(1954-2009; schrieb auch als Phil Athur, Vince C. Aymin Pluzin, Martin Eden und Ramon Mercader)

Thierry Jonquet wurde als Sohn einer kommunistischen Arbeiterfamilie in Paris geboren und wuchs, inspiriert durch Bücher und Filme, auch dort auf. Bereits als Teenager sympathisierte er mit der politischen Linken. Er schrieb sich bei der trotzkistischen ‚Lutte ouvrière‘ ein, unter dem Pseudonym Daumier, der ein berühmter Karikaturist des 19. Jahrhunderts gewesen war, und wurde 1972 Mitglied der ‚Ligne communiste révolutionnaire‘. Nach abgebrochenem Philosophiestudium verrichtete er Gelegenheitsjobs wie Strassenmarkierer und Wäschehändler, bis er sich als Ergotherapeut ausbildete und diesen Beruf in ganz unterschiedlichen Krankenhäusern (psychiatrische Klinik, Geriatrie, Abteilung für Säuglinge mit angeborenen Krankheiten) ausübte. Darüber hinaus unterrichtete er jugendliche Straftäter. 1982 veröffentlichte er unter dem Pseudonym Ramon Mercader, dem Namen des Trotzki-Attentäters, den Roman ‚Du passé faisons table rase‘ und konzentrierte sich fürderhin weitgehend auf die Schriftstellerei – Romane für Jugendliche und Erwachsene, Kurzgeschichten und Fernsehdrehbücher dominieren sein Werk. Er starb 55-jährig in einem Pariser Krankenhaus.

‚Die Haut, in der ich lebe‘ kommt mit einer Handvoll Figuren aus. Der Abiturient Vincent wird seit mehreren Jahren von einem älteren Mann in einem Kerker gequält und erniedrigt und muss jeden Tag ein Medikament einnehmen, das seine Libido unterdrückt und zu Brustwachstum führt. Alex, etwas unterbelichtet, war früher ein Kumpel von Vincent. Jetzt befindet er sich nach einem völlig missglückten Banküberfall, bei dem ein Polizist ums Leben kam, auf der Flucht und braucht ein neues Gesicht. Die schöne Eve und der angesehene plastische Chirurg Richard Lafargue pflegen eine ungeheure Beziehung: Eve wird in seinem Haus gefangen gehalten, von ihm als Prostituierte eingesetzt und einmal pro Monat in eine psychiatrische Anstalt mitgenommen, um dort eine vegetierende Frau zu besuchen – Lafargues Tochter Viviane, das Bindeglied zwischen den Protagonisten, deren Schicksal dem Leser schrittweise offenbart wird. In seinem knappen, mit überraschenden Wendungen aufwartenden Noir-Roman scheint der Autor den jugendlichen Tätern mehr Sympathie entgegenzubringen als dem intellektuell und strategisch weit überlegenen, mit grosser Raffinesse handelnden Opfer Richard Lafargue.

In dem vielschichtigen, von einer düsteren Stimmung durchdrungenen Krimi ‚Die Goldgräber‘ stellt Jonquet den erfahrenen Pariser Oberkommissar Rovère und die frisch von Tours nach Paris gekommene Ermittlungsrichterin Nadia Lintz in den Mittelpunkt, zwei plastisch skizzierte, mit privaten Sorgen belastete Figuren, die einer Serie von mysteriösen Ritualmorden auf den Grund gehen. Die Spuren führen zuerst ins polnische Immigrantenmilieu von Paris, schliesslich aber zurück in die nationalsozialistische Vergangenheit – nach Auschwitz.

Bibliografie:

‚Du passé faisons table rase‘ (ursprünglich als Ramon Mercader, 1982), ‚Mygale‘ – ‚Die Haut, in der ich wohne‘ (1984; überarbeitete Neuausgabe 1998), ‚Cours moins vite, camerade, le vieux monde est devant toi‘ (1984), ‚URSS go home‘ (1985), ‚Le manoir des immortelles‘ (1986), ‚Le secret du rabin‘ (1986), ‚Comedia‘ (1988), ‚Le pauvre nouveau est arrivé‘ (1990), ‚La vie de ma mère‘ (1994), ‚Rouge c’est la vie‘ (1998), ‚Ad vitam aeternam‘ – ‚Die Unsterblichen‘ (2002), ‚Mon vieux‘ (2004), ‚Ils sont votre épuvante et vous êtes leur crainte‘ (2006);

Kommissar Gabelou-Romane: ‚Mémoire en cage‘ (1982), ‚La bête et la belle‘ (1985);

Kommissar David Lansky-Romane (ursprünglich als Martin Eden): ‚L’enfant américain (1989), ‚Le gang des limousines‘ (1989);

Nadia Lintz & Rovère-Romane: ‚Les Orpailleurs‘ – ‚Die Goldgräber‘ (1993), ‚Moloch‘ (1998).