener Autor, Übersetzer, Journalisten und Herausgeber Reinhard Federmann verfasste er in den 50er-Jahren drei Politromane: ‚Und einer folgt dem anderen‘, ‚Internationale Zone‘ und ‚Und wenn sie nicht gestorben sind…‘, der erst vierzig Jahre später erstmals herauskam.

‚Internationale Zone‘ ist eine schnörkellose, in Wien angesiedelte Geschichte, dem durch die Alliierten besetzten, von Schwarzmärkten und Schmuggel, Spionage und Menschenhandel, Geldgier und Opportunismus beherrschten offenen Tor zwischen Ost und West. Vier habsüchtige, niederträchtige Männer spielen die Hauptrollen: Boris Kostoff, ein versoffener, fetter bulgarischer Tierarzt, der wegen einer Gewalttat einige Jahre im Zuchthaus einsass; der smarte Rumäne Georges Maine, alias Georgi Maniu, und der Österreicher Freddie Hirsch, die zusammen den Zigarettenschwarzmarkt fest in der Hand haben, sich aber längst nicht mehr über den Weg trauen; und der russische Polizeioffizier Gubarew, ihr wichtigster Verbindungsmann im sowjetischen Sektor. Verschoben werden vor allem Tabakwaren und Schnaps, aber in vermehrtem Umfang auch Textilien, Medikamente und Stahl – ein Milliardengeschäft, mit dem die Russen ihre Armee finanzieren und die westliche Seite ihre Schweizer Bankkonti nährt.

Bibliografie:

‚Und einer folgt dem anderen‘ (1953), ‚Internationale Zone‘ (1953), ‚Und wenn sie nicht gestorben sind…‘ (1996).